Vögel im Flug

Ein schmerzhafter Gedanke ruft nur dann leidvolle Gefühle hervor, wenn er abgewehrt, statt wahrgenommen wird. Worin besteht die Abwehr? In der Nichtwahrnehmung des Gedankens. Das Wahrnehmende (Ich) wird in den Gedanken hineingezogen und ist nur noch in der Lage, die Bedeutung des Gedankens (von innen) wahrzunehmen, statt den Gedanken selbst
(von außen).

Die Bedeutung erhält der Gedanke nur dadurch, dass die Wahrnehmung sich in ihm verliert und mit ihm verschmilzt. Damit ist sie sich als stets gegenwärtige, wache Präsenz, nicht mehr ihrer Anwesenheit bewusst. Und das tut weh.

Es muss ein Interesse am Gedanken bestehen, sonst würde er gar nicht erst auftauchen. Dieses Interesse ist nicht gemacht. Es gibt keinen Schuldigen. Es handelt sich um (auf geistigem Niveau) kristalline Gedankenmuster, die gleichsam wie Planeten ihre Trabanten, jene Gedanken im Blickfeld haben, die sich in ihrer Umflaufbahn befinden – angezogen vom selbsterhaltenden Interesse des Musters.

Die Erlösung aus der limitierten (und limitierenden) Wahrnehmung des Schmerzes, oder der Angst oder auch der Leere, liegt im Gebrauch der eigenen geistigen Potenz. Sie liegt in der Kraft des Bewusstseins, den Schmerz /die Angst/die Leere, die der Gedanke verursacht, vollständig wahrzunehmen. Vollständig bedeutet ohne jede Abwehr und damit ohne jede Reaktion. Dafür bedarf es ebenfalls eines Interesses.

Folgerichtig und vollkommen schuldlos

Und auch für dieses Interesse gibt es keinen Schuldigen. Es ist genauso wenig gemacht, wie das Interesse am schmerzverursachenden Gedanken. Es entsteht einfach so, wie alles einfach so entsteht, in der gleichen Folgerichtigkeit, die aus Regenwolken Wassertropfen fallen lässt, wenn es soweit ist.

Es gibt keinen Anstoß für die Dinge. Die Ursachenforschung muss auf ewig unerfüllt bleiben und kann nur für denjenigen (vorübergehend) befriedigend sein, der nicht weit genug sehen will. Jede Ursache für seelische Schmerzen, die in der Kindheit gefunden wird, muss dem Nichtwissen weichen, wo denn diese Ursache ihren Anfang genommen hat …

Nur der Mensch, der die Linie konsequent zurückverfolgt kommt dem auf die Spur, was uns an den Rand der Welt bringt – an den Rand der Worte, die wir haben, um uns zu begreifen. Und nur der Mensch, der trotz der Angst weitergeht, die ihn angesichts der Einsamkeit erfasst, welche ihn befällt, sobald er den Boden von Ursache und Wirkung unter den Füßen verliert, kommt in den freien Fall.

Keine Frage von Bedeutung

Es ist der freie Fall, der uns in die Weite des Alls wirft wo Anfang und Ende ihren Sinn verlieren. Wo die Erde wie ein Gedanke erscheint, der um sich selbst kreist. Ein um sich selbst kreisender Gedanke, dessen Bedeutung nicht über ihn selbst hinaus finden kann, weil er nichts als sich selbst wahrnimmt. Er verliert erst seine Bedeutung, wenn uns klar wird, um wie vieles größer der Weltenraum ist, als wir je vermutet haben.  Doch das ist keine Frage von Bedeutungen. Die Erde hat nicht mehr oder weniger Bedeutung als ein Gedanke und umgekehrt.

Es ist die Dimension, die sich zu erkennen gibt, wenn man unbedingt auf den Mond will und in Kauf nimmt, niemals zurückzukehren. Sie bricht auf, wenn wir aufbrechen und zu echten Forschern werden, die nichts gelten lassen – was sich doch wieder nur als sterblich entpuppt. Wie alle Gedanken und Gefühle, die sich bedeutungsschwanger aufplustern und die Realität unserer wahren Dimension begrenzen wollen. Damit wir nicht fallen und erleben, was das bedeutet, denn dann wären sie einfach nur – erledigt. Und wer hat daran schon Interesse?