Autor: Daniel Herbst

Das, was wir als uns erleben, ist freies Bewusstsein. Freies, gefangenes Bewusstsein. Also freies Bewusstsein, das sich in Gefangenschaft erlebt. Statt uns in den Stumpfsinn der Gefangenschaft zu ergeben, können wir verwirklichen, dass wir sind, was freies Bewusstsein ist. Und nur weil es frei ist, kann sich in ihm die schmerzhafte Erfahrung erleben, gefangen zu sein.

Es genügt nicht, mir immer wieder zu erzählen, wer ich angeblich sei, dass ich das allem zugrundeliegende Zeugenbewusstsein bin, und damit das, was Freiheit ist. Das ist eine völlig unzulässige Verkürzung, in der ich mich in meiner Aktualität übersehe. Woraufhin ich gegen das, was ich als mich erlebe, zu kämpfen beginne oder es einfach immer umfassender ignoriere. Dadurch gerate ich in eine immer tiefere, nicht durchschaute Gefangenschaft mir selbst gegenüber und trenne mich „endgültig“ von mir. Und genau durch diese Abspaltung schließen sich die Gefängnistore. Diese Abspaltung sind die Gefängnistore. Ich werfe mich selbst als das Übersehene in mir in den Kerker und begreife nicht, dass ich dieses Eingekerkertsein dann am eigenen Leib zu erfahren habe.

Um es so deutlich wie möglich zu sagen: In diesem Zustand lebe ich zwei Leben. Und betrüge mich selbst um mich. Ich werde zu einem spirituellen Betrüger, zu einem scheinheiligen Ich, dass mit sich als hilflosem Kind nichts zu tun haben will – und es einfach unter Wasser hält. Bis es still ist. – Gefühle! Gedanken! – Pah, das ist nicht meine Welt! – Sagt wer? Solange ich mich nicht ganz sein lasse, muss ich gegen mich und meine Welt kämpfen. Und damit gegen alles, was ich nicht durchschaut habe – und nur deshalb für wirklich halte! Damit bleibe ich immer wieder an mir in Form meiner alten(!) Sichtweisen hängen. Und verpasse jede wahre Transformation. Die Transformation zu mir als dem Menschen, der mit sich übereinstimmt.

Ganz hierher ankommen

Die gute Nachricht ist: Du kannst Dich als gefangen entdecken. Und Du kannst entdecken, dass das, was Du in Wirklichkeit bist, nicht gefangen genommen werden kann. Es nimmt sich immer wieder selbst gefangen, indem es immer wieder dasselbe über sich denkt, dasselbe fühlt, dasselbe glaubt, demselben widersteht, dasselbe haben will und vom selben träumt. Genau darin besteht die Uneinsichtigkeit. Die jetzt urteilsfrei gesehen wird.

Solange Du Dir als freiem Bewusstsein gegenüber uneinsichtig bleibst, wirst Du wie ein Gefangener im freien Bewusstsein leben – und genau das erleben! Das Leugnen Deiner Gefühle, der Welt und Deines Körpers erlöst Dich nicht aus der Gefangenschaft, sondern nur die Bereitschaft, als das freie Bewusstsein, das Du bist, vollständig in diese Verkörperung einzuziehen. Es geht nicht darum, irgendwo rauszukommen, sondern darum, ganz hierher zu kommen – um in diesem Leben die Freiheit zu entdecken.

Niemand zwingt mich, die Welt so zu erleben, wie ich sie bisher erlebt habe. Niemand außer das, was in mir passiert. Und doch kann ich ein Einsehen in mich als vermeintlich gefangenes Bewusstsein bekommen und einsehen, dass alle in dieser Verkörperung spielenden Energien darüber Auskunft geben, inwiefern ich mit mir selbst übereinstimme und inwiefern nicht. Ich kann die unerlösten Energien nicht loswerden, indem ich sie leugne oder bekämpfe, sondern nur, indem ich mir eingestehe, dass sie mir wirklich etwas zu sagen haben. Damit werde ich bereit zu spüren, dass ich der Erlösung bedarf. Der Erlösung von mir in kultivierter, vorgestellter Form. Weil ich mir(!) nichts mehr zu verkaufen habe.

Dein eigener Erlöser

Du bist Deine eigene Rettung, Dein eigener Erlöser. Weil Du bist, was Bewusstsein ist und gerade die Erfahrung Deines Lebens machst. Es geht um das unmittelbare Einsehen in die Situation, die Du als Dich spürst. Du bist hilflos an Dich als Erleben ausgeliefert. Und wenn Du das wirklich „verstehst“, dann hast Du Dich nicht mehr zu ertragen, dann musst Du Dich nicht mehr Durch Dein Leben schleppen. Dann kommst Du zu Dir und verstehst die wahre Situation. Und willst einfach bei Dir sein.

Die wahre Situation ist, dass das, was Bewusstsein ist, sich als eins mit dem erlebt, was in ihm erscheint. Und wenn es sich wirklich erleben darf, kann es weit werden und von sich lassen. Und damit in die Liebe finden. Die Liebe ist das Über-mich-hinaus, in der sich niemand verlässt. Ganz im Gegenteil: Darin komme ich in und als Anwesenheit zu mir und lasse mich von mir als diesem Wesen ganz unmittelbar berühren!

Damit ist Liebe die freieste Form der Identifikation. In ihr nimmt das Bewusstsein alles, was ihm erscheint, augenblicklich an. Überall sagt es: „Ich“. Überall spürt es sich selbst. Das ist, was im Bewusstsein passiert, wenn es sich selbst als die einzige Anwesenheit entdeckt. – Liebe!

Annehmen, was schon ist

Liebe heißt: Ich bin es! Überall tönt es: „Hier bin ich.“ Dieses Hier-Sein, dieses „Hier bin ich“, sehnt sich danach, wirklich entdeckt und angenommen zu werden. Damit es sich verwirklichen kann. Es sehnt sich danach, wahrgenommen zu werden. – Von Dir! Es sehnt sich danach zu entdecken, dass es selbst aus der Liebe kommt. Aus der Intimität des Lebens für sich selbst. So nah, dass es darin nichts gibt, was nicht(s) damit zu tun hat. Alles eins! Hier. Als sich selbst erlebende Unmittelbarkeit, die meinen Namen trägt.

Letzten Endes nehme ich nur an, was schon ist. Direkt. Und dadurch verändert sich alles. Von hieraus hat niemand mehr Interesse daran, sich auf Probleme zu fokussieren, die rein gedanklicher Natur sind. Von hieraus wird nicht mehr nach Bestätigung gesucht, wird nicht mehr verglichen, hier wird niemand mehr gesucht, den ich für meinen Zustand verantwortlich machen kann. Hier fühle ich mich nicht mehr als Opfer und suche keinen Schuldigen mehr. Nein, hier habe ich es wirklich mit mir selbst zu tun. Und spüre immer deutlicher, dass ich nicht gefesselt bin! – Dass ich nicht mehr an mich als leblos übersteigerte Gedankenwelt gebunden bin.

„Ich bin in Freiheit gefangen.“ – Das ist das wahre Bild! Ich kann mich nicht aus einer Gefangenschaft befreien, die es nicht gibt. Ich kann nur erkennen, dass die von mir erlebte Gefangenschaft einer sehr verzerrten Sicht auf mich und die Welt entspringt. Zu erleben, was wirklich passiert und wer ich wirklich bin, lässt sich nur in Freiheit erleben. Und damit in vollkommener Freiwilligkeit für mich selbst …