Der Gesang des Seins

Heiligkeit:
Unschuldige Reinheit

Die Wahrheit gesellt sich zum heiligen Menschen, denn Heiligkeit ist Gottgefälligkeit.
Du gefällst Gott, wenn dein Eigensinn dem Großen Willen unterstellt wird und kein Gedanke deine innere Unschuld trübt. Heiligkeit ist gleichbedeutend mit würdig sein. Finde heraus, was das einzig Würdige ist, und gib jede Vorstellung von Wert oder Unwert auf. Die Toten behaupten nicht, dass sie tot sind, und so können würdige Menschen nie sagen: »Ich bin mehr wert als irgendjemand sonst.« Innenschau ist absolut unerlässlich. Ein nach innen gerichteter Geist, der sich von allen Sinnesreizen, Gedanken und Konzepten abwendet, ist frei. Darum heißt es, dass man still bleiben soll. Der nach außen gerichtete Geist lebt im Samsara, der Geist im Samsara erduldet die endlosen Zyklen von Geburt, Hoffnung, Enttäuschung und Tod.

Eine äußere Reinigung ist notwendig, dazu gehören die Umgebung, die Gesellschaft und die Gedankenwelt. Die innere Reinigung wird vom Freiheitsdrang selbst bewirkt, dies ist die Läuterung im Feuer des eigenen Bewusstseins. Ein klarer, harmonischer Satva-Geist stellt Grundsatzfragen, die zur Selbstentdeckung führen, deshalb werden ein friedlicher Lebenswandel und eine Diät empfohlen. Die tiefsten Grundsatzfragen steigen nicht in einem von Tamas und Rajas beherrschten Geist auf. Ein aktiver Rajas-Geist führt zu Zornesaufwallungen und spirituellen Praktiken, um ihn zu beruhigen, weil er rastlos herumspringt wie ein Affe und seine eigene Grundnatur dabei übersieht.

Ein abgestumpfter, lethargischer Tamas-Geist führt zu Verschlafenheit, Zweifeln und Ängsten. Dieser Geist hört nicht auf den Lehrmeister. Aber wenn du offen bist und nichts anderes im Sinn hast, reicht ein einziges Wort des Lehrers, um dich zu erlösen. So empfänglich ist der Satva-Geist.

 Ein brennend heißes Freiheitsstreben, unentwegte Innenschau, gezielte Selbstbefragung und die Abkehr von vergänglichen Freuden – ruhig zu bleiben, sich nicht mit Gedanken zu identifizieren, sich nicht mehr anzustrengen … all das ist Heiligkeit. Wer heilig ist, gefällt dem Göttlichen und geht in der Wahrheit auf.

 Ich habe den starken Wunsch, eine heilige Wesensnatur zu entwickeln.

 Wer frei sein will, muss die Heiligkeit des eigenen Wesensgrunds entdecken und sie ausleben. Das Ersehnte kann sich nicht offenbaren, solange man heillos in andere Dinge verstrickt ist. Heilig ist, wer sich rettungslos in sein Selbst verliebt. Diese Liebe ist Andacht, Hingabe und Verehrung zugleich. Was du liebst, wird hingebungsvoll verehrt, und was du verehrst, wird innig geliebt. Wenn deine Liebe keinem Objekt mehr gilt, weil sie nur noch sich selbst sucht und ehrt, enthüllt sich die Heiligkeit deiner Wesensnatur und wird in jeder gewünschten Form erfahren, sei es als etwas Manifestiertes oder als formloses Sein.

Gilt deine Sehnsucht der Liebe an sich? Dann bemühe dich nicht um persönliche Liebschaften, denn Liebe an sich hat keine Persönlichkeit, sie hat keine Form und kennt keine Namen. Gott ist diese Liebe.

 Ich danke dir für die Zeit, die du gestern mit mir verbracht hast. Seitdem haben sich meine Probleme verflüchtigt wie Nebel in der Morgensonne.

