Autorin: Nicole Paskow

Es war Dienstag Nacht, kurz vor ein Uhr. Ich war schon im Halbschlaf. Halb hinübergeglitten in die leichte, von allem losgelöste Abwesenheit meiner selbst, da hab ich ihn genau gesehen. Den Witz Gottes. Ein Witz über den ich nicht lauthals lachen kann, der aber dennoch sehr, sehr gut ist. Ich musste augenblicklich an meinen Laptop springen und über ihn schreiben. Über den Ursprung dessen, woraus sich Humor entwickelt hat. Über den Urwitz, der sich so gut versteckt, dass ihn nur jemand „kriegt“, den es nicht gibt. Ich hab ihn wahrscheinlich auch nur gekriegt, weil es mich schon halb nicht mehr gab und weil ich eine Affinität zu solcher Art Witzen habe.

Den Witz Gottes kann man nicht erklären. Er verliert dadurch, wie jeder andere Witz, die Pointe. Und um die geht es. Immer. Weil sie der ganze Dreh und Angelpunkt ist. An ihr scheitert unser Verstand. Deshalb müssen wir lachen. Das ist das Ergebnis einer Pointe, die gezündet hat. Sie verursacht einen Kurzschluss im Verstand und der löst Lachen aus oder plötzliches Begreifen, was genauso schön ist.  Wie bei einem echten Kurzschluss geht dann erstmal gar nichts mehr. Ins Lachen passt kein Gedanke.

Und weil da kein Gedanke ist, ist da auch kein persönliches Ich drin. Lachen kannst Du nur, weil Du gerade nicht denkst. Genauer gesagt, weil Du gerade nicht denken kannst. Das, was dem einfachen Gemüt sein „schweinischer“ Witz ist, ist dem Zen Meister sein Koan. Inhaltlich verschieden, doch im Ergebnis das Gleiche. Beide denken nicht mehr wenn der Knaller knallt und fühlen sich in dieser sekundenschnellen Ewigkeit zu Hause.

Über alles hinaus

Aber der Witz, den ich meine, der geht über alles hinaus. Über das ganze Leben. Wenn man die eine Seite der Medaille verstanden hat, landet man automatisch auf der anderen Seite. Deshalb beschreibe ich jetzt mal die eine Seite der Medaille, um mich dem kosmischen Vergnügen zumindest anzunähern.

Wann ist es möglich auf Wolken durch den Himmel zu klettern? Wann kannst Du Dich auf Sterne setzen und in Sphären eintauchen, die Dir alles über das Leben erzählen? Wann wird das Unmögliche möglich?

Nur dann, wenn Du in der Lage bist, Dich von allem zu lösen. Um den kosmischen Humor zu verstehen, musst Du aufhören alles auf Dich zu beziehen. Genau genommen musst Du Dich als Bezugspunkt auflösen. Stell Dir mal vor. Ja! Stell Dir mal vor! So geht es los. Kannst Du Dir vorstellen so transparent zu werden, dass Du nur noch wahrnimmst?

Du hörst auf in Gedanken zu sein

Du lässt jeden Kontext in dem Du existierst, gehen. Das heißt nichts anderes, als Du hörst auf in Gedanken zu sein. Das passiert Dir jedes Mal, wenn Du einen Film siehst.

Wenn der Film gut genug ist, um Dich zu „fesseln“, heißt das nichts anderes, als dass „Du“ nicht mehr da bist, sondern nur noch den Film wahrnimmst. Du wirst Wahrnehmung. Die Wahrnehmung, die Du bist, tritt in den Vordergrund und die Person, die Du bist, tritt in den Hintergrund.
Das passiert im Kino. Wenn die Tränen laufen, weil Du eine traurige Geschichte anschaust, die nicht wirklich existiert, aber dennoch eine Wirkung auf Dich hat. Diese Traurigkeit ist wunderschön! Ganz einfach, weil Du als Widerstand gegen die Traurigkeit gerade nicht existierst.
Du beziehst sie nicht auf Dich. Du erlebst sie.

