Gott.Mensch.Sein - Cover

Leseprobe

In Gnade fallen

 Das Ende des Leidens

Eine Sache, die ich absolut klar machen möchte, ist: Wenn wir
das Leiden beenden wollen, wenn wir es wirklich zu einem
Ende bringen wollen, müssen wir aufwachen. „Aufwachen“
bedeutet, zur Wahrheit unseres Seins aufzuwachen und es
bedeutet auch, aus jeder Menge Illusionen zu erwachen.

Die Wahrheit ist, dass das Erwachen ein störender Prozess
sein kann. Wer möchte wirklich herausfinden, dass alles, was
er für wirklich gehalten hat, nichts als ein Haufen Träume war?
Wer möchte herausfinden, dass alles, woran man sich festhält
und woran man sich hängt, der Grund ist, aus dem man leidet?

Wer möchte herausfinden, dass wir alle von Eigenschaften wie
Zustimmung, Anerkennung, Kontrolle und Macht abhängig
sind und dass keines dieser Dinge das Leiden beenden kann?
Tatsächlich sind sie die Ursache für das Leiden! Die Wahrheit
ist also, dass die meisten von uns nicht wirklich aufwachen
wollen. Wir wollen das Leiden nicht wirklich beenden.

Vielmehr wollen wir unser Leid managen, wir wollen davon ein
bisschen weniger haben, damit wir mit unserem Leben so wei-
termachen können, wie es ist, unverändert, auf die Art,
wie wir es leben wollen und uns damit vielleicht ein bisschen besser fühlen.

Aber es gibt eine beunruhigende Wahrheit. Die beunruhigende Wahrheit ist, dass es keine persönliche Angelegenheit
ist, ans Ende des Leidens zu kommen, überhaupt nicht. Ans Ende des Leidens zu kommen hat mit Wirklichkeit und Wahrheit zu tun, damit, was wahr ist, im Gegensatz zu dem, was nicht wahr ist, es hat damit zu tun, wertzuschätzen, was gegenwärtig ist und nicht, was vorgestellt ist.

Der gesamte Prozess des Erwachens aus dem Traum ist sehr tiefgreifend und für die meisten Menschen gibt es
eine wirkliche Schwierigkeit und sogar etwas Beunruhigendes, weil es bedeutet, dass wir uns selbst im Spiegel anschauen müssen. Ich meine nicht, sich so im Spiegel anzuschauen,
wie wir das gemeinhin tun – mit Bedauern, Urteilen
und Schuldzuweisungen.

Es bedeutet, auf andere Weise in den Spiegel zu schauen, so, dass wir schließlich gewillt sind zu sehen, dass wir diejenigen sind, die unser Leid verursachen und dass wir allein den Weg
da herausfinden können. Mit dem Aufwachen verhält es sich
also ein bisschen wie mit der Erfahrung eines Alkoholikers
oder eines Drogensüchtigen, wenn sie aus ihrer
Abhängigkeit rauskommen.

Die meisten Süchtigen lassen ihre Sucht nur dann los, wenn sie wirklich (ein)gesehen haben, dass es keine Möglichkeit gibt, glücklich und abhängig zu sein. Bis dahin verhandeln die meisten Süchtigen ständig mit dem Leben.

Sie glauben „naja, ich kann manchmal süchtig sein“ oder „ich kann ein bisschen süchtig sein, aber nicht wirklich“ oder „ich kann es immer lassen, wenn ich wirklich will“.

Sie versuchen, ihren Drang zu mäßigen – aber inmitten von alldem haben ihre Bedürfnisse trotzdem die Oberhand und treiben sie ins Leiden. Wann hören Abhängige also wirklich auf?

Am ehesten, wenn sie auf den Boden fallen, wenn sie die Weisheit erkennen, die darin liegt, dass es absolut kein Entkommen gibt, dass nichts helfen wird außer, sich selbst anzuschauen und die Situation, in der sie sind.

