Es spalten – Leo Hartong

Es spalten – Leo Hartong

Daniel Herbst Wenn es nur noch ums Überleben geht

Frage: Ich habe intuitiv den Eindruck, dass die Tendenz des Verstandes, das Ganze der Schöpfung in eine „gute“ erwünschte und eine „schlechte“ nicht erwünschte Seite zu unterteilen, grundlegend für die Erhaltung des getrennten Wesens ist.

Diese Spaltung zeigt sich auf offensichtliche und unterschwellige Weise. Religionen manifestieren diese Spaltung in sehr grober und auffälliger Form. Ich war kürzlich bei einer kirchlichen Trauung und wurde durch den diensthabenden Priester mit einem überaus komischen Ausdruck dieser Spaltung bedacht. Ich fand es höchst unterhaltsam, aber auf einer anderen Ebene erinnerte es mich daran, wie kraftvoll dieses Glaubenssystem ist, das das Leben in „gut“ und „böse“, in „Himmel“ und „Hölle“ und in „Sünde“ und „Tugend“ spaltet.

Viele Menschen haben diese Art „grober (Ab)Spaltung“ hinter sich gelassen und sich auf so-genannte „spirituelle oder psychologische Pfade der Selbst-Erkenntnis“ begeben. Trotzdem hält die Spaltung an. Bei den Jungianern sprechen sie davon „den eigenen Schatten in die Vollständigkeit (hinein) zu lieben“. Dabei IST der so-genannte Schatten bereits die Ganzheit! Andere Menschen versuchen sich darin, alles zu umarmen, sowohl die angenehmen wie auch die unangenehmen Gefühle. Das ist aber nur eine subtilere Form derselben Trennung. Dabei versucht das „getrennte Individuum“ immer noch, das Unangenehme in etwas Angenehmes zu verwandeln. Wir könnten weitere Beispiele finden: Alle Wege gehen von dieser Spaltung aus, egal ob sie grobschlächtig oder subtiler sind.

Für mich besteht das Paradox darin, dass diese Spaltung selbst im Erwachen fortbesteht. Es ist nicht so, dass wir einen ultimativen Zustand bedingungsloser Liebe erreichen, in dem wir keine Vorlieben mehr haben. Das ist einfach Mist. Die persönlichen Eigenschaften sind Teil des Spiels, die sich deshalb weiterhin durch Vorlieben und Abneigungen zeigen. Um es freiheraus zu sagen: Alle Menschen werden einen wunderschönen Strandspaziergang einer dunklen Folterkammer vorziehen. Es ist sehr viel einfacher, „das Göttliche“ in der spielerischen Unschuld eines kleinen Kindes zu sehen, als in einem blutrünstigen Vergewaltiger. Was ändert sich dann eigentlich?

Ja, ich weiß – die Quelle offenbart sich als „alles, was ist“ und „alles, was ist“ drückt sich durch Dualität aus. Ohne Dualität kann es keine Manifestation geben. Das ist klar. Aber im täglichen Leben kann ich meinen Vorlieben nicht entkommen, ich kann die Spaltung nicht überwinden. Um zu meinem ursprünglichen Punkt zurückzukommen: Ja, ich nehme wahr, dass der Verstand das Gefühl, ein getrenntes Wesen zu sein, dadurch aufrechterhält, dass er das Leben in eine erwünschte und eine nicht erwünschte Seite spaltet. Aber das scheint unvermeidbar zu sein … Wie kann sich das jemals (auf)lösen?

Leo: Wie Dogen sagte:

„Obwohl alles Buddha-Natur hat, lieben wir Blumen und kümmern uns nicht ums Unkraut.“

Vorlieben tauchen ebenso auf, wie offensichtliche Unterschiede; nichts als das Absolute ist absolut. Deshalb erscheint im täglichen Leben das Unkraut des einen Menschen als die Blume eines anderen. Es gibt nichts, was dagegen getan werden kann oder muss.

Diese Manifestation, wie sie der Verstand sieht, wird immer auf der Grundlage von Gegensätzen ablaufen. Insofern ist das Erwachen nicht das Ende der Vorstellung, wie sie heute erscheint. Mit dem Erwachen kommt es zur Erkenntnis, dass es kein getrenntes Wesen gibt, das erwachen könnte. Das macht dieses ganze Erwachens-Ding zu so etwas wie einem Streich, den sich das Selbst selbst spielt. Wenn im Seil eine Schlange gesehen wird, ist das Seil trotzdem noch ein Seil. Wenn Vielfalt auf den Einen Bildschirm projiziert wird, ist es immer noch der Eine Bildschirm. Sobald klar ist, dass es wirklich kein getrenntes Wesen gibt, werden Vorlieben und Abneigungen nicht länger als Eigenschaften betrachtet, die zu „jemandem“ gehören, der sie erlösen muss. Sie werden jetzt als eine der zahllosen Möglichkeiten betrachtet, wie das Eine sich selbst erscheint – unzählige Variationen, aber alle von einem einzigen „Thema“.

