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Leseprobe

Der Schlüssel zur Selbstverwirklichung

Maya und Brahman

 

 Jetzt versuche die „Kruste“ des Bewusstseins wahrzunehmen, die ohne Objekt ist, das „Reine Wissen“, das nicht mit irgendwelchen Objekten vermischt ist. Der Raum, der sich zwischen dem Auge und dem Mond befindet, ist dir nicht zur Kenntnis gekommen, trotzdem war er da, durchdringend, seiner eigenen Natur entsprechend.

Das ist die reine Form des Wissens. Wenn leerer Raum, der vorher nicht wahrgenommen wurde, absichtlich zu einem Objekt der Aufmerksamkeit gemacht wird, wird es als „Raum“ Objekt der Aufmerksamkeit. Was wahrgenommen werden kann, ist Maya und was nicht gesehen werden kann, ist Brahman. Während du auf den Mond schaust, bemerkst du den Raum dazwischen nicht.

Deshalb ist es Bewusstsein ohne Objekt. Wenn dieser Raum separiert wird und zu einem Objekt der Ansicht gemacht wird, wird dieses Reine Wissen in eine Null transformiert. Denn wenn Raum getrennt gesehen wird, führt die Veränderung des Verstandes zu einer Leere.

Wenn es irgendeinen Unterschied zwischen Raum und Reinem Wissen gibt, dann ist es dieser: Getrennt auf die eigene Natur zu schauen ist Raum und wenn das „Schauen“ aufgegeben wird, ist es „Reines Wissen“. Sobald Reines Wissen erst einmal auf diese Weise angemessen anerkannt worden ist, kann es selbst dann gewählt und erkannt werden, wenn es sich mit irgendeinem Objekt vermengt.

Sobald man um reines Wasser weiß, kann sein Vorhandensein selbst dann erkannt werden, wenn es mit etwas gemischt wird. Wasser ist eine Flüssigkeit, die zu Eis verdichtet werden kann. Selbst wenn Wasser seine Fließfähigkeit aufgibt und die Verdichtung von Eis annimmt, wird es noch als Wasser in der Form von Eis erkannt.

Es ist nicht schwer, die Feuchtigkeit im Schlamm als Wasser auszumachen. Sobald um das Reine Wissen gewusst wird, ist es ebenso. Dann kann seine beständige Existenz in dieser sich bewegenden Welt in der Form von Sat-Chit-Ananda (Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit) auch erkannt werden.

Reines Wasser ist ohne Farbe, Form, Geschmack oder Geruch. Sobald das richtig verstanden worden ist, wird es zweifelsfrei als reines Wasser erkannt. Selbst dann, wenn es kondensiert wird und eine dichtere Form annimmt oder wenn
man ihm Chilis hinzufügt und es dadurch einen scharfen Geschmack annimmt.

Oder wenn es einen süßen Geschmack annimmt, weil man ihm Zucker hinzufügt oder wenn es einen Duft oder eine Farbe annimmt oder wenn es als Wasser in Farbe verwendet wird. Oder es wird erkannt, dass es Wasser minus Form, Geschmack, Geruch und Farbe ist.

Indem man die Methode des Ausschlusses anwendet, wird das Reine Wissen, auch wenn es konditioniert ist, als vollkommen Reines Wissen erkannt, das allein alle sich zeigenden Formen bis zum Rand erfüllt, wenn man die Konditionierung abzieht und die Form in seine jeweiligen Elemente (unter)teilt.

Wenn allerdings einige, bevor sie dieses Reine Wissen durch die Methode des Ausschlusses erreichen, die Methode der Aufzählung (der Qualitäten Gottes) akzeptieren und ständig nur darüber schwätzen, wie Gott allein alle Wesen und alle Formen durchdringt und dass es nichts als Rama gibt und dass die Welt und der Herr der Welt eins sind, etc., etc., dann kann ein solches Geplapper niemals nützlich sein.

Im Gegensatz zu dieser Art von Geschwätz wird man das Selbst betrügen, statt Es zu erreichen, wenn man nur leere Worte ohne die nötige Erfahrung spricht, wie etwa: „Ich bin Brahman“ oder „Die Sinne erledigen ihre Aufgabe, doch ich bin nicht der Handelnde“ oder „An der Schwelle zu mir gibt es keine Sünde und keine Tugend“ …

Auf diese Weise verlieren diese sogenannten Selbstentdecker die Freude sowohl an dieser Welt als auch die an der anderen Welt. Der Heilige Kabir sagte: „Er ging, wie er kam.“ Das bedeutet, dass diese Menschen mit derselben Verfassung des Bewusstseins sterben, mit der sie geboren wurden. Sie profitieren vom Leben auf keine andere Weise.

