Es spalten – Leo Hartong

Es spalten – Leo Hartong

Daniel Herbst Wenn es nur noch ums Überleben geht

Frage: Ich habe intuitiv den Eindruck, dass die Tendenz des Verstandes, das Ganze der Schöpfung in eine „gute“ erwünschte und eine „schlechte“ nicht erwünschte Seite zu unterteilen, grundlegend für die Erhaltung des getrennten Wesens ist.

Diese Spaltung zeigt sich auf offensichtliche und unterschwellige Weise. Religionen manifestieren diese Spaltung in sehr grober und auffälliger Form. Ich war kürzlich bei einer kirchlichen Trauung und wurde durch den diensthabenden Priester mit einem überaus komischen Ausdruck dieser Spaltung bedacht. Ich fand es höchst unterhaltsam, aber auf einer anderen Ebene erinnerte es mich daran, wie kraftvoll dieses Glaubenssystem ist, das das Leben in „gut“ und „böse“, in „Himmel“ und „Hölle“ und in „Sünde“ und „Tugend“ spaltet.

Viele Menschen haben diese Art „grober (Ab)Spaltung“ hinter sich gelassen und sich auf so-genannte „spirituelle oder psychologische Pfade der Selbst-Erkenntnis“ begeben. Trotzdem hält die Spaltung an. Bei den Jungianern sprechen sie davon „den eigenen Schatten in die Vollständigkeit (hinein) zu lieben“. Dabei IST der so-genannte Schatten bereits die Ganzheit! Andere Menschen versuchen sich darin, alles zu umarmen, sowohl die angenehmen wie auch die unangenehmen Gefühle. Das ist aber nur eine subtilere Form derselben Trennung. Dabei versucht das „getrennte Individuum“ immer noch, das Unangenehme in etwas Angenehmes zu verwandeln. Wir könnten weitere Beispiele finden: Alle Wege gehen von dieser Spaltung aus, egal ob sie grobschlächtig oder subtiler sind.

Für mich besteht das Paradox darin, dass diese Spaltung selbst im Erwachen fortbesteht. Es ist nicht so, dass wir einen ultimativen Zustand bedingungsloser Liebe erreichen, in dem wir keine Vorlieben mehr haben. Das ist einfach Mist. Die persönlichen Eigenschaften sind Teil des Spiels, die sich deshalb weiterhin durch Vorlieben und Abneigungen zeigen. Um es freiheraus zu sagen: Alle Menschen werden einen wunderschönen Strandspaziergang einer dunklen Folterkammer vorziehen. Es ist sehr viel einfacher, „das Göttliche“ in der spielerischen Unschuld eines kleinen Kindes zu sehen, als in einem blutrünstigen Vergewaltiger. Was ändert sich dann eigentlich?

Ja, ich weiß – die Quelle offenbart sich als „alles, was ist“ und „alles, was ist“ drückt sich durch Dualität aus. Ohne Dualität kann es keine Manifestation geben. Das ist klar. Aber im täglichen Leben kann ich meinen Vorlieben nicht entkommen, ich kann die Spaltung nicht überwinden. Um zu meinem ursprünglichen Punkt zurückzukommen: Ja, ich nehme wahr, dass der Verstand das Gefühl, ein getrenntes Wesen zu sein, dadurch aufrechterhält, dass er das Leben in eine erwünschte und eine nicht erwünschte Seite spaltet. Aber das scheint unvermeidbar zu sein … Wie kann sich das jemals (auf)lösen?

Leo: Wie Dogen sagte:

„Obwohl alles Buddha-Natur hat, lieben wir Blumen und kümmern uns nicht ums Unkraut.“

Vorlieben tauchen ebenso auf, wie offensichtliche Unterschiede; nichts als das Absolute ist absolut. Deshalb erscheint im täglichen Leben das Unkraut des einen Menschen als die Blume eines anderen. Es gibt nichts, was dagegen getan werden kann oder muss.

Diese Manifestation, wie sie der Verstand sieht, wird immer auf der Grundlage von Gegensätzen ablaufen. Insofern ist das Erwachen nicht das Ende der Vorstellung, wie sie heute erscheint. Mit dem Erwachen kommt es zur Erkenntnis, dass es kein getrenntes Wesen gibt, das erwachen könnte. Das macht dieses ganze Erwachens-Ding zu so etwas wie einem Streich, den sich das Selbst selbst spielt. Wenn im Seil eine Schlange gesehen wird, ist das Seil trotzdem noch ein Seil. Wenn Vielfalt auf den Einen Bildschirm projiziert wird, ist es immer noch der Eine Bildschirm. Sobald klar ist, dass es wirklich kein getrenntes Wesen gibt, werden Vorlieben und Abneigungen nicht länger als Eigenschaften betrachtet, die zu „jemandem“ gehören, der sie erlösen muss. Sie werden jetzt als eine der zahllosen Möglichkeiten betrachtet, wie das Eine sich selbst erscheint – unzählige Variationen, aber alle von einem einzigen „Thema“.

