Der Schlüssel zur Selbst-Verwirklichung

Hingabe und Hingabe nach der Befreiung

 

Wir wissen, dass das Reine Wissen in der Form Paramatmans jede Form durchdringt. Nachdem man das Selbst intellektuell versteht, besteht der beste Weg es zu ergründen und vollkommen zu verwirklichen im Versuch, alle glücklich machen zu wollen. Durch diese Praxis allein wird erkannt, dass das Selbst alles durchdringt. Die gesamte Welt ist nichts als „Wissen“. Da alles das Selbst ist, wird das Selbst erfreut, indem man alle glücklich macht. Auf diese Weise wird die Wahrheit der Veden geprüft und erfahren, und die Selbst-Erkenntnis wird fest verankert.

Die Verehrung von Paramatman in einer Form (Saguna) ist die Verehrung des Offensichtlichen. Brahmananda (die Glückseligkeit Brahmans) offenbart sich in allen Formen, wie in der eines Insekts oder in einem Hund oder einem Schwein. Es ist das Höchste Selbst, Paramatman allein, das alles durchdringt. Paramatman, das formlos und ohne Eigenschaften ist, nicht offensichtlich, ist mit Eigenschaften in der Form des Universums offenbar geworden. Es ist in den Dingen gegenwärtig, die unbeweglich sind, klar erfahren wird es jedoch in allen sich bewegenden Wesen. Statt leblose grobe Objekte wie Götzen aus Stein oder Metall anzubeten, ist es besser, den sich bewegenden, gehenden, sprechenden Gott zu verehren, in dem die Qualität des Wissens deutlich erfahren wird.

Das bedeutet Saguna-Verehrung oder die Verehrung des offenbaren Gottes. Welche Qualitäten befinden sich in einem Idol aus Stein? Von den drei Eigenschaften Sattva, Rajas und Tamas befindet sich keine in dem leblosen aus Stein oder Metall gefertigten Götzen. Allerdings sind eine oder mehrere Eigenschaften in den Manifestationen Gottes zu finden, die sich bewegen. Deshalb sind alle Wesen Formen Gottes.

Wenn man aufrichtig Heilige oder einen guten Menschen anbetet, der den Eigenschaften nach voller Sattva-Guna (Wissen und ein Hang zum spirituellen Verstehen) ist, erfreut ihn das und so gewährt er uns unsere Wünsche. Wenn wir jedoch seine Anteile an Tama-Guna tadeln, schlägt er uns und vermittelt uns so einen Schock. Verehre deshalb den Gott, der geht und spricht. Um Wissen zu erlangen, ist ein Stein nicht hilfreich. Der Heilige Kabir hat das in deutlichen Worten herausgestellt. Er riet allen, nur einen sprechenden und sich bewegenden Gott zu verehren. Sobald das Wort „Verehrung“ geäußert wird, kommen einem Sandelholzpaste, Weihrauch, Blumen, Kumkum Puder und andere Gegenstände für die Anbetung in den Sinn. Gott wirklich zu verehren heißt allerdings, alle Wesen zu erfreuen und glücklich zu machen.

Obwohl Paramatman ein überall seiendes „Eines“ ist, sind die Anbetungsmethoden der Devotees unterschiedlich. Sie richten sich nach ihrer Konditionierung und danach, wie sie Es empfangen. Auch ein Esel hat Gott in sich. Wenn du jedoch vor ihm in Ehrerbietung die Hände faltest, ist das, als wollest du dich über Paramatman lustig machen. Es ist Unfug. Erfreut es den Esel, wenn du vor ihm die Hände faltest? Wenn nicht, dann verhält es sich mit der Verehrung wie oben erwähnt: Die Verehrung, die für eine andere Form Gottes erfreulich ist, wäre nicht die angemessene Form der Verehrung für einen Esel. Allerdings besteht die Verehrung Gottes, der eine menschliche Form angenommen hat, nicht nur darin, ihm Nahrung anzubieten, sondern ihn auf eine Weise zu erfreuen, die ihm entspricht. Das wäre die angemessene Verehrung Paramat-mans. Indem man einem anderen gibt, was er will, wird sein Herz erfreut, und dadurch fühlt es sich gewürdigt.

