Gott.Mensch.Sein - Cover

Leseprobe

Der trügerische Schein der Erleuchtung

 Zwischen Verwirrung und Verstehen

Ich habe keine Botschaft für die Welt. Was mir geschieht ist derart, dass es nicht mit der Welt geteilt werden kann. Das ist der Grund, warum ich nicht auf dem Podium stehe oder Vorträge halte. Es ist nicht so, dass ich keine Vorträge halten könnte; ich habe überall auf der Welt gesprochen, aber ich habe nichts zu sagen.

Und ich möchte nicht an einem Platz sitzen und von Menschen umgeben sein, die festgelegte Fragen stellen. Ich rege niemals eine Diskussion an; die Menschen kommen und sitzen
um mich herum. Sie können tun, was sie wollen. Wenn mir jemand unversehens eine Frage stellt, versuche ich zu antworten, betone und weise darauf hin, dass es auf diese Frage keine Antwort gibt.

Also, ich formuliere und strukturiere die Frage lediglich um und werfe sie dann auf Sie zurück. Das ist kein Spiel, denn ich habe kein Interesse, Sie für meinen Standpunkt zu gewinnen. Es geht auch nicht darum, Anschauungen anzubieten. Natürlich habe ich über alles eine Meinung, von Krankheit bis zur Göttlichkeit, aber sie ist so bedeutungslos wie die von allen anderen.

Sie dürfen das, was ich sage, nicht wörtlich nehmen. Es sind so viele Schwierigkeiten durch Menschen verursacht worden, die alles wörtlich genommen haben.

Sie müssen jedes Wort, jeden Satz (über)prüfen und herausfinden, ob es/er zu der Art und Weise in Beziehung steht, auf die Sie funktionieren. Sie müssen das ausprobieren, aber Sie sind nicht in der Lage, es zu akzeptieren.

Unglücklicherweise ist das eine Tatsache, machen Sie damit, was Sie wollen. Indem Sie es niederschreiben, werden Sie mehr Schaden als Nutzen anrichten. Verstehen Sie, ich bin in einer sehr schwierigen Lage. Ich kann Ihnen nicht helfen. Egal, was ich sage, es ist irreführend.

Stellen Sie einfache Fragen. Ich kann sehr komplexen Strukturen nicht folgen. Ich habe diese Schwierigkeit, verstehen Sie? Wahrscheinlich bin ich leicht schwachsinnig oder so, ich weiß es nicht. Ich kann konzeptuellen Gedanken nicht folgen. Sie können es in ganz einfache Worte fassen.

Was genau ist die Frage? Schließlich ist die Antwort bereits da; ich muss die Antwort nicht geben. Normalerweise restrukturiere ich die Frage und formuliere sie auf eine Weise, die Ihnen sinnlos erscheint.

 So wird die Antwort, die sich in der Frage verbirgt, an die Oberfläche gebracht?

Das ist alles. Deshalb möchte ich genau verstehen, wie Ihre Frage lautet. Das ist keine Finte. Ich will Ihnen keine Gegenfrage an den Kopf werfen. Aber ich muss die Frage verstehen, dann kann ich sie auf meine eigene Weise formulieren und sie auf Sie zurückwerfen.

Und Sie werden für sich selbst herausfinden, dass die Frage gar keinen Sinn hat, ohne dass ich Ihnen sagen muss: „Ihre Frage ist bedeutungslos.“

Verstehen Sie, dieser Dialog ist nur dann hilfreich, wenn wir beide an einen Punkt kommen, an dem wir erkennen, dass ein Dialog weder nötig noch möglich ist. Wenn ich von „Verstehen“ oder „Sehen“ spreche, bedeutet das für mich etwas anderes.

Verstehen ist ein Seinszustand, in dem es die Frage nicht mehr gibt. Da ist nichts, das sagt: „Jetzt verstehe ich!“ Das ist die grundsätzliche Schwierigkeit zwischen uns. Durch das Verstehen dessen, was ich sage, gelangen Sie nirgendwohin.

Da ist noch etwas, das ich betonen möchte. Alle Fragen, die Sie äußern, müssen Ihre eigenen Fragen sein. Dann macht es Sinn, einen Dialog zu führen. Es muss Ihre Frage sein. Also, haben Sie eine Frage, die Ihre eigene ist, eine Frage, die nie zuvor jemand gestellt hat?

Viele von den Fragen, die die Leute stellen, interessieren uns und wir haben das Gefühl, dass es unsere Fragen sind.