Im Körper/Verstand drückt sich das natürliche Funktionieren durch bestimmte Merkmale aus, die man Vorlieben nennen kann. Wir können z. B. sagen, dass manche Blumen am besten im Schatten wachsen, während für andere das direkte Sonnenlicht von Vorteil ist. Wir können denselben Gedanken ausdrücken, indem wir sagen, dass bestimmte Blumen den Schatten und andere die Sonne bevorzugen.

Das persönliche Selbst – Folge der Identifikation

Wenn man sich ausschließlich mit einem Körper/Verstand und seinen unleugbaren Vorlieben identifiziert, taucht die künstliche Vorstellung eines persönlichen Selbst auf, das diese Vorlieben „hat“. Aber ganz nah, näher als nah ist das Zentrum, von dem aus die Fragen und Vorlieben gesehen werden. Dieses Zentrum ist weder Person, noch Gedanke oder Zustand. Wir können darauf hinweisen, indem wir es das Unwissbare Wissende nennen. Darin ist Raum für alle Darstellungen, Gedanken und Zustände. Aufgrund seiner bedingungslosen Nichteigenschaft als grenzenlose Weite, wird es auch „reine und bedingungslose Liebe“ genannt.

Dieses „etwas (Ding)/nichts (kein-Ding)“ hat in Wirklichkeit keine Eigenschaften – nicht einmal „reine bedingungslose Liebe“ – und es ist für den Verstand absolut ungreifbar. Es hat keine „Griffe“ und kann ebenso wenig erreicht werden, wie der Ort, an dem du dich befindest.

Alle „Haltegriffe“ sind von Dualität durchdrungen, darauf hast du selbst hingewiesen; auch der „Griff“ des Erwachens. Sie alle werden vom Verstand hervorgebracht, und wenn man es genauer untersucht, kann deutlich werden, dass der Verstand selbst Dualität in Aktion ist. Der Verstand spaltet das Eine in die Vielen, und selbst das Konzept „Ich bin“ beinhaltet ein „du bist“. Dieser Verstand ist es, der die Frage „wie kann die Spaltung überwunden werden?“ ins Spiel bringt, ohne zu bemerken, dass er selbst die Spaltung ist. Der Verstand bringt alle Gegensätze hervor, die offensichtlichsten ebenso wie die aller subtilsten. Im Tao Te King wird diese Spaltung poetisch „wechselseitiges Entstehen“ genannt.

Wenn jeder das Schöne als schön erkennt,
gibt es bereits das Hässliche.
Wenn jeder das Gute als gut erkennt, gibt es bereits das Böse.
„Zu sein“ und „nicht zu sein“ entstehen gemeinsam.
Schwer und einfach werden gemeinsam erkannt.
Lang und kurz führen wechselseitig zueinander.

 Im selben Buch heißt es:

Das Namenlose ist der Ursprung von Himmel und Erde.
Das Benennen (der Verstand) ist die Mutter der zehntausend Dinge.

Das Ich kann der Spaltung nicht entkommen …

So wie Feuer der Hitze nicht entkommen kann, kann der Verstand der Spaltung nicht entkommen. Und auf eben diese Weise kann das „Ich“ den Vorlieben nicht entkommen, weil Vorlieben Teil der konzeptuellen „Ich“-Struktur sind. Wenn es überhaupt die Möglichkeit des Entkommens gibt, dann besteht sie in der Erkenntnis, dass es keiner Flucht bedarf, weil dieses „Ich“ nicht alles ist, was ICH BIN.

Benennungen sind die Quelle aller scheinbaren Dualität und auf diese Weise wird das Spiel gespielt. Ohne diesen Umstand würde sich überhaupt kein Spiel zeigen. Aber egal wie es erscheint – die Quelle von Himmel und Erde ist selbst niemals geteilt. In der Einen Quelle, der diese Manifestation entspringt und in die sie zurückkehrt, ist bereits alles geklärt.

Die Flüsse, die nach Westen und Osten fließen,
vereinigen sich im Meer und werden eins mit ihm.
Sie vergessen, dass sie jemals getrennte Ströme waren.
Ebenso hebt sich die Getrenntheit in allen Wesen auf,
wenn sie schließlich ins reine Sein hinein verschmelzen.
Es gibt nichts, was nicht vom reinen Sein ausgeht.
Es ist das innerste Selbst von alle(n/m).
Es ist die Wahrheit; es ist das höchste Selbst.
Du bist das, Shvetaketu, du bist das!