Solche weltlichen Gelehrten halten die Worte für wahre Selbst-Erkenntnis. Aber ist die Wahrheit, die sich jenseits der Sprache befindet, jemals in einer unwissenden Person aufgezogen? Jeder kann sagen: „Die Sinne erledigen die Aufgabe der Sinne, aber ich bin nicht die Sinne“ oder „Die Beschaffenheit des Verstandes gehört zum Verstand, die Beschaffenheit des Körpers gehört zum Körper, aber was habe ich mit ihnen zu tun? Ich unterscheide mich von ihnen.“

Was ist an diesen Äußerungen unwahr? Wer ist es, der die Wahrheit versteht? Wer ist es, der die Erfahrung der Wahrheit macht? Nur derjenige, der weiß, wer er ist. Welchen Nutzen haben diese Aussagen für einen anderen? Jeder genießt seine eigenen Freuden und sein eigenes Glück. Tukaram sagte: „Jeder für sich selbst.“

Selbst einem Papagei kann beigebracht werden, ständig die Worte zu wiederholen: „Brahman ist Wahrheit, die Welt ist nur eine Erscheinung.“ Allerdings kann man nicht behaupten, dass der Papagei die Wahrheit dessen, was Brahman oder die Welt ist, verstanden hätte oder auch nur, was eine Darlegung der Wahrheit ist. Wo es kein Verstehen gibt, kann es keine Glückseligkeit der Selbst-Erkenntnis geben.

Wie dem auch sei. Ein Aspirant sollte nicht dem Beispiel von jemandem folgen, der Experte der Worte und trotzdem ein Heuchler ist. Man muss zunächst einmal durch andauerndes Studium und durch die Anwendung der ausschließenden Me-thode zum Verstehen kommen, was Reines Wissen ist.

Es gibt verschiedene Formen des Wissens: Grundsätzliches, spezielles und objektives Wissen, das Vorstellungen und Zweifel anbetrifft und das Wissen, das frei von Denken ist. 

 

 

Die bestimmte, objektive, sich vorstellende und zweifelnde Art von Wissen widerspricht dem Reinen Wissen.

Wenn das Reine Bewusstsein durch den Prozess des Sehens die Form eines Objekts annimmt, führt das zu objektivem Wissen oder Wissen, das von einer speziellen, einer eingebildeten oder zweifelnden Art ist. Wenn der Gegenstand grobstofflich ist, handelt es sich um objektives Wissen.

Wenn es sich lediglich um eine Idee handelt, die subtil ist, dann ist es Ideen-Wissen oder Savikalpa. Das heißt, wenn Reines Wissen die Form eines Objekts, einer Idee oder eines Gedankens annimmt, dann wird es als spezielles Wissen betrachtet. Spezielles Wissen ist künstlich und natürlicherweise vorübergehend.

Es hält nur für kurze Zeit an. Es ist von Natur aus vergänglich und von unbeständiger Beschaffenheit. Es ist jedoch die Regel, dass das spezielle Wissen ins allgemeine Wissen zurückkehren muss, in das Wissen „Ich Bin“.

Dafür ein Beispiel: Wenn wir gehen, dann wird das als die gewöhnliche oder allgemeine Geschwindigkeit angesehen, und wenn wir die Geschwindigkeit steigern und anfangen zu rennen, wird es zu einer speziellen Geschwindigkeit. Aber wie lange können wir rennen?

Nach einiger Zeit hört das Rennen auf und bald darauf nimmt man wieder die natürliche Geschwindigkeit an. Auf ähnliche Weise sind wir im Innern natürlicherweise sehr liebevoll und glückselig, und diese Liebe im eigenen Innern ist die allgemeine Art der Liebe, die allen zueigen ist.

Wenn die Liebe allerdings für den Sohn, einen Freund, ein Haus etc. besteht, dann ist es eine objektive und bestimmte Form der Liebe. Eine Liebe, die kommt, muss somit auch wieder gehen. Die Liebe, die kommt, ist eine besondere Form, die vergänglich und zerstörbar ist.

Das Glück, das man von Objekten bezieht, fällt ebenfalls in die Kategorie einer „besonderen“ Form des Glücks, das nur für kurze Zeit anhält.

Eine kleine Sache führt zu einer Erfahrung der „besonderen“ Art, aber während unsere Aufmerksamkeit darauf gerichtet ist, kann die „Eine Sache“, die es durchdringt, nicht erfahren werden. Das liegt daran, dass die durchdringende Sache groß und unendlich ist und wir in Wirklichkeit dasselbe „Alles-Durchdringende Brahman“ sind.

Die besondere Sache ist Maya und die allgemeine oder gemeinsame Sache ist Brahman – und wir sind „Das“. Wenn wir auf die Erfahrung einer „bestimmten Art“ ausgerichtet sind, dann erleben wir weder „die Liebe des eigenen Selbst“, noch genießen wir dann die „Freude der Glückseligkeit des Selbst“.

