Der trügerische Schein der Erleuchtung

  • Sie glauben also an die Evolutionstheorie?

    Darwins Theorie muss nicht in Betracht gezogen werden. Seine grundlegende Behauptung, dass erworbene Eigenschaften nicht von Generation zu Generation weitergegeben werden, hat sich als falsch erwiesen. Vielleicht ist etwas Wahres an der Evolution – vielleicht – aber was meinen wir eigentlich genau mit „Evolution“? Sehen Sie, die einfachen Dinge werden komplex. Der Mensch ist unterdessen ein so komplexes Individuum geworden, dass er sich in die entgegengesetzte Richtung bewegen muss. Ich meine nicht, dass wir die Rückbildung befürworten sollten. Die Frage, zurückgehen und mit Jahr Null anzufangen, stellt sich nicht. Der Mensch muss da anfangen, wo er heute steht.

    Aber ich behaupte weiterhin, dass der Mensch keine Handlungsfreiheit besitzt. Damit meine ich nicht den Fatalismus, den die Inder praktiziert haben und noch ausführen. Wenn ich sage, dass der Mensch keine Handlungsfreiheit hat, steht das in Beziehung zur Möglichkeit, sich selbst zu verändern, sich selbst von der Last der Vergangenheit zu befreien.

    Es ist notwendig, dass sich der Mensch von der Bürde der Vergangenheit befreit, von dem großen Erbe, von dem Sie sprechen. Solange sich der Einzelne nicht von der Last der Vergangenheit befreit, kann er keine neuen Lösungen für seine Probleme finden. Es liegt also am Einzelnen. Er muss sich selbst von der gesamten Vergangenheit befreien, das heißt, vom Erbe. Das bedeutet, dass er sich von der kumulativen Weisheit aller Zeitalter lösen muss. Nur dann wird er in der Lage sein, Lösungen für die Probleme zu finden, denen der Mensch heute gegenübersteht.

    Das hat er nicht in der Hand; es gibt nichts, was er tun kann, um sich von der Bürde der Vergangenheit zu befreien. Wenn ich sage, dass er keine Handlungsfreiheit hat, dann meine ich das in diesem Sinne. Sie haben die Freiheit, hierherzukommen oder nicht, Volkswirtschaft zu lehren und zu studieren oder Philosophie oder etwas anderes. Da haben Sie eine begrenzte Freiheit. Aber Sie haben nicht die Freiheit, die Ereignisse der Welt zu kontrollieren oder sie zu gestalten. Niemand hat diese Macht, keine Nation hat diese Macht.

    Sie wissen, dass Indien hilflos ist. Selbst Amerika, die mächtigste, stärkste und reichste Nation – ist sie gewesen, ist sie nicht mehr. Selbst das Time Magazine verwendet solche Formulierungen nicht mehr, um Amerika zu beschreiben. Wenn selbst Länder wie Amerika und Russland der Kontrolle nicht fähig sind und noch viel weniger, die Ereignisse der Welt zu gestalten, was kann dann ein armes Land wie Indien tun? Keine Chance.

    Also liegt die einzige Hoffnung im Einzelnen. Und der Einzelne scheint auch völlig hilflos zu sein, da er sich von der Bürde der Vergangenheit, vom gesamten Erbe, nicht nur Indiens, sondern der ganzen Welt, befreien muss. Ist es für den Menschen möglich, sich selbst von der Last zu befreien? Er, als Individuum, scheint überhaupt keine Freiheit zu haben. Sehen Sie, er hat keine Handlungsfreiheit. Das ist der Kern des Problems. Aber dennoch liegt die Hoffnung beim Einzelnen, vielleicht durch Glück oder eine merkwürdige Fügung.

    Diese beiden Behauptungen wirken widersprüchlich.

    Das macht den Gott, über den wir sprechen, irrelevant – Gott dem Sinne nach, wie Sie das Wort gebrauchen. Es gibt außerhalb des Menschen keine Kraft. Diese Kraft kann sich aufgrund der Last der Vergangenheit nicht ausdrücken. Wenn der Mensch erst einmal von der Last befreit ist, drückt sich diese außergewöhnliche Kraft aus. Verstehen Sie, so gesehen, gibt es keinen Widerspruch.