Auszug aus “Betrachtungen vom Spielfeldrand”.

 

Ein Instrument Gottes …

Ein Instrument Gottes …

Ramesh Balsekar Autor im Noumenon Verlag für hochwertige spirituelle Bücher

Wenn Besucher zu mir kommen, mache ich sie als Erstes darauf aufmerksam, dass alles, was ich sage, »nur Gedanke« ist, nicht »die Wahrheit«. Ich füge hinzu, dass überhaupt alles, was je von Wissenden gesagt worden ist, und alles, was in den heiligen Schriften aller Religionen steht, nur Gedanke ist. Ein Gedanke ist so oder so auslegbar, der eine pflichtet bei, der andere nicht. Wahrheit andererseits ist das, was niemand bestreiten kann.

Wenn ich meine Besucher frage, ob sie etwas so sicher wissen, dass es unzweifelhaft die Wahrheit ist und nicht einfach Ge-danke, dann wissen die meisten nichts zu antworten. Ich ant-worte dann selbst, es gebe in der Tat nur eine einzige Wahrheit, an der nicht zu rütteln ist. Nehmen wir an, ein Atheist kommt zu mir und erzählt, er habe das Thema sehr eingehend studiert, sogar mit einer Promotion im Fach vergleichende Religions-wissenschaft, und sei vollkommen überzeugt, dass es keinen Gott gibt. Ich würde ihm erwidern, seine Überzeugung sei absolut legitim, da »Gott« ohnehin einfach ein Gedanke sei. Ich sage: Gott mag existieren oder nicht, aber würden Sie Ihre eigene Existenz bestreiten?

Da liegt nämlich die einzige unbestreitbare Wahrheit, im unpersönlichen Gewahrsein von Sein oder Existenz. Da gibt es nichts zu deuten. ICH BIN ist wahr. »Ich bin Hans« oder »Ich bin Grete«, das ist nicht die Wahrheit. Die Wahrheit des ICH BIN kann unter dem persönlichen Ego verborgen liegen.

Weise mir Dein Ego aus

Und dieses individuelle Ego ist der spirituelle Sucher. Aber das Ego existiert eigentlich gar nicht. Wenn jemand zu mir kommt und sein Ego demontiert haben möchte, um dann »selbstverwirklicht« oder »erleuchtet« zu sein, fordere ich ihn auf, mir sein Ego vorzuweisen – verbunden mit dem Versprechen, es vor seinen Augen dem Erdboden gleichzumachen.

Was ist denn das Ego? Was verstehen Sie darunter? Wenn ich so frage, antworten die meisten ungefähr so: »Ego ist die Identifikation mit einem Körper, der als etwas von allen ande-ren Menschen Getrenntes gesehen wird, und diese Trennung ist die Ursache allen Unglücks.« Doch bloße Identifikation mit einem Namen und einem Körper oder Name-und-Form (Sans-krit nama-rupa) kann noch kein Ego bilden, denn selbst der Wissende, der ja sein Ego überwunden hat, reagiert wie jeder gewöhnliche Sterbliche, wenn sein Name gerufen wird. Worin besteht dann aber der Unterschied, was macht den Wissenden zum Wissenden? Der Umstand, dass er ohne jeden Zweifel die Richtigkeit dieser Worte des Buddha erkannt hat: »Ereignisse tragen sich zu, Taten werden getan, doch es gibt kein Individuum, das Taten verrichtete.« Er weiß also mit absoluter Sicherheit, dass weder er noch irgendwer tatsächlich Täter seiner Taten ist, dass alles »Tun« ein göttliches Wirken ist, das lediglich durch diesen oder jenen Körper-Geist-Organismus geschieht, aber nicht von jemandem »getan« wird.

Hier erhebt sich die Frage: Wenn niemand tut, was getan wird, wer ist es dann, der in dieser Welt lebt? Wer erfährt Glück und Unglück? Wer sucht »Selbstverwirklichung« oder »Erleuchtung« oder was auch immer? Die kurze Antwort lautet, dass wir nur meinen, wir lebten unser Leben, während das Leben in Wirklichkeit einfach durch Milliarden Körper-Geist-Organis-men gelebt wird. Das Ego bildet sich ein, es sei der Macher und erfahre Glück und Unglück. Das Neugeborene sucht instinktiv die Brust der Mutter, und von da an ist das Leben Suche – Suche eines Ego, das sich als Sucher, als Täter seiner Taten und für diese Taten verantwortlich sieht.

