Gott.Mensch.Sein - Cover

Leseprobe

Aus dem Einen

Will ich immer noch verführt werden?

 

Alles findet nur in unseren Gedanken statt. Das Leben, das wir
erleben, ist in seiner Gesamtheit ein Nacherleben. Die Gedanken können also nicht das Problem sein! Was dann?

Es sind bestimmte Gedanken, die uns unglücklich machen. Erstaunlicherweise sind es fast immer solche, die aus dem Kontext gerissen sind und sich um uns drehen – egozentrische Gedanken. Meine Wünsche, meine Vorstellungen, meine Schmerzen, mein Unbehagen.

Zuviel von „mir“ beschwört ein Unglück herauf, dass sich selbst immer weiter befeuert. – Ich muss meine Probleme lösen. Ich muss an mir arbeiten und alles dafür tun, dass meine Wünsche in Erfüllung gehen. Jedes „mein“ arbeitet gegen das Selbst-vergessen. Allerdings wirken sich nur selbstvergessene Gedanken konstruktiv auf mich und die Welt aus.

Das selbst-vergessene Denken ist einfach, „gerecht“ und klar. Es sondert nicht. Es denkt sich nicht aus den Niederungen des Lebens heraus und in eine – meine – Sonderrolle hinein. Auch wenn ich die Selbstvergessenheit nicht direkt ansteuern kann, so kann ich doch erkennen, dass die ständige Zentrierung auf mich als Person unglücklich macht.

Solange ich glaube, dass es um meine Gedanken geht, muss ich
ein Unglück für mich sein. Natürlich kein durchgängiges Unglück, sondern eines, das hin und wieder von der selbstvergessenen Freude kosten darf, die sich ereignet, wenn etwas gelingt. Dann vergesse ich mich selbst. Zwar nur kurz, aber immerhin. Ich vergesse für einen Augenblick, mich zu sondern und bin ganz einverstanden mit dem, was ist. Schließlich habe ich mich gerade durchgesetzt. Glaube ich.

Tatsächlich hat sich einfach etwas auf eine Weise zugetragen,
die mir entgegenzukommen scheint. Es scheint mir entgegen-zukommen, wenn mein Tun von Erfolg gekrönt ist.
Es scheint mir entgegenzukommen, namentlich erwähnt
zu werden.  In diesem Augenblick fällt den um sich selbst kreisenden Gedanken nichts mehr ein und so zeigen sie sich mir nicht. Das ist eine riesengroße Erleichterung, weil ich dann für einen Augenblick frei von mir bin.

Es erleichtert ungemein, nicht im Zentrum des Denkens zu stehen und die Gedanken nicht zwanghaft auf sich selbst zu beziehen. Es ist schön! Ich bin traurig! Es tut weh! – Das sind keine egozentrierten Gedanken, sondern unmittelbare Empfindungen im Gedankenkleid.

Das ist etwas vollkommen anderes. Denn mein Schmerz ist nicht „meiner“. Es ist Schmerz, der wahrgenommen wird. Meine Trauer ist nicht „meine“, auch wenn sie sich auf etwas Konkretes bezieht.

Die Schönheit, die ich sehe, ist nicht „meine“, auch wenn sie nicht von allen gesehen wird. Unmittelbar körperlich-geistige Resonanzen sind etwas vollkommen anderes als gedankliche Konstruktionen, die um sich selbst kreisen und ein Bild von mir entstehen lassen, das jeder Grundlage entbehrt.

Das egozentrische Denken muss immer und zu allem eine persönliche Beziehung herstellen. Das ist es, was das Leben so
anstrengend, laut und „würdelos“ macht.

Worte wie Anmut, Schönheit, Freude, Harmonie, Trauer, Leid oder Hingabe sind Worte, aus denen sich kein egozentrisches Gedankenkleid schneidern lässt. Denn bei allen diesen Worten geht es nicht um „mich“.

Genauer betrachtet tun mir Gedanken, in deren Zentrum ich
stehe, so gut wie immer etwas an! Sie verzerren das, was sich
natürlicherweise sehr klar und einfach darstellt. Mir fehlt die Erkenntnis, dass ich sehr wenig brauche. Was mir fehlt, ist Einfachheit. Die Freude am einfachen und vorbehaltlosen Sein.

Einfach und vorbehaltlos können die Freude und(!) der Schmerz am Sein allerdings nur dann sein, wenn ich mich von meinen Gedanken nicht immer wieder ins Zentrum stellen lasse.

Die um mich als Person kreisenden Gedanken verführen mich
ein ums andere Mal, das ganze Leben draußen zu lassen,
damit ich an sie denken kann. So „wichtig“ scheine ich mir zu sein. Genauer geschaut wird klar: So wichtig sind mir
meine Gedanken!

Daniel Herbst

Reaktionen

Mir gefällt es, wie Daniel Herbst die umfassenden Fragen stellt, darin nie locker lässt und den Leser, auch mit Beispielen, mitnimmt. Mal nüchtern, immer klar, tief durchdringend und mal poetisch. Er macht große Räume auf, in denen wir über die Betrachtungsebenen zum besseren Verstehen kommen und vereint diese wieder. Er verurteilt nichts, wenn er unterscheidet. Er bildet Brücken, auch in den deutschen Sprachraum und in den Alltag hinein. Herbst ist ein nobler Autor, der die „Non-Duality Szene“ durchschaut und damit auch durchschreitet. Er entwickelt sich sichtlich weiter und kann darin seine Leser mitnehmen. Natürlich wünscht man ihm ganz viele davon. 

Lothar Helger