Gott.Mensch.Sein - Cover

Leseprobe

Gott.Mensch.Sein.

Gott stirbt in mich hinein als Liebe.

Die Gottesidee ist mit der Entstehung des menschlichen Geistes in ihn eingezogen. Der menschliche Geist selbst ist Ausdruck dieser Idee, die sich verwirklichen und damit vollkommen erleben und zu sich kommen will.

Mir als Menschen ist die Möglichkeit eingeboren wahr-zunehmen und diese Wahrnehmung zu erleben. Das heißt: Ich erlebe mich selbst. Als ein begrenzter Mensch und als ein Über-Mich-Hinaus. Immer zu. Von „Anfang an“. Und genau das ist es, was ich bis „zum Schluss“ übersehen kann.

Was bedeutet, dass sich mir der Geist nicht aufgeschlossen hat. Es sieht so aus als wäre da etwas, was mich sieht, etwas, was mich erlebt. Und das ist es, was ich zunächst nicht begreifen kann. Weil das, was mich sieht, nicht von mir gesehen werden kann. Nicht, wenn ich danach wie nach etwas suche oder Ausschau halte.

Und so ist die höchst abstrakte Idee von Gott in den Menschen eingezogen. Es ist eine Idee, die sich nicht zu Ende denken und nicht wirklich wahrnehmen lässt. Und damit ist es die letzte oder höchste Idee, die sich nur als nicht weiter hinterfragbare „Gewissheit“ retten lässt.

Diese Gewissheit kann als Gott bezeichnet werden. Dabei ist nichts gewisser als die Tatsache, dass ich gesehen bzw. wahrgenommen werde. Nur weiß ich nicht von wem. Darum heißt es gleich im ersten Gebot: „Du sollst Dir kein Bild und kein Gleichnis machen.“ – Du sollst es nicht und übersiehst dabei, dass Du es ohnehin nicht kannst!

– Wie könntest Du auch? Außer, indem Du Dir etwas vorstellst, Dir also wieder ein Bild machst. Das Dich dann aber wieder nur „etwas“ sehen lässt. – Aber warum sollst Du Dir kein Bild machen? –

Weil das, was Gott als Gewissheit ist, dann nicht mehr gewiss wäre. Er wäre nichts als eine Privatfantasie in einem „individuellen“ Kopf. Was er ist! Und genau darum geht es! Wenn Du einsiehst, auf welcher Ebene Du Dich selbst betrachtest, wirst Du erkennen, dass Du Dich in einer Dich erlebenden Instanz vollziehst, die „vor sich selbst“ stets im Verborgenen bleibt.

Damit ist absolut offensichtlich, dass es etwas gibt, in dem alles erscheint: Bewusstsein. Und dieses Bewusstsein wird sich durch Dich bewusst, dass es ist, was Dir zugrunde liegt.

Damit stirbt Gott als abstrakte Idee in die Anwesenheit Deiner selbst hinein. Solange das nicht verwirklicht ist, wirst Du nicht als unmittelbare Berührung zu Dir kommen.
Als dieses Gebet, das Du bist, als diese Erfahrungswelt,
die sich so nah ist, dass sie eins mit sich ist.

Als reine, sich selbst wahr-nehmende und dabei verwirklichende Intimität. Die nicht auf der Ebene einer Idee verbleiben kann, da sie auf diese Weise von sich selbst weggeführt wird. Und mich damit in einem Ideenreich belässt, das mich immer wieder von mir abfallen lässt.

Dabei hat und ist(!) Bewusstsein die Qualität der unbe-dingten Liebe. Die Sehnsucht nach dieser Liebe ist es, die Du tief in Dir spürst und aus Unwissenheit nach außen projizierst, um sie dann bei anderen Menschen zu suchen, statt diese Liebe ganz direkt auf Dich selbst zu beziehen.

Auf dem Weg der Suche im Außen kann sie allein deshalb nicht gefunden werden, weil Du durch die Art Deiner Suche Anpassungen und damit neue Formen der Verstrickung und Unfreiheit erfährst, die Dich übersehen lassen, dass es Dir ganz direkt um die Verwirklichung der unbedingten Liebe geht! In der Idee von Gott schaut das, was Gott ist, auf mich und sieht,
was ich tue.

Damit ist in mir die Furcht davor erwacht, in dem gesehen zu werden, was ich tue. Weil ich als jemand, der sich selbst nicht sieht, oftmals etwas tue, was ich nicht tun würde, wenn ich mich selbst als Wirklichkeit wahrnehmen würde! Und damit ist die Idee der Sünde in den Geist eingezogen: „Ich tue etwas, was ich nicht tun darf, und werde dabei von einer Instanz gesehen, die größer ist als ich“ …

Die Furcht ist, dass diese weit mächtigere Instanz mich straft, dass sie mich korrigiert, wenn ich nicht einsichtig werde, wenn ich nicht ehrlich bin, wenn ich nicht so bin, wie ich sein „soll“.

Dabei weiß ich in Wirklichkeit bereits, wie ich bin, wenn ich ehrlich bin. Und diese Distanz zu mir überbrücke ich mit einer
Gotteinbildung, der ich mich unterwerfe. Wobei sie es ist, die mich von der vollkommenen Integration und damit von der vollständigen Verwirklichung meiner selbst abhält!

Was nichts anderes heißt, als dass ich mich durch meine nicht durchschauten Gottesfantasien vor mir als einsichtigem Wesen unendlich erniedrige! Nicht erkennend, dass die Vollkom-menheit bereits in mir angelegt ist.

Weil ich sehen kann und bin, was sehen ist! Ich brauche die Gottesidee also nur, solange ich mir selbst nicht wirklich vertraue und damit nicht vollkommen bereit bin, mich selbst wahrzunehmen. Was nichts anderes heißt, als dass ich mich selbst noch nicht vollends sehen und fühlen gelernt habe!

