Gott.Mensch.Sein - Cover

Leseprobe

Lebenslänglich lebenslang

Ich als der nicht zu überwindende Widerspruch

 

Als Person erlebe ich mich wie eine eigenständige fest umrissene Wirklichkeit – und leide daran. Ich leide an der Wirklichkeit, die sich mir als mein Leben präsentiert. Ich muss daran leiden, weil diese Wirklichkeit aus mir macht, was ich nicht bin. Ein hilflos an die Umstände ausgeliefertes Etwas, das sich nicht anders zu helfen weiß, als für sich und seinen Zustand die Verantwortung und Autorschaft zu übernehmen.

Ich leide also an meiner Einbildung, ohne die ich nicht sein
kann, was ich für mich halte. Und deshalb halte ich mich für
zweierlei: Für dieses begrenzte, von seiner Umwelt vollkommen abgeschnittene Wesen und für jemanden, der es sich selbst zurechnet, dass er genau das ist – „er selbst“.

In diesem Zwiespalt lässt es sich nicht wirklich leben. Und wenn, dann nur als ein nicht zu überwindender Widerspruch. Diesen Widerspruch muss ich verdrängen, um sein zu können, was ich nicht bin: Ein „Ich“, das an sich selbst glaubt.

Der Angst vor dem Leben und dem Wunsch nach der eigenen
Unsterblichkeit, zumindest aber nach der eigenen Unverletzbarkeit, geht die Annahme voraus, dass ich ein eigenes Leben habe, das ich vor dem Leben schützen muss.

Diese fatale Annahme lässt die belebten menschlichen Formen zu Personen kristallisieren, zu mentalen Gebilden, die alles versuchen, um sich vor dem Fluss des Lebens und seinen Unwägbarkeiten in Sicherheit zu bringen. Den Menschen macht zum Menschen, dass er seine eigenen Reflexionen – die ihn in der von ihm wahrgenommenen Form erst hervorbringen – nur schwer aushalten kann.

Und er kann seine Reflexionen nur schwer aushalten, weil sie in Wirklichkeit unerträglich sind. Es ist unerträglich, jemand zu sein, der am Leben leidet! Und wenn wir leiden, können wir nichts dagegen tun, eben weil wir dieses Leid erfahren. Keine Strategie, keine mentale Spitzfindigkeit kann uns davor bewahren, so zu empfinden, wie wir es gerade tun. Ein solches Eingeständnis führt zu einer Einsicht, der das Leiden nicht standhalten kann.

An mir selbst zu leiden geht auf einen vollkommen wahn-sinnigen Widerstand zurück, der mich auf wahnsinnige Weise agieren lässt. 

 

 

Dann bin ich wie ein Vogel, der die Flügel hängen
lässt, sich über das Leben beschwert und einfach nicht mehr
fliegen will. Denn wenn ich wirklich fliege, bin ich kein Vogel,
dann bin ich niemand mehr.

Oder ich bin wie ein Baum, der sich dem Wind entgegenstellt und darauf beharrt, sich nicht bewegen zu lassen. Dann stehe ich ohne Äste da und spreche den Wind dafür schuldig, dass ich nur noch ein karger Stamm bin, dem alles genommen worden ist. – So mache ich das als Mensch. Der Mensch will einfach unbedingt jemand sein.

Egal, welchen Preis er dafür bezahlen muss. Er hat seine eigenen Ideen, was ihn anbetrifft. Diese eigenen Ideen sind es, die ihn früher oder später an den Rand des Wahnsinns oder darüber hinaus treiben. Der Zusammenbruch ist ein mentaler Zusammenbruch und dieser Zusammenbruch ist notwendig. Und doch ist er es, den wir mehr als alles andere fürchten.

Nur nicht die Kontrolle verlieren, nur alles im Griff behalten,
nur weiter organisieren und managen. Irgendwie muss es ja
weitergehen … Es geht weiter – in jedem Fall! Vielleicht aber
ohne mich – ohne diesen kleinen Steuermann, den das Leben
nie zur Rate gezogen hat und nie zur Rate ziehen wird.

Der kleine Steuermann korrigiert nur aus einem Grund – um
Steuermann bleiben zu können! Weil es ihm gar nicht möglich wäre, auch nur irgendetwas von belang zu steuern, macht er sich einfach „seine Gedanken“ und glaubt, dass diese Gedanken das Leben beeinflussen – was sie auch tun: Die Gedanken des kleinen Steuermanns beeinflussen das Leben des
kleinen Steuermanns!

Und wenn viele kleine Steuermänner aufeinandertreffen, die alle glauben, ihre eigenen Geschicke zu lenken, dann verstehen sie sich gegenseitig auch dann, wenn sie sich überhaupt nicht verstehen. Schließlich sieht jeder dieser kleinen Steuermänner im anderen einen eigenen Wagenlenker.

Auch wenn sie als Wagenlenker unterschiedlicher Meinung sind und selbst dann, wenn sie sich bekämpfen, oder versuchen sich gegenseitig zu überzeugen – in einem Punkt stimmen sie alle überein: dass sie ihren eigenen Wagen lenken und wissen, was sie tun …

Daniel Herbst

Reaktionen

Ein sehr reifes Buch von einem Autor der zeigt wie man schauen und durchschauen kann. Sehr tief, differenziert und immer wieder klar auflösend. Daniel Herbst ist jemand dem man viele ernsthafte Leser wünscht, weil er selbst sehr ernsthaft in seinem Themen ist. Ein großer Schatz. Klasse!

Lothar Helger