Ausgezeichnet. Ich habe dir ja gesagt, dass Probleme sich in Nichts auflösen (lacht). Dass es so schnell pas­siert, ist ein Beweis für deine Aufrichtigkeit. Nur ein ehrlicher Mensch kann erlöst werden,denn die Wahrheit gesellt sich nur zu würdigen Menschen. Mit den Attributen der Heiligkeit geht man mühelos ins Herz der Wahrheit ein. Wer kann als heiliger Mensch bezeichnet werden? Mach die Augen zu und sieh in dich selbst hinein: Bin ich heilig? Bin ich heil und ganz genug, um an das Heilige heranzureichen?Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Allerheiligsten und einem Menschen, der sich danach sehnt.

 Jede meiner Fragen löst sich jetzt sofort wieder auf.

Das zeigt, wie rein dein Geist ist: So rein, dass er sich auf keinen Zweifel und keine Frage mehr fixieren kann. Viele Leute nehmen sich vor, mir irgendwelche Fragen im Satsang zu stellen, aber sie vergessen alles, noch be­vor sie die Fragen aussprechen können. Es hängt von der Reinheit des Geistes ab.

Ein Mensch mit einem rei­nen Herzen wird auf all seinen Wegen vom Göttlichen begleitet, jeder Wunsch wird ihm unverzüglich und vollkommen spontan erfüllt. Du wirst es sehen. Wie Je­sus sagst du nur noch: »Dein Wille geschehe.« Wer sich dem innewoh-nenden Gotteswillen unterwirft, wird un­vorstellbar froh.

Ich habe immer noch das Gefühl, dass etwas an mir nicht ganz rein ist und mich davon abhält, die innere Flamme wahrzunehmen. Ich will transparent werden und mich auflö­sen.

Du bist rein, aber sobald das Gefühl einer Unreinheit in dir aufsteigt, nimmst du die Flamme in deinem eigenen Selbst nicht mehr wahr. Die mentale Beschäftigung mit Dingen außerhalb von dir selbst ist das einzige, was ein Gefühl der Verunreinigung in dir erzeugen kann. Wenn du dich in andere Menschen verliebst, nimmst du die Flamme der Liebe und Schönheit in ihnen wahr, anstatt das Licht in dir selbst wahrzunehmen. Darum musst du deine eigene Schönheit zuerst entdecken und dann nimmst du dieselbe Wesensnatur auch in allen anderen Geschöpfen wahr. Transparent bist du in Momenten der Gedankenlosigkeit, dann bist du formlos durchläs­sig. Darum sollst du eine kurze Zeit lang nicht mehr nachdenken. Ohne Gedanken bist du reines, transpa­rentes Sein.

Wie reinigt man sich und entfaltet diese Schönheit?

Deine Schönheit ist nicht zeitgebunden. Sie wird nicht im Lauf der Zeit entfaltet. Ich spreche nicht von der Schönheit der Körperform, sondern von der Schönheit, zu der sich die Wahrheit gesellt. Sobald du dich an kei­nen Gedanken mehr klammerst, bist du vollendet schön. Die Identifikation mit Gedankenfolgen macht uns hässlich, weil unsere natürliche Schönheit dabei vorü­bergehend unter Schichten von mentalen Aktivitäten verborgen wird. Wenn kein Gedanke im Sinn gehalten wird, verströmt sich das innere Licht ungehindert durch alle Poren und taucht dich und die ganze Welt in unfassliche Schönheit.

Nachdem Buddha frei geworden war, ging die leuch­tende Leere seines Geistes auch auf seinen physischen Körper über und machte ihn zu einem der schönsten Menschen der Welt. Heute werden alle möglichen Schönheitsmittel benutzt, und in den sechziger Jahren wurde sogar versucht, die Schönheit des reinen Geistes mit Chemieprodukten wie LSD zu entfalten. Viele von diesen Experimentierenden habe ich getrof-fen, auch einige von den weltbekannten, aber die Schönheit, die sich durch Hilfsmittel offenbart hatte, war vergänglich, und die Drogen haben ihrer Gesund-heit geschadet. Die Schönheit, die ich meine, ist die ungeborene, leuch­tende Lieblichkeit. Wenn du keinem Gedanken nach­hängst, strahlt sie aus dir heraus.