Ein Computer mit spezieller Programmierung

In Wahrheit, wie gesagt, ist ein Mensch nichts weiter als ein Instrument, ein Computer mit jeweils spezieller Programmierung, dessen sich Gott (der Ursprung, die Urenergie, das Bewusstsein oder eben das Eine ohne ein Zweites) bedient, um zu bewirken, was er bewirken möchte. Der Ursprung bedient sich dieser Milliarden Computer genauso, wie Sie Ihren Computer handhaben. Sie beschicken Ihren Computer und seine spezielle Programmausstattung mit einem Input, und er hat dann keine andere Wahl, als den Output zu produzieren, für den er programmiert ist. Wenn Sie meinen, es sei »Ihre Sache«, wie Sie handeln, dann müsste man auch vom Computer sagen, es sei »seine Sache«, was er produziert.

Worin besteht nun Ihre Programmierung? Sie haben Ihre Eltern nicht selbst gewählt und daher auch nicht Ihre Gene und die DNA Ihres Körper-Geist-Organismus. Sie haben sich auch nicht das Umfeld ausgesucht, in das hinein Sie geboren wurden und in dem Ihr Körper-Geist-Organismus vom ersten Tag an seine Prägungen erhalten hat. Zusammen bilden Ihre DNA und die Umwelteinflüsse, denen Sie ausgesetzt waren, die »Programmierung« Ihres Körper-Geist-Computers.

Und wie benutzt der Ursprung (Gott) den menschlichen Computer? Der »Input«, denke ich, ist entweder ein Gedanke des Grundbewusstseins oder Ursprungs oder einfach das, was an Sinneseindrücken aufgenommen wird. Das Gehirn reagiert darauf und produziert als »Output« eine Reaktion des Körper-Geist-Organismus. Neuere Forschungen zeigen, dass die Gehirnreaktion dem scheinbar vom Ich ausgehenden Impuls eine halbe Sekunde vorausgeht. Es liegt demnach auf der Hand, dass nicht das Ich über den Input bestimmt, und natürlich hat es auch keinerlei Einfluss auf die Programmierung, die über die Reaktion des Körper-Geist-Organismus bestimmt. Diese Reaktion ist offensichtlich einfach biologischer oder mechanischer Art. Doch das Ego beharrt darauf, diese Reaktion als seine Aktion zu sehen.

Wo ist der Unterschied?

Beachten wir auch, dass die biologische oder mechanische Reaktion des Körper-Geist-Organismus beim Wissenden nicht anders ausfällt als beim gewöhnlichen Menschen. Bei gleichem Input und ähnlicher Programmierung darf man ähnlichen Output erwarten – Ärger, Belustigung, Angst, Mitleid oder was es auch sei. Hartnäckig hält sich aber der Glaube, mit Selbstverwirklichung oder Erleuchtung sei eine derart tiefe Verwandlung verbunden, dass der Wissende fortan vollkommen sei, nichts mehr von Ärger, Frustration oder Angst. Aber, wird man jetzt einwenden, es muss doch einen Unterschied zwischen einem Erleuchteten und einem Unerleuchteten geben. Worin besteht er, wenn die programmierten Reaktionen ungefähr gleich ausfallen? Er besteht in dem, was nach der ersten Reaktion geschieht.

Sagen wir, irgendeine Situation löse – beim Wissenden wie beim gewöhnlichen Menschen – Verärgerung aus. Beim gewöhnlichen Menschen reißt jetzt das Ego das Ruder an sich und sagt: »Ich bin wütend. Ich soll mich aber nicht ärgern, mein Arzt hat gesagt, davon bekomme ich hohen Blutdruck und dann womöglich einen Herzinfarkt oder Gehirnschlag.« Der Körper-Geist-Computer reagiert einfach im Augenblick, aber das Ego zieht die Reaktion in die Länge und Breite. Wenn dem Wissenden Ärgerliches widerfährt, wird er vielleicht lauthals schimpfen, aber damit ist seine Reaktion dann auch beendet und bereits im nächsten Augenblick ist er wieder aufgeschlossen für alles, was sich dann bieten mag.

Dazu fällt mir etwas ein, was ich vor langer Zeit während eines Besuchs bei meinem Guru, Nisargadatta Maharaj, erlebt habe. Jemand stellte eine Frage, die Maharaj offensichtlich aufbrachte. Er schrie den Fragesteller an: »Du kommst jetzt schon sechs Jahre und stellst immer noch solche dämlichen Fragen!?« Der so Angeraunzte kannte Maharaj gut und konterte ebenso schlagfertig wie witzig. Alle lachten, Maharaj am lautesten. Eben noch verärgert, jetzt schon wieder zum Lachen aufgelegt. Das hätte als Ego-Reaktion ganz anders ausgesehen. Das Ego würde sagen: »Ich bin ärgerlich, und dieser Mann da hat mich verärgert – kommt gar nicht infrage, dass ich über seinen Witz lache!« Beim gewöhnlichen Menschen hätte die Ego-Ein-mischung mit anderen Worten in die Breite geführt und keine Aufgeschlossenheit für den nächsten Augenblick zugelassen. Deshalb ist der gewöhnliche Mensch manchmal glücklich,
meistens aber unglücklich.