Was sie nicht sind. Das werden Sie herausfinden. Es sind nicht Ihre Fragen, überhaupt nicht.

Der Fragende muss an ein Ende kommen. Der Fragende ist es, der die Antwort hervorbringt und der Fragende kommt durch die Antwort ins Sein. Ansonsten gibt es keinen Fragenden. Ich versuche nicht, mit Worten zu spielen.

Sie kennen die Antwort und wollen von mir eine Bestätigung haben oder Sie wollen, dass eine Art Licht auf Ihr Problem geworfen wird oder Sie sind neugierig.

Wenn Sie aus einem dieser Gründe ein Gespräch mit mir führen wollen, verschwenden Sie nur Ihre Zeit. Sie müssen zu einem Studierten gehen, einem Pandit, einem gelehrten Menschen.

Die können Licht auf solche Fragen werfen. An dieser Art von Dialog interessiert mich nur eines: Ihnen zu helfen, Ihre eigene Frage zu formulieren. Versuchen Sie es, formulieren Sie eine Frage, die Sie Ihre eigene nennen können.

Ich habe überhaupt keine Fragen. Ich komme und sitze hier und es ist leer (in mir), aber nicht in dem Sinne, wie Sie das Wort „Leere“ verstehen.

Leere und Fülle sind nicht zwei verschiedene Dinge: Sie können zwischen der Leere und der Fülle keine Demarkationslinie ziehen. Aber hier ist nichts – nichts – und so weiß ich nicht, was ich sagen werde.

Ich komme nicht vorbereitet hierher, um etwas zu sagen. Was Sie in mir hervorrufen, ist Ihre Angelegenheit; es ist Ihrs, nicht meins. Hier gibt es nichts, was ich mein Eigen nennen könnte.

Das ist Ihr Eigentum, weil Sie die Antwort aus mir herausgeholt haben. Sie gehört mir nicht. Ich habe mit der Antwort überhaupt nichts zu tun. Das ist nicht die Antwort. Ich gebe Ihnen überhaupt keine Antworten.

 

 

Das ist wie bei jeder anderen Reflexhandlung. Sie stellen eine Frage, deshalb ergibt sich daraus etwas. Wie das funktioniert, weiß ich nicht. Es ist kein Ergebnis des Denkens. Was immer aus mir herauskommt, ist nicht vom Denken fabriziert, aber irgendwas kommt heraus. Sie werfen den Ball, der Ball springt zurück und das nennen Sie eine Antwort. Tatsächlich restrukturiere ich die Frage nur und werfe sie auf Sie zurück. Das ist es, was ich tue.

Die Frage bringt die Antwort hervor?

Es gibt keine Antwort auf die Frage, deshalb kann die Frage dort nicht länger bleiben. In diesem Sinne habe ich keinerlei Fragen, außer denen, die ich brauche, um in dieser Welt zu funktionieren. Ich habe keine anderen Fragen.

Ist Ihre Antwort lediglich eine Reflexion der Frage?

Es ist nicht meine Antwort, weil sich die Frage nicht mehr dort befindet. Die Frage wird sozusagen zu meiner Frage. Da sie keine Antwort hat, wartet sie nicht mehr auf Beantwortung. Die Frage verbrennt sich selbst, dann ist da Energie.

Sie können nicht neun oder zehn Stunden lang weitermachen, aber ich. Es laugt die Energie nicht aus, sondern fügt ihr immer neue hinzu. Das Sprechen selbst ist Energie; es ist ein Ausdruck der Energie.

Angenommen, ich frage Sie etwas über Quantenmechanik?

Darüber weiß ich nicht Bescheid. Das ist meine Antwort, also verschwindet die Frage auf jeden Fall. Egal, was ich an Wissen oder Information über Quantenmechanik habe, es ist da und kommt geradewegs wie ein Pfeil heraus.

Egal, was da reingetan wird, kommt heraus. Aber auf Fragen wie „Existiert Gott?“, „Ist das Leben bloßer Zufall?“, „Wird die Welt von vollkommener Gerechtigkeit beherrscht?“ – auf solche Fragen gibt es keine Antworten, also verbrennen sie sich selbst.

Wer bin ich?

(Lacht) Sie wissen sehr gut, wer Sie sind.

Wie meinen Sie das?

Ist „Wer bin ich?“ wirklich Ihre Frage? Ganz und gar nicht. Sie haben sie irgendwo aufgeschnappt. Der Fragende ist das Problem, nicht die Frage. Wenn Sie diese Frage nicht aufgegriffen hätten, dann eine andere.

