Mythos Mind

Nichtwissen ist Ihr natürlicher Zustand

Aus unseren früheren Gesprächen ist offensichtlich, dass der Mensch ein falsches Verhältnis zu seinem Wissen über sich selbst und die Welt hat. Was genau verstehen Sie unter Wissen?

Wissen ist nichts Geheimnisvolles oder Abstraktes. Ich schaue auf den Tisch und frage mich: „Was ist das?“ Das tun Sie auch. Wissen bedeutet einfach, den Dingen Namen zu geben. Es sagt Ihnen, dass das ein „Tisch“ ist, dass ich „glücklich“ bin oder „unglücklich“, dass „Sie ein erleuchteter Mensch sind, und ich nicht“. Geht es beim Denken um mehr als das?

Das Wissen, das Sie über die Welt haben, erschafft die Objekte, die Sie erfahren. Die tatsächliche Existenz oder Nichtexistenz von etwas „da draußen“ in der Welt ist nicht etwas, das Sie für sich selbst bestimmen oder erfahren können, außer durch die Hilfe Ihres Wissens. Und das Wissen gehört Ihnen nicht; es ist etwas, was Sie und Ihre Vorfahren über eine lange Zeit hinweg angesammelt haben. Was Sie den „Akt des Wissens“ nennen, ist nichts anderes als akkumulierte Erinnerung. Sie haben persönlich zum Wissen beigetragen und es modifiziert, aber im Grunde gehört es Ihnen überhaupt nicht.

In Ihnen ist nichts als die Gesamtheit des Wissens, das Sie angesammelt haben. Das ist, was Sie sind. Sie können nicht einmal auf direktem Weg die Realität der Welt erfahren, in der Sie funktionieren, und noch viel weniger eine Welt jenseits davon. Jenseits von Raum und Zeit gibt es keine Welt. Sie ist Ihre Erfindung, die auf den vagen Versprechungen der heiligen Männer fußt. Unser Wertempfinden entspringt der Welt, die uns auferlegt wurde. Wir müssen diese Welt akzeptieren.

Also basiert unser Glaubenssystem auch auf der Erinnerung?

Auch Glaube ist keine Abstraktion. Er ist eine Erweiterung des Überlebensmechanismus, der seit Millionen von Jahren arbeitet. Glaube ist wie jede andere Gewohnheit: Je mehr Sie versuchen, ihn zu kontrollieren und zu unterdrücken, umso stärker wird er. Ihre Frage impliziert, dass Sie von etwas frei sein wollen – in diesem Fall vom Glauben. Zunächst einmal: Warum wollen Sie frei davon sein? Was Sie auch tun oder zu tun hoffen, um frei davon zu sein, verleiht dem nur neuen Schwung. Alles, was Sie tun, hat überhaupt keinen Wert. Warum ist das für Sie zum Pro-blem geworden? Sie sind nicht in der Lage, das, was ich sage, abzulehnen oder zu akzeptieren. Sie haben wahrscheinlich schon einmal irgendein System ausprobiert, um Ihre Gedanken und Überzeugungen zu kontrollieren, und es hat nicht funktioniert. Mantras, Yoga und Gebete haben nicht geholfen. Warum auch immer, Sie waren nicht in der Lage, Ihre Gedanken zu kontrollieren. Das ist alles.

Aber Mantras und andere heilige Techniken scheinen das Denken zu beruhigen.

Sie können Ihre Gedanken nicht einmal beobachten, noch weniger kontrollieren. Wie sollte es Ihnen möglich sein, Ihre Gedanken zu beobachten? Sie reden so, als ob in Ihnen ein Wesen wäre, das getrennt von den Gedanken ist. Das ist eine Illusion; Ihre Gedanken sind nicht von Ihnen getrennt. Es gibt kein Denken. Gedanken können Ihnen nicht schaden. Ihre trennende Struktur, die versucht, das Denken zu kontrollieren, zu dominieren, zu zensieren und zu benutzen, ist das eigentliche Problem. Das Denken selbst kann keinen Schaden anrichten. Nur wenn Sie etwas mit dem Denken anstellen wollen, erzeugen Sie Probleme für sich selbst.

