Die wahre Suche ist keine ins Morgen hinein oder irgendwo anders hin als ins Jetzt. Es fängt damit an, in die Natur dieses Augenblicks zu schauen. Um das tun zu können, musst du in deinen „eigenen Schuhen stehen“, wie meine Lehrerin es gerne sagte. Was sie damit meinte, war, dass du mit Klarheit auf deine eigene Erfahrung schauen musst. Höre auf, die Erfahrung eines anderen haben zu wollen. Höre auf, der Freiheit oder dem Glück oder sogar der spirituellen Erleuchtung nachzujagen. Steh in deinen eigenen Schuhen und untersuche genau: Was passiert gerade jetzt, genau hier? Ist es möglich damit aufzuhören, etwas passieren lassen zu wollen?

Selbst in diesem Augenblick könnte es einiges an Leid oder Unglück geben, aber selbst wenn das so ist, ist es möglich, nicht länger dagegen anzugehen, nicht länger zu versuchen es loszuwerden oder woanders hinzukommen?
Ich verstehe, dass es unser Instinkt ist, sich von dem abzuwenden, was nicht angenehm ist, um dorthin zu kommen, wo es angenehmer ist, aber wie meine Lehrerin so gerne sagte:
„Du musst den Schritt zurück gehen, nicht den Schritt nach vorn.“

Suche und mehr Suche

Der Schritt nach vorn treibt immer weiter, versucht, immer das zu erreichen, was du willst, ob es materieller Besitz ist oder innerer Friede. Der Schritt nach vorn ist überaus
gewohnt: Suche und mehr Suche, Streben und mehr Streben, immer nach Frieden Ausschau halten, immer nach dem Glück schauen, nach Liebe. Den Schritt zurück machen bedeutet, sich umzudrehen. Dreh den gesamten Prozess, draußen nach Befriedigung Ausschau zu halten um und schau genau dahin, wo du stehst. Schau nach, ob das, wonach du Ausschau hältst, nicht bereits in deinem Erleben gegenwärtig ist.

Also wieder, um die Grundlage für das Erwachen zu legen, müssen wir zunächst einmal mit dem Kämpfen aufhören. Du lässt es gehen, indem du wahrnimmst, dass das Ende des
Kampfes in deiner Erfahrung gerade tatsächlich gegenwärtig ist. Das Ende des Kampfes ist Frieden. Selbst wenn dein Ego kämpft, selbst wenn du versuchst, das zu verstehen und „es
richtig machen“ willst, wenn du wirklich schaust, wirst du sehen, dass der Kampf im größeren Rahmen des Friedens passiert, innerhalb eines inneren Stillseins. Aber wenn du versuchst, Stille geschehen zu lassen, wirst du sie verpassen.

Ein Prozess des Erkennens

Wenn du versuchst, Frieden passieren zu lassen, wirst du an ihm vorbeigehen. Das hier ist eher wie ein Prozess des Erkennens, der Stille Beachtung zu schenken, die natürlicherweise
da ist. Wir können den Kampf nicht beenden. Wir versuchen nicht, nicht mehr zu kämpfen. Wir nehmen einfach wahr, dass es eine völlig andere Dimension für das Bewusstsein gibt, die in diesem Augenblick nicht kämpft, nichts nachträgt und nicht versucht, irgendwo hinzukommen.

Du kannst es buchstäblich im Körper spüren. Du kannst deinen Weg aus dem Kampf
heraus nicht denken. Es gibt keinen Dreipunkteplan, wie man nicht kämpft. Tatsächlich ist es ein Einpunkteplan: Bekomme mit, dass der Friede, das Ende des Kampfes, genau genommen bereits hier ist. Deshalb ist es ein Prozess des Erkennens. Wir nehmen
wahr, dass jetzt Frieden ist, selbst wenn dein Verstand verwirrt ist. Du könntest erkennen, dass der Verstand, selbst wenn du jetzt kurz auf den Frieden triffst, so konditioniert ist, sich
davon wegzubewegen.

Frieden kennt keine Bedingung

Er wird versuchen, die grundlegende Tatsache zu bestreiten, dass Frieden in dir ist: „Ich kann jetzt nicht in Frieden sein, weil ich dieses oder jenes zu tun habe oder weil diese Frage nicht beantwortet worden ist oder weil sich so-und-so nicht bei mir entschuldigt hat.“ Es gibt alle möglichen Arten, wie der egoistische Verstand darauf bestehen kann, dass etwas passieren oder sich verändern muss, damit du in Frieden sein kannst. Aber das ist Teil des Traumes vom Verstand. Uns allen ist beigebracht worden, dass sich etwas ändern muss, damit wir wahren Frieden und wahre Freiheit erfahren können.

Stell dir nur für einen Augenblick vor, dass das nicht wahr ist. Auch wenn du glaubst, dass es wahr ist, stell es dir nur für einen Augenblick vor: Wie wäre es, wenn du nicht kämpfen
müsstest, wenn du dich nicht anstrengen müsstest, um Frieden und Glück zu finden? Wie würde sich das jetzt anfühlen? Und nimm dir nur einen Augenblick, um still zu sein und schau, ob Frieden und Stille in diesem Augenblick bei dir sind.

Autor: Adyashanti (Aus: In Gnade fallen)
(c) Noumenon Verlag