Adyashanti

Im Kern geht es im ganzen spirituellen Bemühen, um eine sehr einfache Sache: In der Spiritualität geht es im Wesentlichen um das Erwachen zu einem intuitiven Gewahrsein des Einsseins und um die Auflösung unserer Anhaftung an das egoische Bewusstsein.
Wenn ich sage, dass Spiritualität eine sehr einfache Sache ist, will ich weder behaupten, dass es ein einfaches noch ein schwieriges Unterfangen ist. Für manche kann es sehr einfach sein, während es anderen schwerer fällt.

Im Erwachensprozess zu einer höheren Wirklichkeit spielen viele Faktoren und Einflüsse eine Rolle, doch die wichtigsten Elemente sind Aufrichtigkeit, Mut und die Zielgerichtetheit
des Geistes. Aufrichtigkeit ist ein Wort, dass ich oft in meinen Teachings verwende, um die Wichtigkeit des Verwurzeltseins in der Qualität von Ehrlichkeit, Authentizität und Wahrhaftigkeit zu vermitteln.

Es kann nichts Falsches oder Künstliches in unserer Motivation liegen, wenn wir vollständig zum natürlichen und integralen Zustand des ungeteilten Gewahrseins erwacht sind. Während die Lehre und die Lehrer uns nach Innen führen können, zum „Frieden jenseits allen Verstehens“, ist es immer die Spur der inneren Aufrichtigkeit, oder deren Fehlen, der wir folgen.

Ehrlichkeit ist nicht korrumpierbar

Das Ego ist clever und raffiniert in seinen Täuschungsmanövern und nur die Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit unseres unsagbaren Seins entziehen sich seinem Zugriff. Bei jedem Atemzug und jedem Schritt, den wir tun ist uns die Möglichkeit gegeben, sowohl innerlich als auch äußerlich zu agieren und zu reagieren.

Dabei haben wir die Wahl entweder aus der Konditionierung des egoischen Bewusstseins heraus, das Kontrolle und Trennung über alle Maßen schätzt, zu handeln oder aus dem intuitiven Gewahrsein des Unteilbaren, das in der inneren Stille unseres Seins verweilt.

Ohne Aufrichtigkeit sind selbst die größten spirituellen Teachings nichts weiter als Spielzeug für den Verstand. In unserer schnell-lebigen Welt der Instant-lösungen, der großen Versprechen und der kurzen Aufmerksamkeitsspannen, ist es sehr einfach an der Oberfläche von Bewusstsein zu verbleiben, ohne es überhaupt mitzubekomen.

Intime Präsenz

Da den erwachten Zustand eine ständige Präsenz auszeichnet, die einem näher ist als die eigenen Füße, Hände oder Augen, kann man sich ihm nicht wie einer belanglosen und unaufrichtigen Modeerscheinung nähern. Es gibt einen Grund, warum die Sucher auf der ganzen Welt dazu angehalten werden, ihre Schuhe abzustreifen und die Stimme zu senken, wenn sie heilige Orte betreten. Die Botschaft dahinter ist, dass das Ego verstummen muss, bevor ihm Zugang zum Göttlichen gewährt wird.

Alle Versuche des Ego, zu kontrollieren, zu fordern und mit der Wirklichkeit zu hadern, bringen nichts anderes als ein konfliktreiches und schwieriges Leben mit sich. Doch ein offener Geist und ein aufrichtiges Herz haben die Kraft uns zur Realisation dessen zu führen, was immer schon präsent war und ist.

Wenn Menschen den großen Weisen Nisargadatta fragten, was seiner Ansicht nach die wichtigste Qualität sei, um erwachen zu können, sagte er „Ernsthaftigkeit“. Wenn Du ernsthaft bist, bist Du beides: aufrichtig und zielgerichtet. Zielgerichtetheit bedeutet, Deine Aufmerksamkeit auf eine Sache gerichtet zu halten.

Der Verstand springt hin und her

Ich habe herausgefunden, dass die größte Herausforderung für die meisten spirituellen Sucher ist, für lange Zeit auf eine Sache fokussiert zu bleiben. Der Verstand, mit seinen Sorgen und Fragen, springt wild von einem Moment zum anderen umher.

Es passiert selten, dass er mit einer Frage lange genug verweilt, bis er sie in der Tiefe durchdringt. In der Spiritualität ist es sehr wichtig den egoischen Verstand nicht, wie einen untrainierten Hund, von einem Thema zum nächsten springen zu lassen. Zur Erinnerung: Erwachen heißt, Deine wahre Natur zu realisieren und die Anhaftung an das egobesetzte Bewusstsein zu erlösen.

Meine Großmutter, die vor einigen Jahren gestorben ist, sagte oft scherzhaft zu mir:
„Altwerden ist nichts für Weicheier.“ Sie war sich der Herausforderungen eines alternden Körpers wohl bewusst und während sie sich nie beschwerte oder selbst bemitleidete, wusste sie aus erster Hand, dass der Alterungsprozess sowohl Vor- als auch Nachteile hat.

Der große Mut

Da war ein Mut, der in ihrem Herzen lag, welcher ihr gute Dienste leistete, während sie sich dem Ende ihres Lebens näherte. Ich schätze mich glücklich sagen zu können, dass sie freiwillig und angstfrei gestorben ist. Der Prozess eines vollständigen und reifen Erwachens, erfordert in ähnlicher Weise, den gleichen Mut. Es ändert sich nicht nur unsere Sicht auf das Leben, sondern das Leben selbst transformiert sich als und in die Übereinstimmung mit der inneren mystischen Vision.

Ein aufrichtiges Herz ist ein kraftvolles und mutiges Herz, das angesichts der großen Offenheit des Daseins, bereit ist loszulassen. Angesichts einer solchen Offenheit und Weite, die der egoische Verstand auf keine Weise in der Lage ist zu verstehen. Wenn sich das Bewusstsein jenseits des Traumzustandes des egoischen Bewusstseins öffnet und in in die Substanzlosigkeit des intuitiven Gewahrseins einaucht, ist es ganz normal, dass das Ego während der Übergangsphase Angst und Panik empfindet.

Während es im natürlichen Zustand unseres grenzenlosen Seins nichts zu befürchten gibt, liegt solch ein Zustand jedoch jenseits des Fassungsvermögens des Egos, das immer alles fürchtet, was es nicht versteht und damit nicht kontrollieren kann. Sobald unsere Identität das Reich des Ego verlässt und ihren ihr zugedachten Platz, als Wesenhaftigkeit im unendlichen wesenlosen Gewahrsein einnimmt, verlieren sich alle Ängste auf die gleiche Weise, als würden wir aus einem schlechten Traum erwachen.

Auf die gleiche Weise, wie meine Großmutter sagte: „Altwerden ist nichts für Weicheier!“, kann man ebenso sagen, dass es Mut erfordert, den Übergang vom Traumzustand in den reifen, erwachten Zustand zu vollziehen. Aufrichtigkeit, Zielgerichtetheit und Mut sind unverzichtbare Qualitäten, um vom Traumzustand des Ego in den Frieden und die Leichtigkeit eines erwachten Daseins einzutreten. Alles was zu tun übrig bleibt, ist danach zu leben.

Adyashanti 2008 „The indispensable qualities of Awakening“
Hier geht’s zum Originaltext.  (Übersetzt von Nicole Paskow)