 Warum wird kaum jemand vollkommen frei? Warum gibt es so wenige Buddhas?

Weil kaum jemand ernstlich daran interessiert ist, sich von seinen Verstrickungen zu befreien.

 Ich meine immer noch, dass ich es nicht wert bin, frei zu wer­den.

Wertvorstellungen hindern dich daran, deine Freiheit zu erkennen. Gib deine Wertvorstellungen auf und du erweist dich als würdiger Gastgeber. Dem Würdigen enthüllt sich das Wahre von selbst, denn es ist in jedem Moment anwesend. Von Anfang an hat das Wahre dich überallhin begleitet. Da das freie, erlöste, wahre Sein bereits hier ist, kann es unmöglich zu einem späteren Zeitpunkt erreicht oder verwirklicht werden. Also schau nicht aus deinem Selbst heraus, sondern in dich hinein, dann offenbart es sich von selbst. Schau nicht auf deinen Körper. Du bist kein Body-Satva, sondern die Bodhisatva-Natur schlecht-hin. Bodhisatvas sind im wunschlosen Sein zu Hause, auch wenn sie sich freiwil­lig auf Beziehungen aller Art einlassen, denn dies ist der Gipfel der Freiheit:

Den freien Menschen kümmert es nicht, ob er in Beziehungen verwickelt ist oder nicht. Diese Losgelöstheit ist die Bodhisatva-Natur.

Papaji, ich will mich hundertprozentig fokussieren.

 Die indische Königstochter Mirabai hat sich hundert­prozentig auf Gott fokussiert. So stark war ihre Kon­zentration, dass Krishna leibhaftig vor ihr erschien, und von Stund an konnten die beiden jeden Tag mitein­ander Schach spielen und sich unterhalten – sehr zum Leidwesen des Königs und ihrer Schwester, die glaub­ten, dass Mirabai sich mit einem menschlichen Liebha­ber vergnügte.

Wenn du unschuldig bist, kann das innere Selbst dir als äußerlich manifestierte Form erscheinen. Mirabai war so unschuldig geworden, dass sie eine Statue von Krishna nicht mehr für etwas anderes halten konnte als ihr ureigenes Selbst. Wer sein Augenmerk unverwandt auf das Selbst richtet, begreift sehr bald, dass der eigene Wesensgrund in jeder gewünschten Form vor einem auftauchen kann, weil er sich ohnehin überall und in je­der Form manifestiert. Du musst dein Ichgefühl auf deinen Wesensgrund verlagern, dann erkennst du alles als eine Manifestation des innewohnenen Selbst.

Mach dir bewusst, was es bedeutet, wenn du von hundertprozentiger Fokussierung sprichst. Hast du die Freiheit tatsächlich am liebsten? Dann muss dein ganzes Sinnen und Trachten und jede Handlung von dieser Liebe bestimmt werden.

Was du sagst, wird von der Liebe gesagt. Was du hörst, wird von der Liebe gehört.

Kannst du mir Gott zeigen?

Du stellst die Frage aller Fragen. Dazu fällt mir eine Ge­schichte ein, in der es um diese Frage geht: Ein achtjähriges Mädchen kam einmal zu mir und wollte wissen, ob ich ihr Gott zeigen könnte. Ich erwi­derte: »Geh erstmal zur Schule, dann zeige ich ihn dir morgen früh.« Am nächsten Tag kam sie wieder und sagte: »Jetzt musst du mir Gott zeigen, weil du es mir versprochen hast!«

Ich erklärte ihr, dass der Bus draußen auf sie warte, um sie zur Schule zu bringen, und sagte: »Lass dich zur Schule fahren und komm morgen wieder. Dann zeige ich ihn dir.«