Autor: Ramesh Balsekar aus:  Wo nichts ist, kann auch nichts fehlen.

(c) Noumenon Verlag

 

In den eigenen Schuhen

In den eigenen Schuhen

Die wahre Suche ist keine ins Morgen hinein oder irgendwo anders hin als ins Jetzt. Es fängt damit an, in die Natur dieses Augenblicks zu schauen. Um das tun zu können, musst du in deinen „eigenen Schuhen stehen“, wie meine Lehrerin es gerne sagte. Was sie damit meinte, war, dass du mit Klarheit auf deine eigene Erfahrung schauen musst. Höre auf, die Erfahrung eines anderen haben zu wollen. Höre auf, der Freiheit oder dem Glück oder sogar der spirituellen Erleuchtung nachzujagen. Steh in deinen eigenen Schuhen und untersuche genau: Was passiert gerade jetzt, genau hier? Ist es möglich damit aufzuhören, etwas passieren lassen zu wollen?

Selbst in diesem Augenblick könnte es einiges an Leid oder Unglück geben, aber selbst wenn das so ist, ist es möglich, nicht länger dagegen anzugehen, nicht länger zu versuchen es loszuwerden oder woanders hinzukommen?
Ich verstehe, dass es unser Instinkt ist, sich von dem abzuwenden, was nicht angenehm ist, um dorthin zu kommen, wo es angenehmer ist, aber wie meine Lehrerin so gerne sagte:
„Du musst den Schritt zurück gehen, nicht den Schritt nach vorn.“

Suche und mehr Suche

Der Schritt nach vorn treibt immer weiter, versucht, immer das zu erreichen, was du willst, ob es materieller Besitz ist oder innerer Friede. Der Schritt nach vorn ist überaus
gewohnt: Suche und mehr Suche, Streben und mehr Streben, immer nach Frieden Ausschau halten, immer nach dem Glück schauen, nach Liebe. Den Schritt zurück machen bedeutet, sich umzudrehen. Dreh den gesamten Prozess, draußen nach Befriedigung Ausschau zu halten um und schau genau dahin, wo du stehst. Schau nach, ob das, wonach du Ausschau hältst, nicht bereits in deinem Erleben gegenwärtig ist.

Also wieder, um die Grundlage für das Erwachen zu legen, müssen wir zunächst einmal mit dem Kämpfen aufhören. Du lässt es gehen, indem du wahrnimmst, dass das Ende des
Kampfes in deiner Erfahrung gerade tatsächlich gegenwärtig ist. Das Ende des Kampfes ist Frieden. Selbst wenn dein Ego kämpft, selbst wenn du versuchst, das zu verstehen und „es
richtig machen“ willst, wenn du wirklich schaust, wirst du sehen, dass der Kampf im größeren Rahmen des Friedens passiert, innerhalb eines inneren Stillseins. Aber wenn du versuchst, Stille geschehen zu lassen, wirst du sie verpassen.

Ein Prozess des Erkennens

Wenn du versuchst, Frieden passieren zu lassen, wirst du an ihm vorbeigehen. Das hier ist eher wie ein Prozess des Erkennens, der Stille Beachtung zu schenken, die natürlicherweise
da ist. Wir können den Kampf nicht beenden. Wir versuchen nicht, nicht mehr zu kämpfen. Wir nehmen einfach wahr, dass es eine völlig andere Dimension für das Bewusstsein gibt, die in diesem Augenblick nicht kämpft, nichts nachträgt und nicht versucht, irgendwo hinzukommen.

Du kannst es buchstäblich im Körper spüren. Du kannst deinen Weg aus dem Kampf
heraus nicht denken. Es gibt keinen Dreipunkteplan, wie man nicht kämpft. Tatsächlich ist es ein Einpunkteplan: Bekomme mit, dass der Friede, das Ende des Kampfes, genau genommen bereits hier ist. Deshalb ist es ein Prozess des Erkennens. Wir nehmen
wahr, dass jetzt Frieden ist, selbst wenn dein Verstand verwirrt ist. Du könntest erkennen, dass der Verstand, selbst wenn du jetzt kurz auf den Frieden triffst, so konditioniert ist, sich
davon wegzubewegen.