Jetzt werden wir untersuchen, was als „allgemeines Wissen“ bezeichnet wird, das bar eines Objekts oder einer Idee ist. Zwischen einem grobstofflichen Objekt und dem Auge oder Verstand besteht eine geringfügige Distanz.

Diese Leere oder der Raum scheint ungesehen, obwohl er unwissentlich bemerkt wird. Und deshalb haben wir über diesen Raum kein Wissen.

Dieses dazwischenliegende Wissen (der Raum), das selbst „Wissen“ ist, kann nicht zum Objekt seines eigenen Wissens werden. Wie kann Zucker seine eigene Süße schmecken? Auf die gleiche Weise erfährt sich Wissen nicht als Objekt. Dieses Wissen liegt natürlicherweise zwischen dem Auge und dem Objekt ausgebreitet und auch zwischen dem Verstand und einer Idee oder einem Gedanken.

Man sollte immer wieder davon Kenntnis nehmen, wie dieses allgemeine Reine Wissen natürlicherweise überallhin durchdringt, bevor es ein Objekt zur Kenntnis nimmt. Dieses Bemerken oder Sehen ist nicht dasselbe, wie ein Objekt nach dem Motto zu sehen: „Ich bin der Sehende eines Objekts“ oder „Ich bin der Erdenkende einer Idee.“

Es (das „wahre“ Sehen) wird nur gesehen, wenn man das Sehen zusammen mit dem Gedanken „Ich bin der Sehende“ aufgibt. Das Auge ist das Instrument des Sehens und der Verstand ist das Instrument, durch den um die Gedanken gewusst wird.

Das Wissen selbst kann nur gesehen werden, wenn man diese beiden Instrumente beiseite lässt. Die Instrumente des Sehvermögens und des Verstandes sind hier wertlos.

Jedes Bemühen, das Reine Wissen durch die Mittel der Augen oder des Verstandes zu (er)kennen, führt zum Vergessen des Reinen Wissens (des unverfälschten Empfindens von „Ich Bin“), da man diesen Instrumenten gestattet einzutreten. Um das Reine Wissen zu wissen, bedeutet wirklich, nicht zu wissen, und sobald es auf diese Weise „gewusst“ wird, wird der Wissende selbst zu Reinem Wissen.

Samartha Ramdas hat gesagt: „Durch den Versuch das Reine Wissen zu treffen, wird man von ihm getrennt.“ Dieses Rätsel ist überaus schwierig. Weise Menschen, Yogis und Entsagende machen einen Fehler und fehlinterpretieren das Gesehene als Sehenden, wenn sie sagen: „Paramatman ist so und so.

Er hat vier Hände. Er ist wie das Licht von einer Million Sonnen. Er ist glänzend. Er ist von dunkler Hautfarbe. Er ist wie ein Punkt und er ist so wie dieses und er ist so wie jenes …“ Sie sagen, was ihnen einfällt. Aber wer ist es, der zu wissen behauptet, dass dieser so ist und jener so?

Das „Eine“ wird vollkommen vergessen, während sie von den Großartigkeiten der Verwirklichung sprechen. Wenn aber der Sehende vergessen wird, ist alles, was gesehen wird „Ich“, das heißt Brahman. Man weiß nicht, was man dazu sagen soll.

Der Mutige macht sich auf, um Brahman zu finden.
Aber das Hindernis in Form des Gesehenen stellt sich ihm in den Weg. Das ist die Verfassung, in der sich die Mehrheit der Suchenden befindet.

Siddharameshwar Maharaj

Reaktionen

Ein sehr schwieriges Thema wird hier in einer Weise behandelt, wie ich sie bisher noch nicht erlebte. Schwierig ist das Thema, weil man die Selbstverwirklichung kaum beschreiben kann, denn sie entzieht sich großenteils den Möglichkeiten unserer Sprache. So liest man in anderen Büchern oft allgemeingehaltene Ratschläge, die einem nicht wirklich weiterhelfen.

In diesem Buch konnte ich zum ersten Mal erkennen, wo ich auf meinem spirituellen Weg stehe; ich konnte genau den Weg verstehen, den ich zurückgelegt habe. Aber ich konnte nicht mehr verstehen, was noch vor mir liegt. Und das ist ja ganz normal.

So ist das Buch äußerst wertvoll für solche auf einem spirituellen Weg. Wer ihn noch nicht beschritten hat, wird mit dem Buch und seinen Anleitungen möglicherweise nicht zurecht kommen. Aber der Versuch lohnt sich trotzdem, weil hier nicht geschwafelt wird, sondern Anleitungen von einem Meister gegeben werden, der Selbstverwirklichung hat.

Norbert Kuhl