Betrachtungen vom Spielfeldrand

14. Heute ist Freisein!

Frage: Gewahrsein ist bereits Bewusstsein, ohne irgendein „Tun“. Aber es weiß es nicht! Deshalb gibt es Leiden, oder?

Leo: Es gibt zwischen dem Wissenden und dem Gewussten keine Trennung. Es gibt einfach nur Wissen. Die Aufspaltung in den Wissenden und das Gewusste ist Verstand. Und ist es unterdessen nicht klar, dass der Verstand – der große Heuchler – ES nicht mitbekommt?

ES = Ungetrennt

Verstand = Trennung

Der Leidende wird durch die Identifikation des Verstandes mit Objekten erschaffen, ob mit dem Körper, Gedanken oder Gefühlen. Das Leiden erscheint aufgrund der verstandesmäßigen Spaltung des Einen in die Vielen. Dann macht sich der Verstand daran, bestimmte „Teile“ des Spiels als wünschenswert zu bezeichnen und verfrachtet den Rest automatisch in die Kategorie „unerwünscht“. Von hier aus unternimmt er den vergeblichen Versuch, sich nach rechts zu wenden, um das, was links liegt, loszuwerden. Manchmal scheint das zu funktionieren, was er Glücklichsein nennt und manchmal ist klar, dass es nicht funktioniert, was er Leiden nennt.

Diese endlose Schleife zu durchschauen, bedeutet in gewisser Hinsicht, nicht mehr in der Schleife zu sein. Darin liegt grundlose Freude ohne Gegenteil. Weil sie kein Gegenteil hat, kann sie vom Verstand (der Trennung ist) nicht berührt werden. Aus diesem Grund wird darauf auch als „Nichtig-keit“ hingewiesen.

Frage: Aber Gewahrsein, das nicht selbst-gewahr ist, ist einfach Nichts. Inhaltsleer. Leere.

Leo: In dieser Aussage liegt Wahrheit, trotzdem ist sie eher nihilistisch. Es ist dieselbe Art von Wahrheit, die einen erlesenen Wein zu nichts anderem als zu fermentierten Trauben erklärt. Es ist, wie zu sagen, dass eine großartige künstlerische Arbeit nichts anderes ist als auf Leinwand geschmierte Farben und dass Musik nichts anderes ist, als eine Ansammlung von Geräuschen. Stimmt alles, aber sicherlich spürst du, dass es einer solchen Beobachtung an etwas fehlt.

Gewahrsein nicht selbst-gewahr zu nennen, ist eine Art es auszudrücken, aber Gewahrsein IST Gewahrsein, wie Licht Licht ist. Die Tatsache, dass sich Licht nicht selbst (be)leuchten kann, bedeutet nicht, dass es Dunkelheit ist. Die Tatsache, dass sich das Sehen selbst nicht sehen kann, führt nicht zu Blindheit. Es bedeutet lediglich, dass es für sich selbst kein Objekt ist. Es IST einfach – offensichtlich, sich selbst erweisend. Oder wie über das Gewahrsein oft gesagt wird: ES ist selbst scheinend.

Wirklich, wenn es eine „Klarheitsformel“ geben würde, die der Verstand erfassen könnte, dann würde ich sie euch allen nur allzu gern zugänglich machen, aber die gibt es nicht. Für „die Antwort“ schau in das dir innewohnende alltägliche Gewahrsein, in dem Konzepte wie Leiden, Bedeutungslosigkeit und Leere aufsteigen und wieder verschwinden.

Wenn das überhaupt möglich ist, dann wende dich von allen Objekten ab, einschließlich der durch den Verstand erzeugten. Dreh dich um 180 Grad und schau, von wo das Licht kommt, das alle Objekte und Konzepte beleuchtet. Begnüge dich nicht mit einer konzeptuellen Antwort, sondern sieh, was alle Konzepte „sichtbar“ macht.

In diesem Augenblick wird eine Wahl präsentiert, nur die Wahl, kein Wählender. So als wären die hier dargelegten Worte ein Lesen ohne Lesenden. Dieses Phantom taucht nur auf, wenn man das Lesen unterbricht und erklärt: „Ich lese.“ Der Verstand springt in seine Gefechtsstation und beginnt, alle möglichen „ja abers“ abzufeuern. Du kannst diesem „Führer/Blender“ folgen, der sich den Thron der Identität anzueignen versucht oder du kannst sagen: „Nein, vielen Dank auch. Heute nicht. Heute bleibe ich zu Haus. ‚Ich‘ sehe, was du versuchst und ‚ich‘ falle auf diese Farce nicht herein. Heute ist Freiheit!“

Betrachtungen vom Spielfeldrand-Leo Hartong-Buchcover im Noumenon Verlag

Das Buch beinhaltet Antworten, Erläuterungen und Fremdzitate zu Fragen, die Leo Hartong in Foren und E-Mails im Zusammenhang mit seinem Buch «Zum Traum erwachen» gestellt wurden. Anders als bei Transkripten von Satsang-Veranstaltungen wurden die Fragen hier schriftlich gestellt und sind entsprechend präzise ausformuliert. Viele Fragesteller erhoffen sich praktische Ratschläge. Was kann man tun, um zu erwachen? Was kann man tun, um die Verwirklichung zu fördern? Was kann man tun, um sich von den Begrenzungen und Drangsalen des Verstandes zu befreien?

Die Antwort ist immer dieselbe (und entsprechend ernüchternd): Man kann nichts tun! Jegliches Tun geht notwendig vom Verstand aus und dieser wird den Teufel tun, sich selber in die Schranken zu weisen. Vielmehr wird er den spirituellen Sucher mit dem Material allfälliger Ratschläge weiter auf Trab halten und das vermeintliche Ziel in eine imaginäre Zukunft projizieren, immer nach dem Motto: es braucht noch mehr Anstrengung! Leo Hartong sagt dazu unmissverständlich: «Es gibt keine Möglichkeit, durch Denken über das Denken hinauszukommen.» (S. 23). Wo dies ein für alle Mal eingesehen wird, ist anscheinend schon alles getan, was «getan» werden kann.

Trotzdem lässt Leo Hartong die Ratsuchenden nicht gänzlich im Regen stehen. Sein Eingehen auf die Fragen ist immer verständnis- und liebevoll. Auch wenn er zu keiner Tätigkeit raten kann, die bloss den Glauben an eine persönliche Erleuchtung schüren würde, so zeugen seine Erläuterungen doch von einer Klarheit und Einfachheit, die mehr vermittelt, als es konkrete Ratschläge zur Lebensführung vermöchten.

Jürg Löffler

Adresse

Noumenon Verlag
Lornsenstraße 14
22767 Hamburg 

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