Die Schlange und der Skorpion sind ebenfalls Formen Gottes (Narayana). Aber um sie zu verehren, bedarf es einer Ehrerbietung aus der Ferne. Das bedeutet, dass sie in Ruhe gelassen werden sollten, damit sie ihr eigenes Leben leben können. Wenn du sie, statt das zu tun, aus Hingabe umarmst, wird dich diese Gottschlange beißen und dir klarmachen, dass es keine Verehrung ist, sie zu umarmen. Hier könnten Zweifel aufkommen: „Inwiefern hat das mit Verehrung zu tun, wenn man Schlange und Skorpion lebendig entkommen lässt? Diese Wesen sind boshaft und müssen getötet werden.“ Ich würde darauf erwidern, dass Schlangen und Skorpione nicht ohne Not beißen, sondern erst, wenn sie berührt oder verletzt werden. Und doch ist der Mensch ständig bereit, sie zu töten, auch wenn sie sich in einem erheblichen Abstand aufhalten.

Ist die Natur des Menschen nicht sehr viel boshafter als die der Schlange oder des Skorpions? Ja, das ist sie, weil der Mensch das Verlangen hat, sie ohne Not zu töten. Lass das Empfinden „die Schlange und der Skorpion sind von meiner Natur“ verbindlich werden und dann sieh, was für ein Wunder passiert. Das Selbst einer „Schlange“ oder eines „Skorpions“ ist nicht aus Stein. Wenn dein Verstehen beständig wird, dass dein Selbst dasselbe Selbst ist, wie das Selbst in der Schlange oder im Skorpion, dann wirst du sehen, dass das Selbst der Schlange wirklich eins mit deinem Selbst ist. Dann wird in der Schlange oder im Skorpion nicht der Wunsch aufsteigen, dich zu beißen. Wenn man eine Schlange als Schlange sieht, dann sieht sie einen verkörperten Menschen auch als Feind. Du wirst denselben Gesichtsausdruck im Spiegel sehen, den du auf deinem Gesicht trägst. Ist es der Fehler des Spiegels, wenn du in der Reflexion des Spiegels einen bösen Ausdruck siehst?

Wenn du lächelst und in den Spiegel schaust, musst du dir vom Spiegel kein lachendes Gesicht bestellen. Warum räumt der Dieb unser Haus aus? Es geschieht, weil auch wir das ständige Verlangen haben, andere auf vielerlei Weise auszuplündern und damit unser Haus zu füllen. Wenn wir das Gefühl vollständigen Verzichts entwickeln, dann wird sich dieses Empfinden in allem spiegeln, was vor uns auftaucht. Selbst wenn du es ablehnst, nach etwas zu fragen, sind die Menschen darauf vorbereitet, dir einen Haufen von dem abzugeben, was sie haben. Doch derjenige, der darum bettelt, bekommt es nicht.

Von diesem Gespräch könnte ein Leser verwirrt werden und sagen: „Maharaj, deine Art zu denken scheint nicht richtig zu sein. Eine Schlange zu lassen, nachdem man sie erblickt hat oder einen Taschendieb, der ein Bündel Banknoten stiehlt, als Gott zu betrachten und nichts zu unternehmen, ist etwas, was wir niemals tun können.“ Einverstanden! Ich würde sagen: Hundertmal einverstanden! Aufgrund der Gewohnheit vieler Geburten kann das so nicht möglich sein. Diese Art der Verehrung kann nicht mit einem Mal erreicht werden. Aber man kann damit beginnen, in kleinen Schritten, z. B. mit den kleinen Käfern im Haus, statt mit Skorpionen und Schlangen. Ausgehend von einer so belanglosen Tat, wie die Käfer im Haus nicht mehr zu töten, sollte man das „Einssein von Allem“ studieren.

Sieh das Einssein des Selbst in jedem Ding und jedem Wesen und erlebe, was du dann für eine wunderbare Erfahrung machen wirst. Du wirst dann das Gefühl des Einsseins mit allen Wesen haben, selbst mit denen die lästiger sind als die Käfer, und nach und nach wachsen „Selbst-Vertrauen“ und „Selbst-Erfahrung“ an. Das heißt, dass man nicht mit dem Gefühl weitermachen sollte: „Käfer sollten nicht getötet werden, sie sollten in Ruhe gelassen werden.“ Vielmehr sollte das Gefühl sein: „Sie sind von meiner eigenen Natur und sie sind meine eigenen Formen. Ihre Freude ist meine Freude.“ Eine Mutter erfährt das Gefühl von Freude, indem sie das Kind beglückt, wenn es an ihrer Brust nuckelt. Mit derselben Haltung sollte man ein Gefühl von Befriedigung erfahren, wenn man den Käfern erlaubt, Blut vom eigenen Körper zu saugen. Es mag schwer sein, diese Idee anzunehmen, aber es ist der Anfang oder die erste Lektion, Einssein mit allen Wesen zu fühlen.