Im Körper/Verstand drückt sich das natürliche Funktionieren durch bestimmte Merkmale aus, die man Vorlieben nennen kann. Wir können z. B. sagen, dass manche Blumen am besten im Schatten wachsen, während für andere das direkte Sonnenlicht von Vorteil ist. Wir können denselben Gedanken ausdrücken, indem wir sagen, dass bestimmte Blumen den Schatten und andere die Sonne bevorzugen.

Das persönliche Selbst – Folge der Identifikation

Wenn man sich ausschließlich mit einem Körper/Verstand und seinen unleugbaren Vorlieben identifiziert, taucht die künstliche Vorstellung eines persönlichen Selbst auf, das diese Vorlieben „hat“. Aber ganz nah, näher als nah ist das Zentrum, von dem aus die Fragen und Vorlieben gesehen werden. Dieses Zentrum ist weder Person, noch Gedanke oder Zustand. Wir können darauf hinweisen, indem wir es das Unwissbare Wissende nennen. Darin ist Raum für alle Darstellungen, Gedanken und Zustände. Aufgrund seiner bedingungslosen Nichteigenschaft als grenzenlose Weite, wird es auch „reine und bedingungslose Liebe“ genannt.

Dieses „etwas (Ding)/nichts (kein-Ding)“ hat in Wirklichkeit keine Eigenschaften – nicht einmal „reine bedingungslose Liebe“ – und es ist für den Verstand absolut ungreifbar. Es hat keine „Griffe“ und kann ebenso wenig erreicht werden, wie der Ort, an dem du dich befindest.

Alle „Haltegriffe“ sind von Dualität durchdrungen, darauf hast du selbst hingewiesen; auch der „Griff“ des Erwachens. Sie alle werden vom Verstand hervorgebracht, und wenn man es genauer untersucht, kann deutlich werden, dass der Verstand selbst Dualität in Aktion ist. Der Verstand spaltet das Eine in die Vielen, und selbst das Konzept „Ich bin“ beinhaltet ein „du bist“. Dieser Verstand ist es, der die Frage „wie kann die Spaltung überwunden werden?“ ins Spiel bringt, ohne zu bemerken, dass er selbst die Spaltung ist. Der Verstand bringt alle Gegensätze hervor, die offensichtlichsten ebenso wie die aller subtilsten. Im Tao Te King wird diese Spaltung poetisch „wechselseitiges Entstehen“ genannt.

Wenn jeder das Schöne als schön erkennt,
gibt es bereits das Hässliche.
Wenn jeder das Gute als gut erkennt, gibt es bereits das Böse.
„Zu sein“ und „nicht zu sein“ entstehen gemeinsam.
Schwer und einfach werden gemeinsam erkannt.
Lang und kurz führen wechselseitig zueinander.

 Im selben Buch heißt es:

Das Namenlose ist der Ursprung von Himmel und Erde.
Das Benennen (der Verstand) ist die Mutter der zehntausend Dinge.

Das Ich kann der Spaltung nicht entkommen …

So wie Feuer der Hitze nicht entkommen kann, kann der Verstand der Spaltung nicht entkommen. Und auf eben diese Weise kann das „Ich“ den Vorlieben nicht entkommen, weil Vorlieben Teil der konzeptuellen „Ich“-Struktur sind. Wenn es überhaupt die Möglichkeit des Entkommens gibt, dann besteht sie in der Erkenntnis, dass es keiner Flucht bedarf, weil dieses „Ich“ nicht alles ist, was ICH BIN.

Benennungen sind die Quelle aller scheinbaren Dualität und auf diese Weise wird das Spiel gespielt. Ohne diesen Umstand würde sich überhaupt kein Spiel zeigen. Aber egal wie es erscheint – die Quelle von Himmel und Erde ist selbst niemals geteilt. In der Einen Quelle, der diese Manifestation entspringt und in die sie zurückkehrt, ist bereits alles geklärt.

Die Flüsse, die nach Westen und Osten fließen,
vereinigen sich im Meer und werden eins mit ihm.
Sie vergessen, dass sie jemals getrennte Ströme waren.
Ebenso hebt sich die Getrenntheit in allen Wesen auf,
wenn sie schließlich ins reine Sein hinein verschmelzen.
Es gibt nichts, was nicht vom reinen Sein ausgeht.
Es ist das innerste Selbst von alle(n/m).
Es ist die Wahrheit; es ist das höchste Selbst.
Du bist das, Shvetaketu, du bist das!

Auszug aus “Betrachtungen vom Spielfeldrand”.