Frieden kennt keine Bedingung

Er wird versuchen, die grundlegende Tatsache zu bestreiten, dass Frieden in dir ist: „Ich kann jetzt nicht in Frieden sein, weil ich dieses oder jenes zu tun habe oder weil diese Frage nicht beantwortet worden ist oder weil sich so-und-so nicht bei mir entschuldigt hat.“ Es gibt alle möglichen Arten, wie der egoistische Verstand darauf bestehen kann, dass etwas passieren oder sich verändern muss, damit du in Frieden sein kannst. Aber das ist Teil des Traumes vom Verstand. Uns allen ist beigebracht worden, dass sich etwas ändern muss, damit wir wahren Frieden und wahre Freiheit erfahren können.

Stell dir nur für einen Augenblick vor, dass das nicht wahr ist. Auch wenn du glaubst, dass es wahr ist, stell es dir nur für einen Augenblick vor: Wie wäre es, wenn du nicht kämpfen
müsstest, wenn du dich nicht anstrengen müsstest, um Frieden und Glück zu finden? Wie würde sich das jetzt anfühlen? Und nimm dir nur einen Augenblick, um still zu sein und schau, ob Frieden und Stille in diesem Augenblick bei dir sind.

Autor: Adyashanti (Aus: In Gnade fallen)
(c) Noumenon Verlag

Ein einziges Erwachen

Ein einziges Erwachen

Vor dem Fenster schneit es. Ich trinke Kaffee. Das Rührei ist kalt. Die Tomaten glänzen auf dem Teller, die Gurke ist in Käse getaucht. Es ist still, bis auf die Uhr, die tickt. Ich blicke hinaus, durch das beschlagene Glas. Ich spüre die Stille der Schneeflocken, die aufeinander fallen, bis eine lockere Schneedecke auf dem kalten Boden entsteht. Ich bin anwesend.

Ich spüre: Es gibt nichts, außer Gewahrsein. Die große Anwe­senheit. Im Schnee, dem alten Walnussbaum, der Straße, den Blättern … überall … Alles ist von ihr durchdrungen. Alles. Alles erscheint in ihr. Die Dinge erscheinen in dieser unfassbaren, intimen Anwesenheit, im alles umspannenden, unauffind­baren „Hier“. Ein gigantischer Gedanke, in Trilliarden Splitter zerfallen. Ein undenkbarer Gedanke, der sich selbst durch alle Augen seiner Erscheinung betrachtet. Je mehr Augen sich ihm eröffnen, um so leuchtender erscheint er. Er erleuchtet sich selbst.

Je stiller es in mir ist, umso deutlicher sehe ich die Kleinheit meiner bisherigen Vorstellungen von mir und der Welt. Umso klarer sehe ich das Gefängnis, indem ich mich verschlossen hielt.

Das falsche Spiel …

Je weniger ich weg will, weg vom jetzigen Augenblick, von „hier“, umso klarer erkenne ich das falsche Spiel, das ich mit mir getrieben habe:

Die Flucht vor mir selbst, als vollkommene Facette des einen unbeschreiblichen Gedankens, der sich durch das hier lokalisierte Gewahrsein selbst erblickt.

Die Splitter sind vereint. Die Auflösung meiner scheinbaren Begrenztheit, mein Erwachen zu mir selbst, ist Teil eines gigantischen Blumenmeeres, dessen Blüten sich nach und nach in der Sonne entfalten, um sich selbst in ihr zu erkennen. Übrig bleibt einzig ein gleißendes, alles irisierendes Erkennen. Das göttliche Strahlen. Die reine Lebendigkeit, von sich selbst vollkommen durchdrungen. Das zu sich selbst erwachte Wachsein.

Erwachen in die Stille

Ich trinke meinen lauwarmen Kaffee, esse vom kalten Rührei, blicke auf den Schnee vor dem Fenster und bin erfüllt von einem stillen Lächeln. Es weitet sich zu einem universellen Lächeln, hocherfreut an seiner eigenen Anwesenheit.

Autorin: Nicole Paskow Aus Neuland – In Resonanz mit dem Leben

(c) Noumenon Verlag

 

Du musst das kosten!

Du musst das kosten!

Es muss in dir ein Verlangen geben,  Selbst-Erforschung aufzugreifen und durchzuführen. Ich frage dich, warum willst du überhaupt irgendetwas wissen?

Weil es da immer noch eine Spur von „ich“ gibt und als ein „ich“ zu leben verursacht Unzufriedenheit.

Hast du das selbst herausgefunden oder hast du das gelernt?     

Das ist, was ich empfinde.

Okay, du fühlst also: solange es „ich“ gibt, gibt es Unzufriedenheit. Für wen besteht diese Unzufriedenheit?

Es ist das „ich“ selbst, dass die Unzufriedenheit darstellt, es ist eine Begrenzung.

