Ramesh Balsekar Autor im Noumenon Verlag für hochwertige spirituelle Bücher

Wenn Besucher zu mir kommen, mache ich sie als Erstes darauf aufmerksam, dass alles, was ich sage, »nur Gedanke« ist, nicht »die Wahrheit«. Ich füge hinzu, dass überhaupt alles, was je von Wissenden gesagt worden ist, und alles, was in den heiligen Schriften aller Religionen steht, nur Gedanke ist. Ein Gedanke ist so oder so auslegbar, der eine pflichtet bei, der andere nicht. Wahrheit andererseits ist das, was niemand bestreiten kann.

Wenn ich meine Besucher frage, ob sie etwas so sicher wissen, dass es unzweifelhaft die Wahrheit ist und nicht einfach Ge-danke, dann wissen die meisten nichts zu antworten. Ich ant-worte dann selbst, es gebe in der Tat nur eine einzige Wahrheit, an der nicht zu rütteln ist. Nehmen wir an, ein Atheist kommt zu mir und erzählt, er habe das Thema sehr eingehend studiert, sogar mit einer Promotion im Fach vergleichende Religions-wissenschaft, und sei vollkommen überzeugt, dass es keinen Gott gibt. Ich würde ihm erwidern, seine Überzeugung sei absolut legitim, da »Gott« ohnehin einfach ein Gedanke sei. Ich sage: Gott mag existieren oder nicht, aber würden Sie Ihre eigene Existenz bestreiten?

Da liegt nämlich die einzige unbestreitbare Wahrheit, im unpersönlichen Gewahrsein von Sein oder Existenz. Da gibt es nichts zu deuten. ICH BIN ist wahr. »Ich bin Hans« oder »Ich bin Grete«, das ist nicht die Wahrheit. Die Wahrheit des ICH BIN kann unter dem persönlichen Ego verborgen liegen.

Weise mir Dein Ego aus

Und dieses individuelle Ego ist der spirituelle Sucher. Aber das Ego existiert eigentlich gar nicht. Wenn jemand zu mir kommt und sein Ego demontiert haben möchte, um dann »selbstverwirklicht« oder »erleuchtet« zu sein, fordere ich ihn auf, mir sein Ego vorzuweisen – verbunden mit dem Versprechen, es vor seinen Augen dem Erdboden gleichzumachen.

Was ist denn das Ego? Was verstehen Sie darunter? Wenn ich so frage, antworten die meisten ungefähr so: »Ego ist die Identifikation mit einem Körper, der als etwas von allen ande-ren Menschen Getrenntes gesehen wird, und diese Trennung ist die Ursache allen Unglücks.« Doch bloße Identifikation mit einem Namen und einem Körper oder Name-und-Form (Sans-krit nama-rupa) kann noch kein Ego bilden, denn selbst der Wissende, der ja sein Ego überwunden hat, reagiert wie jeder gewöhnliche Sterbliche, wenn sein Name gerufen wird. Worin besteht dann aber der Unterschied, was macht den Wissenden zum Wissenden? Der Umstand, dass er ohne jeden Zweifel die Richtigkeit dieser Worte des Buddha erkannt hat: »Ereignisse tragen sich zu, Taten werden getan, doch es gibt kein Individuum, das Taten verrichtete.« Er weiß also mit absoluter Sicherheit, dass weder er noch irgendwer tatsächlich Täter seiner Taten ist, dass alles »Tun« ein göttliches Wirken ist, das lediglich durch diesen oder jenen Körper-Geist-Organismus geschieht, aber nicht von jemandem »getan« wird.

Hier erhebt sich die Frage: Wenn niemand tut, was getan wird, wer ist es dann, der in dieser Welt lebt? Wer erfährt Glück und Unglück? Wer sucht »Selbstverwirklichung« oder »Erleuchtung« oder was auch immer? Die kurze Antwort lautet, dass wir nur meinen, wir lebten unser Leben, während das Leben in Wirklichkeit einfach durch Milliarden Körper-Geist-Organis-men gelebt wird. Das Ego bildet sich ein, es sei der Macher und erfahre Glück und Unglück. Das Neugeborene sucht instinktiv die Brust der Mutter, und von da an ist das Leben Suche – Suche eines Ego, das sich als Sucher, als Täter seiner Taten und für diese Taten verantwortlich sieht.

Ein Computer mit spezieller Programmierung

In Wahrheit, wie gesagt, ist ein Mensch nichts weiter als ein Instrument, ein Computer mit jeweils spezieller Programmierung, dessen sich Gott (der Ursprung, die Urenergie, das Bewusstsein oder eben das Eine ohne ein Zweites) bedient, um zu bewirken, was er bewirken möchte. Der Ursprung bedient sich dieser Milliarden Computer genauso, wie Sie Ihren Computer handhaben. Sie beschicken Ihren Computer und seine spezielle Programmausstattung mit einem Input, und er hat dann keine andere Wahl, als den Output zu produzieren, für den er programmiert ist. Wenn Sie meinen, es sei »Ihre Sache«, wie Sie handeln, dann müsste man auch vom Computer sagen, es sei »seine Sache«, was er produziert.

