Gott.Mensch.Sein - Cover

Leseprobe

Betrachtungen vom Spielfeldrand

Ist Gewahrsein der Handelnde?

Frage: Du sagst: „Kann gesehen werden, dass es nicht so sehr darum geht, dass du der Handelnde bist, sondern dass es kein unabhängiges Du gibt, das der Handelnde SEIN könnte?“ Gewahrsein als Leo drückt das aus und Gewahrsein als Marianne hört. Kann man sagen, dass Gewahrsein der Handlende ist?

Leo: Manche Fragen würden sehr viel einfacher zu einer Antwort führen, wenn nicht erwartet wird, dass die Antwort ein „entweder-oder“ ist. Es kann sehr gut sein, dass die Antwort „beides-und/oder-nichts-von-beidem“ ist. Wenn wir das im Hinterkopf behalten, können wir auf deine Frage antworten, dass das Gewahrsein, Das Eine, ES, der einzig(e) Handelnde ist.

Wir können auch sagen, dass es einfach IST. Wir können sagen, dass die Sonne Licht spendet und wir könnten sagen, dass sie Licht IST. Wir können sagen, dass alles, was passiert, ES als passieren ist oder wir können sagen, dass ES ES ist. ES, WIE ES IST, ist Gegenwart, die nirgendwohin geht, sondern einfach gegenwärtig ist. So gesehen geschieht nichts. ES ist einfach.

Alle wahrgenommenen Geschehnisse werden aus einer relativen Perspektive gesehen. Wenn wir aufs Meer schauen, können wir sagen, dass es sich als die Wellen auf seiner Oberfläche, als Ebbe und Flut und als Strömungen bewegt. Wir können auch sagen, dass sich das Meer als Ganzes überhaupt nicht bewegt und bleibt,
wo es ist.

Im unsichtbaren Spiegel des Gewahrseins bewegen sich Objekte in die Existenz und aus ihr heraus. Dabei bewegt sich der Spiegel überhaupt nicht. Wie in einem Traum kann vieles passieren, dennoch geschieht überhaupt nichts.

Nichts zu tun oder ungeschehen zu machen,
nichts zu erzwingen,
nichts zu wünschen,
und nichts zu vermissen –
Emaho! Wunderbar!
Alles geschieht von allein.
„Free & Easy“, von Venerable Lama Gendun Rinpoche

Leo Hartong

Reaktionen

Das Buch beinhaltet Antworten, Erläuterungen und Fremdzitate zu Fragen, die Leo Hartong in Foren und E-Mails im Zusammenhang mit seinem Buch «Zum Traum erwachen» gestellt wurden.  Viele Fragesteller erhoffen sich praktische Ratschläge. Was kann man tun, um zu erwachen? Was kann man tun, um die Verwirklichung zu fördern? Was kann man tun, um sich von den Begrenzungen und Drangsalen des Verstandes zu befreien?

Die Antwort ist immer dieselbe (und entsprechend ernüchternd): Man kann nichts tun! Jegliches Tun geht notwendig vom Verstand aus und dieser wird den Teufel tun, sich selber in die Schranken zu weisen. Leo Hartong sagt dazu unmissverständlich: «Es gibt keine Möglichkeit, durch Denken über das Denken hinauszukommen.» (S. 23). Wo dies ein für alle Mal eingesehen wird, ist anscheinend schon alles getan, was «getan» werden kann.

Trotzdem lässt Leo Hartong die Ratsuchenden nicht gänzlich im Regen stehen. Sein Eingehen auf die Fragen ist immer verständnis- und liebevoll. Auch wenn er zu keiner Tätigkeit raten kann, die bloss den Glauben an eine persönliche Erleuchtung schüren würde, so zeugen seine Erläuterungen doch von einer Klarheit und Einfachheit, die mehr vermittelt, als es konkrete Ratschläge zur Lebensführung vermöchten.

Jürg Löffler