Solange das nicht geschehen ist, werden sich in mir unglaub-liche Energien bewegen, die nicht unter Kontrolle zu bringen sind – schlicht, weil ich nicht wirklich ein-sehe, dass sie zu mir gehören und nur befriedet werden können, indem ich sie in der unbedingten Liebe des Bewusstseins ganz zu mir nehme.

Wenn das geschieht und ich sie nicht mehr von mir abspalten muss, erlösen sich diese Energien wie von selbst. Das Zu-Mir-Nehmen von allem, was ich für falsch oder sündhaft halte bzw. so erlebe, führt zu einem Menschen, der keiner Moral mehr bedarf, weil er sich vollständig fühlt und aus diesem Gefühl, aus dieser Unmittelbarkeit und Liebe, aus dieser Intimität
heraus lebt.

Und in dem Augenblick, in dem Du Dich selbst wirklich fühlst,
kannst Du nicht (mehr) „sündigen“. Einfach, weil Du ganz bei
Dir bist, weil Du fühlst, was Du tust, weil Du mit allem, was sich in Dir denkt und fühlt unmittelbar verbunden bist. Und das hat großen Einfluss darauf, wie Du handelst. Von selbst. Damit sind all Deine Moralvorstellungen hinfällig.

Jetzt brauchst Du keine äußere Instanz mehr, die Dich korrigiert, die eingreift und Dich berichtigt, weil sich das mit sich selbst verbundene Erleben in Form einer Zuwendung ausdrückt, die immer umfassender wird. Diese Zuwendung kennt und hat keine Grenzen. Und so wirst Du zu einem vollkommen mit sich selbst übereinstimmenden Selbst-ausdruck, der sich dabei selbst erlebt! – Du wirst zu einem Ausdruck von Liebe.

Du „musst“ nicht lieben, Du musst nicht auf andere zugehen,
Du musst keine „Harmonie herstellen“, Du musst nicht gutheißen, was Du nicht magst – darum geht es nicht. Vielmehr lässt Du Dich von der Unmittelbarkeit dessen, was sich in Dir erlebt und wirklich zu Dir kommt, bewegen.

Und damit bewegt sich dieser Organismus, in dem Du wohnst, genau da hin, wohin er sich zu bewegen hat. Und eben dadurch öffnet sich der Raum immer weiter, was Dich immer tiefer in Dich eintreten lässt.

Jetzt brauchst Du keine fremden Ideen mehr, die Dich Dir fremd machen und damit keine Korrektur, sondern nur noch Dich als unmittelbar an sich selbst interessiertes Empfinden.

Jetzt fühlst Du dieses Leben mehr, als dass Du es verstehst und hörst auf, „Probleme“ in die Welt zu sehen, weil jetzt nach und nach alle niederschwingenden Konstruktionen in Deinem Kopf ihre Anziehung auf Dich verlieren.

Du interessierst Dich schlicht nicht mehr für diesen Unsinn, der damit keine Gewalt mehr über Dich hat. – Und kommst in diesem Leben und auf dieser Erde an. Du fühlst diese Erde. Zum ersten Mal direkt.

Du siehst die Schönheit – und entdeckst das Leben in Dir und um Dich herum. Und erst wenn Du das Leben entdeckst, kannst Du nicht mehr in „Sünde“ leben – und brauchst damit auch keinen Dir fernen Gott mehr.

Weil Du jetzt in und als die Verbindung lebst, die Du ganz unmittelbar fühlst. Und dieses Gefühl spürst Du als das Über-Dich-Hinaus. Zutiefst verbunden – über Dich hinaus. Auf diese Weise sendest Du Dich in einer absoluten Klarheit, und empfängst Dich als Inspiration.

Jetzt suchst Du nicht mehr nach jemandem, der Dich auf Deinen Problemebenen bestätigt. Jetzt kannst Du Deine Probleme selbst nicht mehr glauben und durchschaust damit wirklich, dass Du Dich auf dieser Ebene in einer tiefdunklen Trance erlebst – in einer Abwesenheit Dir selbst gegenüber.

Die andauert, bis Du es Dir wirklich wert bist, Dich nicht immer wieder in eben diese Trance ziehen zu lassen. Damit bist Du immer öfter hier, hier in der Kraft, in diesem Augenblick. Und verbrennst als Energie nicht immer wieder in Gedanken über Dich und die Welt, in Reflexionen, in Spekulationen, Mut-maßungen, Vorstellungen, Hoffnungen und Projektionen.

Damit kommt die Kraft als Wirklichkeit zu sich. Und diese Kraft ist das Ja. Diese Kraft ist Liebe. Diese Kraft ist, was Leben ist. – Diese Kraft ist ständig dabei, über sich selbst hinauszugehen. Um in neuen Formen von Erleben, in größeren Räumen und Seinszusammenhängen zu sich zu kommen und damit im umfassenderen, tieferen, direkteren Erleben.

In der Unmittel-barkeit des Soseins, in dem Du Dich voll-kommen zu dem entfaltest, „was Du bist“: Zu Dir als lebendiger Wirklichkeit. Allein darin findet Gott zu sich. Darin verwirklicht sich die göttliche Existenz als Gegenwart. Was nichts anderes
heißt als: In Liebe.

Daniel Herbst

Reaktionen

Ein ganz wunderbares Buch. Für mich genau zum richtigen Zeitpunkt.
Wie viele Bücher von Daniel Herbst. Habe mich noch niemals so gut selbst wiedergefunden, wie in diesem Buch.
Voller tiefer Weisheit und Antworten über das Menschsein.
Für mich ist es ein Meisterwerk. Herzlichen Dank!
Ralf Schneitz