Aber was passiert, wenn Dir das in Deinem Leben passiert? Was passiert, wenn Du, als die Person, die Du bist so sehr in den Hintergrund trittst, dass das, was Du erlebst den vollen Raum einnimmt?
Das heißt nicht zwangsläufig, dass Du nur noch im praktisch-konkreten sinnlich wahrnehmbaren Raum bist. Das heißt eben auch, dass sich Dir geistige Dimensionen erschließen, die sich nur erschließen können, wenn Du als konzeptionell gebundener Mensch nicht mehr existierst, weil Du in diesen Dimensionen, als solcher, nichts als eine Bremse bist. Eine Bremse für die Lust des grenzenlosen Bewusstseins an sich selbst.

Erkenntnis in sich selbst

Das grenzenlose Bewusstsein kann sich nur in sich selbst erkennen. Das heißt, es braucht einen Spiegel, der keine Grenzen hat. Tja. Und dieser Spiegel kannst Du nur sein, wenn Du nichts mehr von dem, was Du wahrnimmst, auf Dich persönlich beziehst. Denn „persönlich“ heißt automatisch auch „Grenze“. Dann kannst Du den Witz Gottes sehen.

Der so geht: Wenn Du Dich auflöst als festes Gefüge, kannst Du Dich als Unendlichkeit schmecken.

Ok. Anders. Deutlicher: Deine Probleme sind das direkte Ergebnis Deiner Abwehr zu erleben, was Du erlebst. Du, als an Deine Gedanken Verlorener, bist in Deinem Lebensfilm zu präsent. Deshalb kannst Du den Film nicht richtig mitbekommen. Wenn Du im Kino daran denkst, was Du danach machst, kriegst Du den Film nicht mit. Du bist viel zu identifiziert mit Deinen persönlichen Inhalten.

Jetzt küsst mich der luftige Advaitin und der Tantriker stößt mich von seinem sinnlichen Sofa. Weil beide zu kurzsichtig sind und die Medaille nicht sehen, auf deren Seiten sie beide prangen.

Erst wenn ich mich von der Nicole lösen darf, die von dort kommt und dahin geht, die glaubt zu wissen, wer sie ist und welche Möglichkeiten sie hat oder nicht hat, die glaubt geistig und emotional abhängig zu sein von der Liebe des einen und von dem Wohlwollen des anderen, oder von den richtigen Umständen, ihrem Job, den wissenschaftlichen Erkenntnissen, der öffentlichen Meinung, Corona, ihrem Bankkonto …

Erst wenn ich sie gehen lassen kann, kann ich Wolken erklimmen, auf Sternen reisen, herrlich luftig küssen, unerschrocken lieben, Mysterien entdecken, auf der Matrix tanzen, stehen bleiben im Sturm und still sein in der Hölle. Hier erlebe ich mich.

Enge geistige Grenzen

Weil sich die engen geistigen Grenzen auflösen, die mich von der Direktheit des Lebens trennen. Dieses Konglomerat aus automatischen Gedankengebilden, das den Namen Nicole trägt, ist nichts als der Widerstand gegen die unmittelbare Wahrnehmung dessen, was Wirklichkeit ist.

Und für die wirkliche Wirklichkeit gibt es keine Worte mehr. Weil hier nur noch Erleben ist. Kein Widerstand gegen das Erleben bedeutet es darf sein. Alles. Und Du als Erleben, dass sich seiner selbst bewusst ist, bist darin und erlebst da heraus. Und jetzt lässt mich der Tantriker auch wieder auf sein samtiges Sofa.

Jetzt bin ich nämlich mitten im Leben und erlebe es von „innen“. Warum? Weil kein widerstrebender Gedanke mich mehr von der Unmittelbarkeit meiner Erfahrung trennt. Wie auch immer sie aussehen mag. Deshalb kann ich den Kuss als Kuss erleben und mich vollkommen an ihn hingeben. Dann bin ich nur noch Kuss und Küssen und erlebe, was das bedeutet. Jedes Innen und Außen verliert hier seinen Bezugspunkt. Und das ist schön. Weil nur noch Berührung übrig bleibt. Ob ich lache oder weine.
Ein Erleben, das sich selbst trägt.

Wenn ich nicht bin, bin ich.

Das ist ist die Pointe.