Avadhuta Gita – Gesang der Freiheit

Gott und Welt sind eins

 

Das, was nicht an sich hängen bleibt,
kann keinen Widerspruch hervorrufen.


Dualität (Zweiheit) und Nondualität (Nicht-Zweiheit – Das Eine ohne ein Zweites) bilden den letzten gedanklichen Widerspruch und damit den Urdualismus (Rückführung des Seins auf zwei Grundprinzipien), der sich erst im wirklichen Erkennen, also in einem Verstehen, das weit über jedes gedankliche „Begreifen“ hinausgeht, als Wirklichkeit-an-sich offenbaren kann.

Diese Wirklichkeit kann nicht mehr beschrieben werden, weil jede Beschreibung voraussetzt, dass sich etwas gegen etwas anderes abgrenzen lässt. Doch das, was Wirklichkeit ist, ist nirgendwo nicht gegenwärtig. In diesem Überall ist genug „Platz“ für alle Vorstellungen – selbst für ein Diesseits und ein Jenseits, für Schöpfer und Schöpfung, Wahrheit und Lüge, Leben und Tod und alles andere, was sich denken lässt und damit beruhigend oder beunruhigend auf uns auswirken kann.

Solange sich uns finale Wirklichkeiten darstellen, glauben wir auch, ein eigenes Leben zu haben. Dabei ist das, was Wirklichkeit ist, zu offensichtlich, um dem Verstand einzuleuchten – ist er es doch, der alles, was sich denken lässt, in Form von Gegensätzen in den Raum stellt.

Wirklichkeit kann sich also nicht „hier“ oder „dort“ befinden, bzw. „nicht hier“ oder „nicht dort“. Vielmehr ist sie als ein einziges Ganzsein, das jedes Hier und jedes Dort, jedes Für und jedes Wider, jede Besonderheit und jeden scheinbaren Widerspruch in sich – nein nicht vereint, sondern aufhebt.

Die Urillusion besteht in der Annahme, dass wir einen Teil der Wirklichkeit als nichtgewünscht ablehnen und so aus unserem Leben verbannen können. Dabei ist das Leben selbst die Urdynamik und das Spannungsfeld, das der Verstand zu manipulieren versucht, um es in die von ihm gewünschte Richtung zu lenken.

Da, wo sich der Verstand für die eigentliche Richtschnur des Lebens hält, wird er wahnhaft und fängt an, seine Fantasien und Entwürfe mit der Wirklichkeit zu verwechseln. Dabei ist vollkommen offensichtlich dass etwas, was selbst unablässig Wirklichkeiten entwirft, zwar zu unserer Wirklichkeit werden aber nicht die einzige Wirklichkeit, also Wirklichkeit-an-sich sein kann. Wenn wir auf der Ebene von Gedanken unterwegs sind bzw. uns von ihnen absorbieren lassen, erleben wir augenblicklich, welche Auswirkung die Beschreibung der Welt auf uns hat: Sobald sich im Verstand Gedanken bewegen, entsteht aus dem Nichts eine widersprüchliche Realität: Die Gedankenwelt als Wirklichkeit unseres Alltagsbewusstseins – Dualität: Hier tun sich Himmel und Hölle auf. Hier wird Gott von sich selbst getrennt und in Aspekte zerlegt, denen Attribute zugeordnet werden. Damit wird ein Selbsterkennen unmöglich.

Das Leiden an der Dualität führt früher oder später zu einem Konzept, das die Zweiheit kurzerhand zur Nicht-Zweiheit erklärt und dazu führen soll, dass aus dem erregten Verstandes- und Mentalkörper (Mind) ein harmonisch befriedeter No-mind hervorgeht.

Gerade Sucher, die dem Konzept der Nondualität anhängen, glorifizieren den Nomind, den sie mit „Mouna“, dem großen Schweigen bzw. der Sprache Gottes gleichsetzen. So soll sich der innere Unfrieden in die Bedingungslosigkeit des wahren Friedens hinein entspannen. Allerdings hat dieses spirituelle Ideal nicht mehr mit der Wirklichkeit zu tun, als jede andere spirituelle Fantasie. Denn eine Welt, die erscheint, erscheint immer auch auf der Ebene von Gedanken! Das, was ausgeschlossen wird, kann allein deshalb nicht zur Wirklichkeit führen, weil alles, was zu etwas führen soll, von Gedanken abhängig ist.

Das, was Wirklichkeit ist, kann sich auf keine Seite schlagen, weil es in „der“ Wirklichkeit keine Seiten und damit keine Dualität gibt. Und das, was sich transformiert, wird sich bis in alle Ewigkeit weiter transformieren.

Die Idee, dass es einen idealen (wieder paradiesischen) Endzustand gibt, in dem sich Harmonie durchgesetzt und vollkommen verwirklicht hat, weist einzig darauf hin, dass hier das, was Verstand ist, noch nicht vollkommen durchdrungen worden ist.

Konstruktion und Dekonstruktion sind „Teil“ der Wirklichkeit, bilden dabei aber nur scheinbar eine Dualität, der dann eben auch eine Nondualität gegen-überstehen muss. Auf diese Weise lässt sich nicht entdecken was Wirklichkeit ist, weil sich Wirklichkeit nur als Traum oder als traumloser Urgrund und damit gar nicht darstellen lässt. Einzig das, was Dualität und Nondualität in sich fasst, ohne dadurch zu einer – bzw. in eine – Zweiheit aus Wirklichkeit und Unwirklichkeit zu zerfallen, kann mit sich selbst als Wirklichkeit identisch sein. Und in dieser Wirklichkeit taucht das, was wir als Dualität erleben, zwangsläufig auf!