Wenn das allmählich und beharrlich erlernt wird, dann wird die Erde ohne Feind sein und Furchtlosigkeit wird sich zu dir gesellen. Auf diese Weise solltest du frei von allen Ängsten sein. Wenn ein Aspirant frei von Zweifeln ist und „das Wissen des Selbst“ erreicht, wird er frei werden. Obwohl das so ist, kann er immer noch nicht die „Ganze Herrlichkeit der Wahren Befreiung“ erleben. Zum Beispiel ist es das eine, Reichtum zu erlangen, während es etwas ganz anderes ist, den Status zu genießen, nachdem man reich geworden ist. Ebenso wird sich die Selbst-Verwirklichung nicht entwickeln oder ausdehnen, solange das Empfinden von „Einssein mit Allem“ nicht zum Jnani kommt.

Dann ist er wie ein geiziger Reicher mit seinem Reichtum und kann die vollkommene Glückseligkeit der Befreiung nicht zu Lebzeiten erreichen. Solange man nicht das Gefühl von „Einsseins mit Allen/m“ hat, wird man die Furchtlosigkeit nicht erleben, selbst wenn man Selbst-Erkenntnis erlangt. Vollkommene Glückseligkeit ist Furchtlosigkeit. Angst ist ein Anzeichen der Dualität. Angst ist ein ganz großes Hindernis, das dem Glück im Weg steht, das sich aus der Befreiung ergibt. Nachdem man Selbst-Erkenntnis erfahren hat, sollte der Aspirant Paramatman auf die Weise verehren, die zuvor dargelegt worden ist. Ein Jabeli, das ist eine in Ghee gebratene Art von Süßigkeit, wird erst fruchtig und süß, nachdem sie gebraten und dann in Sirup getaucht wurde. Auf dieselbe Weise erfährt der Jnani die Fülle des Lebens durch „Hingabe nach der Selbst-Erkenntnis“.

In einem Spiel, das „Surfati“ heißt, rückt der Spieler erst von einem niedrigeren zu einem höheren Haus auf und bringt dann all das zurück, was er von den anderen Häusern bekommen hat. Erst dann ist das Spiel vorbei. Wenn man das gesamte Wissen vom grobstofflichen Körper bis hin zum Großen-Kausalkörper gewinnt, muss man das Geschenk der Selbst-Erkenntnis auf dieselbe Weise zurück zum niedrigeren Körper bringen. Die faktische Erfahrung, dass die Welt nichts als Wissen ist, ist Wissen an sich und wird zur Letztendlichen Wirklichkeit (Vijnana). Aufgrund des Gefühls, dass es noch jemanden in der Welt gibt, der nicht „ich“ ist, haben wir Tag und Nacht ein Gefühl der Angst und denken, dass wir unsere Frau, unser Vermögen und  unseren Besitz vor dem Zugriff eines anderen schützen müssen.

Und so werden wir aufgrund des Empfindens von Besitzgier und Eigentum zu einem „Gasti“ oder Wächter. An dem Tag jedoch, an dem man das Gefühl des Einsseins mit allen und allem verwirklicht und gespürt wird, dass ich überall gegenwärtig bin und alles durchdringe, an diesem Tag wird der „Gasti“ zum „Agasti“.  Er wird zum Weisen, der den Ozean in einem Schluck austrinkt. Dieser Ozean, der aus den fünf Elementen besteht, die das gesamte Universum bilden, könnte sogar für einen Schluck nicht ausreichen.

Auf diese Weise wird der Devotee, der um das Selbst weiß, noch während er im Körper ist, furchtlos und genießt die Feier dessen, was Befreiung genannt wird. Jetzt haben wir die Selbst-Erkenntnis und die Hingabe nach der Selbst-Erkenntnis dargelegt. Wir haben eine Stufe erreicht, auf der ein Apirant zum Selbst-Erkennenden Jnani geworden ist. Das Ende allen Wissens um den Großen-Kausalkörper trägt Früchte, wenn man die ganze Welt als sich selbst sieht. Obwohl das wahr ist, hat der Heilige Ramdas das Wissen um den Großen-Kausal-körper trotzdem als unbeständiges Brahman bezeichnet, wenn man es mit Paramatman vergleicht. Paramatman ist beständig.