Was macht diese Beobachtung, dass das „ich“ selbst die Unzufriedenheit darstellt? Das sind deine Worte. Sag mir, für wen ist es unbefriedigend? Jetzt sprechen wir über Tatsachen. Du sagst also: Es wird beobachtet, dass Unzufriedenheit vorkommt, wo es ein „ich“ gibt. Was beschwert sich? Ist es das „ich“ oder etwas anderes?

Es muss das „ich“ sein.

Es muss das „ich“ sein. Wenn das „ich“ unzufrieden ist, bei wem wird sich das „ich“ beschweren? Also, ist das, was das unzufriedene „ich“ sieht, selbst unzufrieden? Ob da Zufriedenheit ist oder Unzufriedenheit, für wen sind sie da und was beobachtet das?

[Stille]

Dahinterzukommen wem alle Erfahrungen berichten, ist meiner Ansicht nach etwas, worüber man sich klar sein muss. Sonst verwendest du zwangsläufig viel Geld und Energie auf geringere Fragen und erkennst dabei nicht, dass du nichts anderes tust, als deine kostbaren Ressourcen zum Fenster rauszuwerfen. Also prüfe, wo hinein du investierst und schau, ob es das wert ist.

Wenn du fragst, wer weiß, dass das „ich“ Unzufriedenheit ist, kommt sofort die Antwort: Ich bin (es). Mit dieser Frage verlagert sich meine Aufmerksamkeit an den Ort, an dem nur Bewusstsein ist und da ist alles gut.

Schalte genau jetzt einen Gang runter! Wer oder was beobachtet sogar das Bewusstsein? Gehe ich zu weit, indem ich dich das frage?

Lass uns rekapitulieren: Du hast die Frage gestellt: „Wer ist dieses ‚ich‘, das an Unzufriedenheit leidet?“ Du hast berichtet, was du herausgefunden hast: Die Aufmerksamkeit geht vom Gegenstand der Frage weg – „ich“ – und fällt in das natürliche, intuitive Empfinden „Ich bin“. Wenn das passiert, verliert das unzufriedene „ich“ seine Unterscheidung und verblasst in die Nichtexistenz. Alle Erfahrungen, die dem „ich“ bekannt sind, haben dasselbe Schicksal.

Selbst wenn sich das persönliche „ich“ aufgelöst hat, bleibt weiterhin ein Empfinden von „Ich“ zurück. Dieses verbleibende „Ich“ ist unpersönlich. Wir nennen es um der Klarheit willen die Intuition „Ich Bin“. In der Gegenwart von „Ich Bin“ wird das verstörte „ich“, das persönliche „ich“, als nichts weiter als ein Gedanke gesehen.

Meine daran anschließende Frage ist: Kann dieses „Ich Bin“ beobachtet werden?

Es klingt für mich, als ob du möchtest, dass wir noch einen Schritt weiter gehen, wenn du fragst: „Wer ist sich des ‚Ich Bin‘ gewahr?“

Worauf ich hinweise ist etwas, was du bereits mit den Worten „Ich weiß, ich bin“ festgestellt hast. Du weißt, dass du bewusst bist und dass du durch das Bewusstsein erfährst. Bewusstsein und das Funktionieren des Bewusstseins sind wahrnehmbar und werden wahrgenommen. Wer ist der Wahrnehmende dieser großartigen Subtilität?

 [Stille]

Jedes menschliche Wesen sollte das schmecken! Lass alles beiseite. Suche nach nichts, durch das du zu wissen glaubst. Deine Ausbildung wird das nicht unterstützen. Alles was du jemals gelesen und gelernt hast, lass alles sein. Lass alles sein und sei allein. Lass alles beiseite, bis da etwas ist, das nicht beiseite gelassen werden kann und dann sprich von diesem Ort aus. Sprich, wenn du eine Disharmonie finden kannst, wenn etwas fehlt. Kenne diesen Ort, diesen ort-losen Ort. Sei dort bestätigt, dann kannst du dich in der Existenz überallhin bewegen und wirst nirgendwo belastet sein. Entkleide dich aller Konzepte, die du aufgelesen hast. Hab genügend Mut, vollkommen alleine zu stehen und sieh nach, ob es noch irgendwelche ausstehende Fragen gibt.

Kannst du sehen, dass alles Gedanke ist? Alles ist Gedanke! Selbst das großartigste Etwas ist ein Gedanke. Gedanken können ohne dich nicht existieren. Du bist ihr Zeuge. Du bist ihr Abnehmer. Du bist ihr Auftraggeber. Sie sind dir unterstellt und erstatten dir Bericht. Wer bist du? Du musst Das kosten!