 

 

 

Viele von uns können auf jene schauen, die sich herum-zuschlagen scheinen und sagen: „Wenigstens bin ich kein Süchtiger. Ich bin kein Alkoholiker, kein Drogenabhängiger.“ Aber ehrlich gesagt sind wir fast alle Abhängige und die tiefgreifendste Sache, nach der wir süchtig sind, die Droge unserer Wahl, ist tatsächlich Leiden.

Nicht viele Menschen werden sich das eingestehen. Nicht viele wollen wirklich wissen, dass sie von Leid abhängig sind. Wir haben keine Vorstellung, wie wir interagieren, wie wir sein oder was wir mit unserer Zeit und Energie anfangen würden, wenn wir nicht leiden würden.

Einer der wichtigsten Schritte im Prozess, das Leiden zu
beenden, besteht darin zu sehen, dass es tief in uns etwas gibt,
das leiden möchte, das das Leiden eigentlich genießt. Wie ich
bereits erwähnte, gibt es in uns einen Teil, der leiden möchte,
weil wir durch das Leid die Mauer der Trennung um uns
herum aufrechterhalten können.

Durch unser Leiden können wir an allem festhalten, was wir für wahr halten. Den Schleier des Leidens tragend, müssen wir uns nicht wirklich selbst anschauen und sagen: „Ich bin derjenige, der träumt. Ich bin derjenige, der voller Illusionen ist. Ich bin derjenige, der an allem festhält, was er hat.“ Es ist sehr viel einfacher zu sehen, dass die andere Person in Illusionen gefangen ist.

Das ist einfach. „Der und der ist vollkommen an seine Illusionen verloren. Er weiß nichts von der Wahrheit.“ Es ist etwas völlig
anderes zu sagen: „Nein, nein, nein! Ich bin derjenige, der in
Illusionen gefangen ist. Ich weiß nicht, was wirklich ist, ich
weiß nicht, was wahr ist und ein Teil von mir möchte leiden,
weil ich dann getrennt bleiben kann und anders.“

Sicherlich will niemand auf bewusster Ebene leiden, trotzdem halten wir weiterhin an Vorstellungen, Gedanken und
Überzeugungen fest, so als ob unser Leben davon abhinge. Auf
bestimmte Weise hängt unser Leben von ihnen ab – nicht unser
wirkliches Leben, aber das Leben unseres Egos, das Leben
desjenigen, der wir zu sein glauben.

Die Art, wie wir uns sehen wollen, hängt davon ab. Der Teil von uns, der sich selbst als getrennt wahrnehmen will, möchte sich nicht wirklich wieder mit der Quelle vereinigen. Er würde lieber den Preis zahlen und als getrenntes Wesen verbleiben und seine Ansichten über die Welt behaupten, egal, was es kostet.
Leiden ist vollkommen freiwillig.

Worüber ich hier spreche, hat nichts mit der Art von Selbstbetrachtung zu tun, die wir kennen. Die Menschen in der spirituellen Welt meditieren oft, lobpreisen singend den Namen
Gottes oder sind mit anderen spirituellen Praktiken und Anbetungen beschäftigt, um sich selbst Glück zu bringen oder die Gnade Gottes zu gewinnen.

Spirituelle Menschen hören gern den Lehren großer Erwachter zu und versuchen sie anzuwenden, übersehen dabei aber oft das Schlüsselelement, nämlich: Wir sind süchtig danach, wir selbst zu sein. Wir sind süchtig nach unserer eigenen Selbstbezogenheit. Wir sind süchtig nach unserem Leiden.

Wir sind abhängig von unseren Überzeugungen und unserer Weltsicht. Wir glauben wirklich, dass das Universum kollabieren würde, wenn wir auf unseren Part darin verzichten würden. So gesehen wollen wir das Leiden eigentlich fortführen.

Adyashanti

Reaktionen

Dieses Buch ist eine wunderbare, einfühlsame und ehrliche Begleitung für all jene, die sich „auf den Weg machen“ wollen, um sich selbst endlich kennenzulernen. Wer/Wie/Was bin ich eigentlich und vor allem WARUM? Spannende Fragen, noch spannender beantwortet und in einer klaren Sprache geschrieben.

Danke für dieses Buch.

Karsten B.