    Er kann (der Mensch) die Ereignisse kontrollieren?

    Nein, nicht die Ereignisse – verstehen Sie, er hört auf, die Ereignisse kontrollieren und gestalten zu wollen.

    Er lässt sich einfach treiben?

    Er ist mit den Ereignissen. Sie und ich, wir sind nicht aufgerufen, die Welt zu retten. Wer hat uns das Mandat erteilt? Die Welt hat immer weitergemacht. Unzählige Menschen sind gekommen und gegangen. Sie geht auf ihre Weise weiter.

    Also ist er (der Mensch) alle Probleme los, nicht nur seine eigenen, sondern auch die der Welt. Und wenn der Einzelne einen Effekt hat, dann auf einer Ebene, die sich nicht messen lässt.

    Ist das der ideale Zustand des Menschen?

    Das Tier kommt zur Blüte. Das scheint der Zweck zu sein, wenn es in der Natur überhaupt einen Zweck gibt – ich weiß es nicht. Sehen Sie, es gibt so viele Blüten, sehen Sie sie sich an. Jede Blüte ist auf ihre eigene Weise einzigartig. Der Zweck der Natur scheint darin zu bestehen (natürlich kann ich keine definitive Aussage machen), Blüten wie diese zu erschaffen, menschliche Blüten wie diese.

    Wir haben nur eine Handvoll Blüten, die Sie an den Fingern abzählen können. In jüngster Zeit Ramana Maharshi, Sri Ramakrishna und einige andere. Nicht die Anspruchsteller, die wir heute in unserer Mitte haben, nicht die Gurus. Von ihnen spreche ich nicht. Es ist erstaunlich – der Mann, der dort in Tiruvanna-malai saß (Ramana Maharshi) – sein Einfluss auf den Westen ist weitaus größer als der all der anderen Gurus zusammengenommen. Sehr merkwürdig, verstehen Sie? Er hat eine enorme Wirkung auf die Gesamtheit des menschlichen Bewusstseins gehabt – dieser Mann, der einfach in einer Ecke lebte, verstehen Sie?

    Ich habe einen Industriellen in Paris besucht. Er ist in keinster Weise an religiösen Dingen interessiert und noch viel weniger an Indien. Er ist ein Anti-Inder. (lacht) Also, bei ihm sah ich Ramanas Bild. Ich fragte ihn: „Warum haben Sie dieses Bild?“ Er sagte: „Ich mag sein Gesicht. Ich weiß nichts über ihn. Ich interessiere mich auch nicht für seine Bücher. Ich mag das Bild, darum ist es da. Ansonsten interessiert er mich in keiner Weise.“

    Vielleicht kann ein solches Individuum sich selbst und der Welt helfen. Vielleicht…

     

U.G.Krishnamurti-Der truegerische Schein der Erleuchtung-Buchcover im Noumenon Verlag

Mitreißend, provozierend: Was Erleuchtung nicht ist …

U.G. Krishnamurti wird gerne mit Jiddu Krishnamurti verwechselt, mit dem er tatsächlich viele Jahre in engem Kontakt war. U.G. ist aber radikaler und provokanter in seinen Thesen und Erkenntnissen. Im ersten Teil beschreibt er einem Fragesteller – eher widerwillig – wie es dazu kam. Was also der Persönlichkeit geschah. Von Wundern, chakrenähnlichen Mustern auf der Haut und Körpererhitzungen ist da die Rede. Es ist spannend zu lesen und sagt doch, so U.G., nichts über Erleuchtung aus, die man laut seinen Worten sowieso nicht anstreben oder willentlich erlangen kann. Was also ist sie? Tja, am besten selber lesen…

Thomas Schmelzer

Adresse

Noumenon Verlag
Lornsenstraße 14
22767 Hamburg 

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