Sie entgegnete: »Jeden Tag verschiebst du es auf mor­gen, aber heute lasse ich mich nicht wegschicken. Du hast versprochen, dass du ihn mir heute zeigst!«

»Na gut«, sagte ich. »Ich zeige ihn dir im Nebenzim­mer, aber um Gott sehen zu können, musst du ihm etwas schenken. Hast du etwas, das du ihm geben kannst?« 
»Eine Tafel Schokolade von Mama«, sagte sie.
»Gut«, sagte ich und führte sie in ein kleines Neben­zimmer.
Sie blickte sich um und fragte: »Wo ist er? Ich sehe keinen Gott.«

»Zuerst musst du ihm die Schokolade anbieten, sonst kommt er nicht. Er erscheint dir erst, wenn du deine Hand ausstreckst«, antwortete ich.

Sie war ein Kind und hatte keine Zweifel. Als sie die Hand mit der Schokolade vertrauensvoll ausstreckte, ertönte ein lautes Getöse, und ihre Mutter stürzte ins Zimmer, um zu fragen,
was passiert sei.

Die Kleine rief: »Mama, ich habe Gott meine Schoko­lade hingehalten, und dann kam er und hat mir die ganze Tafel weggenommen, statt mir wenigstens die Hälfte abzugeben. Dafür habe ich ihm eine Back-pfeife ins Gesicht geklatscht, und nun steht er da. Siehst du ihn nicht? Ich sehe ihn und Papa auch.«

Die Mutter hat sich nie von ihrer Tochter überzeugen lassen, selbst als die Kleine ein Bild von dem Ereignis malte –, und zwar das schönste Bild von Gott, das mir je unter die Augen gekommen ist. Sie hat mich dann oft auf meinen Spaziergängen begleitet, wir haben gemein­sam meditiert, und bevor sie sich schlafen legte, hat sie mir einen Strick ans Bein gebunden, den sie selbst im Schlaf in der Hand behielt, damit ich nicht unbemerkt weglaufen konnte.

Was ich dir sagen will, ist, dass Gott sich dem unschuldigen Geist offenbart.

Wer das Innere als getrennt vom Äußeren wahrnimmt, ist nicht unschuldig genug, um Gott zu sehen. Ansonsten kannst du ihn überall se­hen, denn Gott ist überall. Warum siehst du ihn nicht? – Weil du Zweifel hast. Der Schleier zwischen dir und Gott besteht lediglich aus der gedanklichen Zweitei­lung, die du durch die Vorstellung erzeugst, dass Gott nicht erblickt werden kann, und wenn, dann höchstens nach langen Bußgän-gen und Meditationen im Hima­laya. Jetzt … in diesem Moment … was siehst du?

Ich kann nichts sehen.

Ich habe dir doch gesagt, dass du keinem Zweifel Raum geben sollst. Wenn du sagst: »Ich kann nichts sehen«, zweifelst du an dem, was du jetzt siehst! Nun lass deine Zweifel fallen und sag mir noch einmal, was du ohne je­den Zweifel siehst. Dieses »Ich kann nicht«, von dem du sprichst, ist eine Anzweiflung. Nochmal – und ohne den geringsten Zweifel: Was siehst du?

Ich sehe Gott!

Der Gesang des Seins - Buchcover Noumenon Verlag

Der Gesang des Seins .. ist ein kraftvoller Ausdruck des ekstatischen Fließens der Urkraft, in einem erhebenden und belebenden Strom von Worten des einzigartigen Papaji. Für mich ist dieser leidenschaftliche, hingebungsvolle Tanz in Wortbildern eines der schönsten, strahlendsten Bücher der spirituellen Literatur. Die herzergreifende Poesie lässt den Leser in besonderer Weise eintauchen ins Mysterium des Lebens, der Liebe, des Absoluten.
Herzlichen Dank an den Noumenon Verlag.

Heide Arnold

Adresse

Noumenon Verlag
Lornsenstraße 14
22767 Hamburg 

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