Der menschliche Körper ist ein großes Privileg, weil er es uns erlaubt, diese Fragen zu stellen. Keine andere Spezies hat die Fähigkeit der Selbst-Erforschung, aber du hast sie, und du hast die Fähigkeit, es mit Gewissheit herauszufinden. Aufgrund deiner Unzufriedenheit sehnst du dich nach anhaltender Befriedigung. Entdecke, was dich nicht verlassen wird und nicht verlässt. Alles andere wird dich verlassen.

Mit dem Geschenk dieses Körpers hast du die großartige Möglichkeit, die Wahrheit deines Daseins zu entdecken, aber du verschwendest sie, wenn all dein Streben nur dem Körper und der Erfüllung der Sehnsüchte des Verstandes gilt! Ja, wir arbeiten so viel für körperliche Freuden! Aber ebendiesen Körper, den du zum Genießen brauchst, kannst du nicht behalten. Deshalb, alles, womit du dich abplagst, um für fünf oder zehn Minuten einen Geschmack zu haben, wird weggespült. Was ist es, das nicht weggespült werden kann?

An diesem Ort kann ich nicht einmal „Wer bin ich?“ oder „Wer beobachtet das?“ fragen.

Vielen Dank! Danke! Selbst diese Fragen werden nicht auf Resonanz stoßen, aber sie können kommen.

Ultimativ, im letztendlichen Sehen erkennst du, dass alles, was wahrnehmbar ist, veränderlich ist, es erscheint vor dir und kann nicht mit ununterbrochener Aufmerksamkeit gehalten werden; es kommt und geht. Aber das, was dieses beobachtet, ist was? Das ist nicht nur eine mentale Frage, daher wird es eine leichtfertige Antwort nicht tun. Nur solche Antworten, die aus reiner Einsicht kommen, werden diese anhaltende Befriedigung in sich tragen. Du stehst von Angesicht zu Angesicht mit deinem eigenen Selbst. Du stehst von Angesicht zu Angesicht mit deinem eigenen Selbst, wie siehst du aus?

Autor: Mooji Aus Atem des Absoluten

(c) Noumenon Verlag

Setze Dich absolut!

Setze Dich absolut!

Du bist im Leben nicht einfach nur dabei. Du bist Dein Leben. Auch wenn Du das nicht glaubst!
Solange Du glaubst, ent­scheidet Dein Glaube über Dich, solange ist er Dein Schicksal.

Das geglaubte Schicksal entmächtigt Dich immer wieder. Du relativierst Dich und unterstellst Dich
in all Deiner geglaubten Kleinheit und Schwäche einer Kraft, über die Du nur weißt, wie sie sich aus
der Position von Schwäche und Kleinheit darstellt. Damit verschenkst Du die Kraft, von der Du
bisher nicht ent­deckt hast, dass sie zu Dir gehört und machst es Dir in Deiner Kleinheit bequem,
statt mit Kraft und Zuver­sicht zu Dir selbst aufzubrechen.

Überlasse das, was Dich betrifft, niemandem außer Dir. Und was Dich betrifft, wirst Du erst wissen,
wenn Du Dich nicht mehr relativierst und ohne jeden Zweifel erkennst, dass es sich in diesem Leben
um Dich dreht. Du lebst! Relativiere das nicht länger. Erspüre es und halte Dich nicht mehr zurück.
Setze Dich absolut. Es geht um Dich. Du kannst in diesem Leben zu Dir kommen und Dich als
deckungsgleich mit Dir selbst verwirklichen. Du kannst es, wenn Du wirklich einsiehst,
dass Du es kannst.

Das ist der Schmerz in Dir

Dir ist beigebracht worden, dass Du nicht würdig bist, von Menschen, die sich selbst nicht für würdig
hielten. Von Menschen, die etwas anderes gelebt haben, als sie leben wollten. Von Menschen, die
sich selbst so wenig vertraut haben, dass sie Dir nicht vertrauen konnten. Von Menschen, die Dich in
all Deiner Schönheit nicht erkennen und willkommen heißen konnten, weil sie sich selbst nicht erkannt
und willkommen gefühlt haben. Das ist der Schmerz in Dir, der sich auflösen will.

Bist Du bereit, allen Schmerz zurück zu Dir zu holen? Es ist Dein Schmerz! Zugleich bist Du das Bad,
in dem sich dieser Schmerz erlösen und vollkommen auflösen will. Wenn Du Dich zu Dir bekennst.
Darum bekenne Dich. Entscheide Dich. Erkenne Dich! Vertraue Dich dieser Entdeckung an. Das macht
Dich unermesslich schön!

Du bist reine Schönheit, die auf einzigartige Weise in Erfüllung gehen will. In diesem Leben.
Als dieses Leben. Es gibt nichts Heili­geres als dieses Leben!

Autor: Daniel Herbst Aus Neuland – in Resonanz mit dem Leben

(c) Noumenon Verlag