Es unterscheidet sich vom „Offenbaren Brahman“ (Saguna Brahman) und vom „Unsichtbaren Brahman“ (Nirguna Brahman), das mit den vier Körpern in Verbindung steht. Und deshalb ist es „Nicht-Wissen“. Deshalb haben die Veden letzten Endes „neti, neti“ gesagt, was soviel heißt wie „nicht dieses und nicht jenes“. „Nicht dieses“ bedeutet: Es ist weder Wissen noch Unwissenheit. Unbewegliches Paramatman ist die „Einzige Wahrheit“, es ist die Essenz. Nichts anderes ist wahr. Der Heilige Samartha Ramdas hat seine Schlussfolgerung sehr schön im Dashbodh (klassischer spiritueller Text aus dem 17. Jh.) dargelegt.

Warum ist dieses Wissen unbeständig? Weil ihm viele Namen und Attribute gegeben worden sind, wie männlich, weiblich und geschlechtslos. Es wird als Satchitananda, Ishwara, Omka-ra, Shesha, Narayana, das Uranfängliche Wesen, Shiva, etc. bezeichnet. Das sind einige der männlichen Bezeichnungen. Es wird als Shakti, Prakriti, Shruti, Shambhavi, Chitkakla, Narayani, etc. bezeichnet. Das sind einige der weiblichen Namen. Es wird Nija Rupam (die eigene wahre Natur), der Große-Kausalkörper, Reines Wissen, Brahman, das Reich der Glückseligkeit (Anandayatman), etc. genannt. Diese nicht geschlechtsspezifschen Bezeichnungen sind für die „Selbst-Erkenntnis“ bekannt.

Das Eine, was nichts von alledem ist, ist das Beständige, das Unbewegliche, die Essenz, das „Wahre Brahman“. Die großartige Qualität des Wissens des Großen-Kausalkörpers ist viel größer, als es das Wissen im grobstoff-lichen Körper ist, und dieses Wissen kann durch den Prozess der Eliminierung ausfindig gemacht werden. Nachdem es geschlussfolgert worden ist, kann es sich wieder vermischen (da es alles-durchdringend ist). Allerdings kann das nicht so interpretiert werden, dass der Aspirant die Stufe Parabrahmans aufgrund der Kenntnis um den Prozess der Eliminierung erreicht und dann noch einmal alles bewusst durchdringt.

Parabrahman ist „Das“, von wo niemand zurückkommen kann. Wissen ist als „Wissen“ bezeichnet worden, aber in Wirklichkeit hat Brahman keinen Namen. Im Wissen des „Ich Bin“ ist eine Mischung aus Aktivität oder Veränderungen in der Form der Welt.

Sri Siddharameshwar Maharaj-Der Schluessel zur Selbst-Verwirklichung-Buchcover im Noumenon Verlag

Ein sehr schwieriges Thema wird hier in einer Weise behandelt, wie ich sie bisher noch nicht erlebte. Schwierig ist das Thema, weil man die Selbstverwirklichung kaum beschreiben kann, denn sie entzieht sich großenteils den Möglichkeiten unserer Sprache.

So liest man in anderen Büchern oft allgemeingehaltene Ratschläge, die einem nicht wirklich weiterhelfen. In diesem Buch konnte ich zum ersten Mal erkennen, wo ich auf meinem spirituellen Weg stehe; ich konnte genau den Weg verstehen, den ich zurückgelegt habe. Aber ich konnte nicht mehr verstehen, was noch vor mir liegt. Und das ist ja ganz normal.

So ist das Buch äußerst wertvoll für solche auf einem spirituellen Weg. Wer ihn noch nicht beschritten hat, wird mit dem Buch und seinen Anleitungen möglicherweise nicht zurecht kommen. Aber der Versuch lohnt sich trotzdem, weil hier nicht geschwafelt wird, sondern Anleitungen von einem Meister gegeben werden, der Selbstverwirklichung hat.

Norbert Kuhl

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