Gott.Mensch.Sein - Cover

Leseprobe

Ein Traum von Elias

Taube

Elias legte seine Hand auf die kleine Hand des Mädchens. Sie
schlief tief und fest. Ihre Weichheit und die Hilflosigkeit, die Kinder ganz natürlich ausstrahlen, ließen ihn einen Moment vergessen, warum er hier war.

War ich jemals ein Kind?, fragte er sich, kurz bevor er die Augen
schloss und an einen Ort hinüberglitt, der ihn vergessen ließ,
wer er war. Kurz vor dem Einschlafen sah er noch, wie jemand auf ihn zuging, doch er konnte sich nicht mehr rühren.

Der Schlaf hatte ihn schon bei der Hand genommen. Sekunden vor dem Einschlafen spürte er eine Hand auf seiner Stirn. Federleicht, wie das Flirren von Schmetterlingsflügeln.
Und dann folgte Stille. Das sanfte Schaukeln des Bootes auf dem schwarzen Fluss des Übergangs, dessen leise Wellen ihn einwiegten wie ein kleines Kind auf dem Schoß der Mutter.

Er fiel immer tiefer in tröstlichen Schlaf, der den Schleier jenes heilsamen Vergessens über ihn breitete und ihn fliegen ließ wie eine weiße Taube ohne Kopf. Er landete hart in einem Theatersessel.

Vor ihm eine Theaterbühne. Holzbretter, grau, gerissen, helle
Splitter ragen hier und da in den Raum. Es ist halbdunkel. Der
schwarze Vorhang bewegt sich sanft, ein Luftzug weht die zwei
Bahnen leicht auseinander. Schritte sind zu hören. Sie hallen
durch den unbesetzten Saal. Klar, kalt, abgehackt.
Die Schritte verstummen.

Eine Frau steht in der Mitte der Bühne. Der Scheinwerfer strahlt
sie an. Sie trägt ein weißes, kurzes Kleid, wie eine bescheidene Braut. Mit den Händen umklammert sie eine weiße Taube. Sie hält sie über ihren Kopf. Den Blick in die Ferne gerichtet, deklamiert sie mit bebender, haltsuchender Stimme:

Ich ist nicht das, was ich immer glaubte. Ich spielt nur, als wäre
es ICH. Es tut nur so. Aber ich bin Alles und Nichts. Und weder
Alles noch Nichts. Ich bin genau genommen ohne Eigenschaften
hinter allen Eigenschaften. Ich hebe meine Hände vor die Augen, sie sind groß. Meine Hände sind weder groß noch klein. Ich habe gar keine Hände. Und sie sind einfach so.

Mein Gesicht sieht alt aus, verwittert. Furchen und Falten. Pergament. Ich bin nicht alt. Ich altere nie. Und ein Gesicht habe ich auch nicht. Leere und Form. Ich bin alle Gesichter, alle Formen. Ich bin das ewig Zeitlose, der unsterbliche Tanz, der spielende Tänzer.

Ein weißer, durchscheinender Schleier tanzt im Wind. Ohne Anfang, ohne Ende. Es war oberflächlich Sommer, als er riss, mit einem lauten, trockenen Geräusch, das niemand hörte.
Elias versucht ihn zu berühren, mit seinem weißen Flügel.
Eine Feder sein Herz. Der Schmetterling entwischt ihm und plötzlich … zerfällt er zu Staub. In ihm ein See voll Traurigkeit.

Mit großen Schüsselhänden schöpft er ihn leer. Benetzt Gräser,
tränkt Blumen und wässert Bäume. Er malt den Himmel wolkenvoll. „Mama“. Zwei Silben in seinem Kopf voll farbloser Tränen,eine Wunde das Herz. Und „Ich“.

Diese eine, kalte Silbe, die uns zu jemandem macht, der uns eingrenzt und beengt. Der Gedanke, der uns einnimmt und wie Gift verseucht, von innen her, wie ein Netz aus Säure. Der Gedanke, der keinen Platz lässt in der Dunkelheit. Keine Lücke für einen einzigen Lichtstrahl fragloser Lebendigkeit.

„Es wird regnen“, sagt sie zu ihm: dunkle, bleierne Seen und Herzen federleicht. Am Abend. In einem anderen Leben. Eine blendende, grellweiße Sonne erlischt im Meer. Das andere Leben ist die Rettung. Ein Leben als Traumsequenz in der Sehnsucht nach Erlösung.

 

Erlösung vom Schmerz der Existenz in haltloser Verlorenheit. Ein Vogel ohne Flügel, ein Fisch ohne Flossen, ein Schmetterling ohne seine orientierungslose Freude. Die Rettung
liegt so nah, und doch ist sie unsichtbar für die scharfkantige
Begrenzung, die jeder Wunde innewohnt.