Die „einfache“ Einsicht, dass Wirklichkeit als alles erscheint, ohne sich dabei von sich selbst zu trennen, lässt jede übersteigerte Form der Wirklichkeitssuche in sich zusammenbrechen.

Wie schon gesagt: Wer die vom Verstand hervorgerufene Dualität ablehnt, hat nicht erkannt, dass Ablehnung überhaupt nur auf der Ebene des Verstandes möglich ist. Hier wird der Versuch unternommen, den Verstand durch den Verstand zu negieren. Das ist aber nur dann möglich, wenn der Verstand einsieht, wozu er da ist und wozu nicht. Dualität, also das, was der Verstand als Gedankenwelt entwirft, ist nicht weniger wirklich als das, was Nondualität ist. Damit können Dualität und Nondualität als reine Funktionen des Seins betrachtet werden.

Wir haben gar keine andere Möglichkeit, als uns ein Bild von einem Leben zu machen, in dem etwas zu sich kommt, was ich als mich erlebe! Ohne diesen Eindruck würden sich uns lediglich unzusammenhängende Empfindungen und ein unzusammenhängendes Weltgeschehen zeigen. Damit wären wir als die, die wir zu sein glauben, von vornherein obsolet.

Ein wahrhaft freier Mensch ist nicht etwa ein Weltverneinender oder ein Glaubender sondern jemand, der sich von den in ihm aufsteigenden Gedanken nicht mehr gefangen nehmen lässt, obwohl ihm natürlich auch weiterhin eine Welt und ein Weltgeschehen erscheint. Ein solcher Mensch verlangt nicht länger nach einem Antidot (für oder gegen sich selbst). Er schlägt nicht länger auf die Fata Morgana ein und muss die Welt nicht mehr der Unwirklichkeit bezichtigen. Das trifft auch auf ihn als „äußeren Menschen“ zu: Ich bin mir erschienen, um zu erkennen, dass mich die Erscheinung nicht an etwas binden kann, was ich essentiell nicht bin und nicht sein kann.

Mit anderen Worten: Der Geist erscheint (sich) immer nur in Form seiner Inhalte. Ihm kann nicht vorgeworfen werden, dass er Illusionen entwirft. Letzten Endes hat das, was Geist ist, ausschließlich mit sich selbst zu tun. Diese Verwirklichung kann zur Auflösung des Privatuniversums führen, in dem wir als Ich mit „eigenem“ Selbst zu leben glauben.

Das, was ich glaube, denke oder empfinde, tritt augenblicklich als dieser Glaube, dieses Denken und dieses Empfinden in den Raum und wird damit zu meiner Wirklichkeit. Damit betrügt der an-sich-selbst-Glaubende immer nur sich selbst. Und genau das ist, was Maya – die große Täuschung bedeutet: Wirklichkeitsbildung, die an der Wirklichkeit vorbeigeht – Illusion. Das heißt allerdings nicht, dass sich Illusionen auf Kosten der Wirklichkeit spielen, sondern lediglich, dass Illusionen nicht im Widerspruch zur Wirklichkeit stehen, da sie sich nur selbst widersprechen. Deshalb kann das Wohl auch nicht in der Weltverneinung, im Jenseits oder in der Transzendenz gefunden werden.

Das, was dem Samen vorausgeht ist nicht wirklicher als der Same und der Same ist nicht wirklicher als der Baum. Wenn zwischen das Noumenale und das Phänomenale kein gedanklicher Keil mehr getrieben wird, zeigt sich, dass die Wirklichkeit nur als Phänomenalität in Erscheinung treten kann, da sie als „sie selbst“, als die nicht auffindbare Mitte, nicht hervortreten kann. Das ist absolut offensichtlich!

Diese Widerspruchslosigkeit entzieht sich demjenigen, der nur die Welt der Erscheinungen in Betracht zieht wie auch demjenigen, der die Welt der Erscheinungen des Scheins bezichtigt und sich ins Transzendentale flüchtet. Ganz einfach gesagt ließe sich die finale Wahrheit folgendermaßen zusammenfassen: Es gibt kein Entkommen vor dem, was ich zu sein glaube. Was es auch sei! Das wirkliche Erkennen dieser Tatsache befreit mich von jedem angenommenen Glauben und damit von mir selbst als jemandem, der sich nach wie vor in Bildern sucht!

 

Daniel Herbst

Anmerkung: Das seiner Bedeutung nach sehr umfassende englische Wort „Mind“ hat in der deutschen Sprache kein Äquivalent. Es wird in diesem Buch der Einfachheit halber mit „Verstand“ übersetzt, wobei „Mind“ eher den gesamten „Verstandes- und Mentalkörper“ umfasst.

Gesang der Freiheit Avadhuta Gita-Buchcover im Noumenon Verlag für hochwertige spirituelle Bücher

Daniel Herbst hat unter Zugrundelegung englischen Übersetzungen die Avadhuta Gita in nahezu genialer Weise in deutscher Sprache herausgebracht. Ein großer Wurf, wenn man die immense Bedeutung dieses Werkes über Freiheit und absolute Unendlichkeit bedenkt. Alles, was sich über den Zustand jenseits der Getrenntheit mit Worten andeuten lässt (die große Herausforderung), steht drin. Gut, wenn man noch einen Schlenker haben will, dann vielleicht noch Huang Po`s “Der Geist des Zen”. Mehr ist nicht, mehr braucht es auf spirituellen Gebiet nicht. Deshalb kaufen, immer wieder drin lesen, nichts erwarten, auflösende Momente erfahren, bis hin, dass die eigenen Veränderungen dann auch nicht mehr von einem kontrollierenden Ich wahrgenommen werden. Eben: “Reine Erkenntnis, alles durchdringend, dem Himmel gleich”.

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