Worin besteht nun Ihre Programmierung? Sie haben Ihre Eltern nicht selbst gewählt und daher auch nicht Ihre Gene und die DNA Ihres Körper-Geist-Organismus. Sie haben sich auch nicht das Umfeld ausgesucht, in das hinein Sie geboren wurden und in dem Ihr Körper-Geist-Organismus vom ersten Tag an seine Prägungen erhalten hat. Zusammen bilden Ihre DNA und die Umwelteinflüsse, denen Sie ausgesetzt waren, die »Programmierung« Ihres Körper-Geist-Computers.

Und wie benutzt der Ursprung (Gott) den menschlichen Computer? Der »Input«, denke ich, ist entweder ein Gedanke des Grundbewusstseins oder Ursprungs oder einfach das, was an Sinneseindrücken aufgenommen wird. Das Gehirn reagiert darauf und produziert als »Output« eine Reaktion des Körper-Geist-Organismus. Neuere Forschungen zeigen, dass die Gehirnreaktion dem scheinbar vom Ich ausgehenden Impuls eine halbe Sekunde vorausgeht. Es liegt demnach auf der Hand, dass nicht das Ich über den Input bestimmt, und natürlich hat es auch keinerlei Einfluss auf die Programmierung, die über die Reaktion des Körper-Geist-Organismus bestimmt. Diese Reaktion ist offensichtlich einfach biologischer oder mechanischer Art. Doch das Ego beharrt darauf, diese Reaktion als seine Aktion zu sehen.

Wo ist der Unterschied?

Beachten wir auch, dass die biologische oder mechanische Reaktion des Körper-Geist-Organismus beim Wissenden nicht anders ausfällt als beim gewöhnlichen Menschen. Bei gleichem Input und ähnlicher Programmierung darf man ähnlichen Output erwarten – Ärger, Belustigung, Angst, Mitleid oder was es auch sei. Hartnäckig hält sich aber der Glaube, mit Selbstverwirklichung oder Erleuchtung sei eine derart tiefe Verwandlung verbunden, dass der Wissende fortan vollkommen sei, nichts mehr von Ärger, Frustration oder Angst. Aber, wird man jetzt einwenden, es muss doch einen Unterschied zwischen einem Erleuchteten und einem Unerleuchteten geben. Worin besteht er, wenn die programmierten Reaktionen ungefähr gleich ausfallen? Er besteht in dem, was nach der ersten Reaktion geschieht.

Sagen wir, irgendeine Situation löse – beim Wissenden wie beim gewöhnlichen Menschen – Verärgerung aus. Beim gewöhnlichen Menschen reißt jetzt das Ego das Ruder an sich und sagt: »Ich bin wütend. Ich soll mich aber nicht ärgern, mein Arzt hat gesagt, davon bekomme ich hohen Blutdruck und dann womöglich einen Herzinfarkt oder Gehirnschlag.« Der Körper-Geist-Computer reagiert einfach im Augenblick, aber das Ego zieht die Reaktion in die Länge und Breite. Wenn dem Wissenden Ärgerliches widerfährt, wird er vielleicht lauthals schimpfen, aber damit ist seine Reaktion dann auch beendet und bereits im nächsten Augenblick ist er wieder aufgeschlossen für alles, was sich dann bieten mag.

Dazu fällt mir etwas ein, was ich vor langer Zeit während eines Besuchs bei meinem Guru, Nisargadatta Maharaj, erlebt habe. Jemand stellte eine Frage, die Maharaj offensichtlich aufbrachte. Er schrie den Fragesteller an: »Du kommst jetzt schon sechs Jahre und stellst immer noch solche dämlichen Fragen!?« Der so Angeraunzte kannte Maharaj gut und konterte ebenso schlagfertig wie witzig. Alle lachten, Maharaj am lautesten. Eben noch verärgert, jetzt schon wieder zum Lachen aufgelegt. Das hätte als Ego-Reaktion ganz anders ausgesehen. Das Ego würde sagen: »Ich bin ärgerlich, und dieser Mann da hat mich verärgert – kommt gar nicht infrage, dass ich über seinen Witz lache!« Beim gewöhnlichen Menschen hätte die Ego-Ein-mischung mit anderen Worten in die Breite geführt und keine Aufgeschlossenheit für den nächsten Augenblick zugelassen. Deshalb ist der gewöhnliche Mensch manchmal glücklich,
meistens aber unglücklich.

Autor: Ramesh Balsekar aus:  Wo nichts ist, kann auch nichts fehlen.

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