Es gibt keine Freude ohne Schmerz. In dieser Welt.
Es ist schwarz und kalt. Tropfen auf Tropfen, Welle auf Welle,
das Meer. Einer weiß nichts davon. Dieser Tropfen bin ich, die
Welle ohne Meer. Deine Mutter. Mein armer Schatz.

Elias weiß nichts davon. Es regnet auf ihn herab. Die Tropfen
zischen auf seiner Haut. Oh bitte. Sagt er. Mach das immer
wieder. Meine heiße Haut. Deine Tropfen.

Wir sehen uns nicht durch den tanzenden Schleier, die seidene
Membran, denn wir sind das Meer. Das Bild verschwimmt. Es
bekommt Risse und bröckelt wie gekalkte Leinwand.
Etwas dahinter kommt zum Vorschein: dunkel und pulsierend.
Ich bin so allein. Sagt er. Hier ist so viel Schmerz. So unendlich viel Schmerz. Ein Schuss ertönt.

Augenblicklich rinnt ein hellroter Blutschwall über ihre Hände
und Arme. Harte Spritzer im Gesicht. Sie schließt die Augen,
macht auf dem Absatz kehrt und geht hinkend ab.
Wer hat geschossen? … Wer ist gestorben? …
In beiden Fällen ist die Antwort gleich: Niemand.

Ebene 0
Es ist die ewige Suche nach Identität, die uns entweder in
dunkle Verzweiflung stürzt oder aufgeben lässt. Dann binden
wir uns an Dinge, Menschen, Tiere, an Status, den Beruf, und
halten uns daran fest. Auf eine unlösbare, subtile Art. Etwas, auf
das wir keinen Zugriff haben, hält fest.

In seltenen Fällen führt diese Suche wirklich an ihr Ziel. Das Ziel liegt in der Reife der Erkenntnis, dass Ich keine Identität brauche. Ich bin identisch mit mir selbst in jeder Form, und gleichzeitig habe ich keine Form. Die tiefen Linien und starken Adern eines Kastanienblattes bestehen aus demselben Stoff wie ich. Wie Du.

Dieser Stoff ist so ungreifbar, so unbenennbar, so unfassbar.
Er ist das Wissen selbst. Doch was ist Wissen?
Wissen kann ich nicht anfassen, ich kann es nicht befühlen.
Ich kann nur darum wissen.

So leicht, so transparent wie Luft, noch leichter als Luft. Wissen findet an einem Ort statt, den jeder kennt und niemand jemals betreten kann.

Das Kastanienblatt weiß um sich selbst. Es weiß um alle Vorgänge in sich, ohne sich seiner Anwesenheit bewusst zu werden. Ich bin das Gefäß für jenes Wissen, in dessen Licht die Welt zu Bewusstsein wird.

So weißt Du, so weiß ich, so werden wir sichtbar für uns selbst
„in der Welt“. Ich sehe Dich, Du siehst mich, weil wir eine
gemeinsame Schwingungsfrequenz teilen. Eine gemeinsame
Melodie. Das ist die Magie, die uns plötzlich ins Leben des
anderen treten lässt.

Vorher warst Du nicht da. Jetzt bist Du es.
Jetzt kennen wir uns und bringen einander in Erfahrung. Ich
sehe mich in Dir und Du siehst Dich in mir. Weil wir nur durch
unsere eigenen Augen sehen können.

Immer nur Ausschnitte, Facetten, Varianten. Nie das Ganze. Frei von uns. Das bleibt unsichtbar. Es ist nur eine Ahnung, die alle Teile gleichermaßen durchdringt. Eine Ahnung, aus der
alles besteht.

Nicole Paskow

Reaktionen

Dieses Buch lässt jemanden, der sich darauf einlässt, nicht los, bis zu den letzten Zeilen. Voller Poesie (schon beginnend mit dem wunderbaren Gedicht!) und Forschergeist. Es ist weder ein Roman noch eine Erzählung, auch wenn es zum Teil Züge davon hat … es lässt sich nicht einordnen.
Vielleicht könnte man sagen, es ist eher eine Art Reisebericht ins Innere und während man liest, natürlich ins EIGENE Innere. Mit allen Facetten, die solch eine Reise beinhaltet!
Es berührt, rüttelt an einem, lässt einen sämtliche Gefühle durchleben und lässt den Verstand ungläubig zurück.
Die Verbindung jedoch, vom fühlenden Herzen und dem hinzugekommenen Verstand, bewirkt eine unbeschreiblich schöne Erweiterung des
eigenen Horizontes.
Ein sehr inspirierendes Buch!

Almuth Kummer