Selbst in vierzig Jahren werden Sie noch fragen, welche Bedeutung das Leben hat. Ein lebendiger Mensch würde niemals eine solche Frage stellen. Offensichtlich können Sie keinen Sinn im Leben erkennen. Sie leben nicht,
Sie sind tot. Wo bringt es Sie hin, wenn ich Ihnen sage, was
der Sinn des Lebens ist? Was kann es Ihnen bedeuten?

Existiert der Fragende?

Er existiert nicht, nur die Frage existiert. Alle Fragen sind dasselbe. Sie sind mechanische Wiederholungen erinnerter Fragen. Ob Sie fragen „Wer bin ich?“ oder „Was ist der Sinn des Lebens?“, „Gibt es Gott?“ oder „Gibt es ein Leben nach dem Tod?“, alle diese Fragen entspringen der Erinnerung. Deshalb frage ich Sie, ob Sie eine eigene Frage haben.

Sie sagen, dass die Frage „Wer bin ich?“ nicht bleibt, wenn Sie sie wirklich untersuchen?

Weil Sie die Frage nicht vom Fragenden trennen können. Die Frage und der Fragende sind dasselbe. Wenn Sie diese Tatsache akzeptieren, ist es eine ganz einfache Angelegenheit. Wenn die Frage verschwindet, verschwindet damit auch der Fragende. Aber da der Fragende nicht verschwinden will, bleibt die Frage bestehen. Der Fragende will eine Antwort auf die Frage.

Da es auf diese Frage aber keine Antwort gibt, bleibt der Fragende für immer erhalten. Das Interesse des Fragenden besteht nicht darin, die Antwort zu bekommen sondern darin, fortzubestehen.

Aber das Augenmerk ist doch trotzdem auf die Antwort gerichtet.

Die Aufmerksamkeit ist der Fragende, das Warten ist der Fragende. Das Warten auf Antwort, die Hoffnung, dass es auf die Frage eine Antwort gibt, das ist der Fragende. Sie unterscheiden sich nicht, verstehen Sie?

Es hat sich selbst in verschiedene trickreiche Umstände transformiert. Zunächst sagt der Fragende, dass er aufmerksam ist. Er ist sehr aufmerksam, weil er die Antwort will. Er schätzt den Hinweis nicht, dass er sie möglicherweise nicht will. Was wird er mit der Antwort anfangen?

Er ist aufmerksam, er wartet, er ist hoffnungsvoll. Er ist das alles, und warum? Weil es auf die Frage „Wer bin ich?“ keine Antwort gibt. Sie haben keine Möglichkeit, für sich selbst
zu erkennen.

Das Verb verbindet das „Wer“ mit dem „Ich“. Also, „bin“ verbindet das „Ich“ mit „wer“, als ob sie zwei verschiedene Dinge wären. Das Verb „bin“ ist das Fortdauernde.
Wenn das Verb abwesend ist – wenn es dem Verb möglich
wäre zu verschwinden – gibt es keine Notwendigkeit, das
„Wer“ mit dem „Ich“ zu verbinden; sie sind dasselbe.

Und wenn das Verb verschwindet?

Dann verschwindet damit auch die Frage. Ohne das Verb kann es keine Frage geben. „Wer ich?“ Sehen Sie, das ist bedeutungslos. „Bin“ muss da sein; es setzt die trennende Bewegung in Gang. Und damit haben Sie die Frage erschaffen. Und die Frage deutet an, dass es darauf eine Antwort gibt; sonst würden Sie sich diese Frage nicht stellen.

Alle Fragen sind da, weil Sie darauf eine unbestimmte Antwort haben: „Es muss etwas anderes geben als das, was ich jetzt bin.“ Verstehen Sie? Ich weiß nicht, ob ich mich verständlich
machen kann.

U.G. Krishnamurti

Reaktionen

U.G. Krishnamurti wird gerne mit Jiddu Krishnamurti verwechselt, mit dem er tatsächlich viele Jahre in engem Kontakt war. U.G. ist aber radikaler und provokanter in seinen Thesen und Erkenntnissen. Im ersten Teil beschreibt er einem Fragesteller – eher widerwillig – wie es dazu kam.
Was also der Persönlichkeit geschah. Von Wundern, chakrenähnlichen Mustern
auf der Haut und Körpererhitzungen ist da die Rede. Es ist spannend zu
lesen und sagt doch, so U.G., nichts über Erleuchtung aus, die man laut seinen Worten sowieso nicht anstreben oder willentlich erlangen kann.
Was also ist sie? Tja, am besten selber lesen…

Thomas Schmelzer