Ihnen jetzt zuzuhören scheint mir auch Probleme zu machen.

Sie sagen, dass Sie zuhören. Selbst während ich spreche, hören Sie überhaupt nichts. Sie hören nicht mir, sondern nur Ihren eigenen Gedanken zu. Darüber mache ich mir keine Illusionen. Sie können weder mir noch sonst jemandem zuhören. Es ist zwecklos, mich davon überzeugen zu wollen, dass Sie aufmerksam und beteiligt zuhören. Ich bin kein Narr.

Für mich ist es nicht so offensichtlich, dass ich Ihnen nicht zuhöre. Ich scheine Ihnen zuzuhören und gleichzeitig darüber nachzudenken. Ist das nicht möglich?

Das ist unmöglich. Für Sie ist nur eine Handlung möglich: Denken. Das Hervorbringen von Gedanken ist selbst Handeln. Der Denker, der sagt, dass er nach Ursache und Wirkung schaut, ist selbst Gedanke. Das Denken erzeugt den Abstand zwischen dem Denker und seinen Gedanken und sagt dann zu sich selbst: „Ich betrachte meine Gedanken.“ Ist das möglich? Vergessen Sie, was in der Vergangenheit geschehen ist. Versuchen Sie, sich Ihre Gedanken genau in diesem Moment anzusehen. Ich bitte Sie, etwas zu tun, was ziemlich einfach ist. Wenn Sie mir sagen, wie man sich seine Gedanken anschaut, werde ich Ihr Schüler. Ich wäre Ihnen dafür äußerst dankbar. Doch statt das Denken zu betrachten, konzentrieren Sie sich auf mich. Wenn Sie ein Mantra wiederholen, ist das Gedanke. Die Wiederholung des Mantras ist ein weiterer Gedanke. Die Idee, dass es diesen sich wiederholenden Gedanken nicht gelungen ist, den von Ihnen gewünschten Zustand hervorzurufen, ist ein weiterer Gedanke. Die Idee, dass Sie ein neues Mantra finden oder eine Technik praktizieren müssen, die funktioniert, ist ein weiterer Gedanke. Was ist Denken anderes als das? Das möchte ich wissen.

Aber alle Religionen haben betont, wie wichtig es ist, unerwünschte Gedanken zu unterdrücken und zu kontrollieren. Sonst würden wir auf die Ebene der Tiere absinken.

Wir sind jahrhundertelang von den Heiligen einer Gehirnwäsche unterzogen worden, die besagt, dass wir unsere Gedanken kontrollieren müssen. Ohne Denken würden Sie zu einem Leichnam. Ohne Denken hätten die heiligen Männer keine Möglichkeit, uns zu sagen, dass wir unsere Gedanken kontrollieren sollen. Sie würden Pleite gehen. Sie sind dadurch reich geworden, dass sie anderen erzählt haben, dass sie ihre Gedanken kontrollieren müssen.

Aber sicherlich gibt es qualitative Unterschiede in der Art und Weise, wie Gedanken kontrolliert werden.

Sie haben willkürliche Unterscheidungen getroffen. Denken ist Teil des Lebens, und Leben ist Energie. Ein Glas Bier zu trinken oder eine Zigarette zu rauchen ist genau das gleiche wie Gebete, fromme Worte und Schriften zu rezitieren. In die Kneipe oder in den Tempel zu gehen ist absolut dasselbe, es ist eine Scheinlösung. Sie verbinden mit Gebeten und Tempeln nur deshalb eine besondere Bedeutung, weil das Ihre vorgefasste Meinung ist. Und das lässt Sie jenen gegenüber überlegen empfinden, die Kneipen und Bordelle besuchen.

Es ist also alles ein Versuch, irgendwie meine Konditionierung zu verändern oder zu modifizieren?

Konditionierung ist Überlieferung. Das Sanskritwort dafür ist Samskara. Überlieferung ist das, was Sie sind – was Sie „Ich“ nennen. Egal, wie Sie es auch modifizieren wollen, es geht weiter. Im Leben ist alles temporär. Das Bemühen, der Konditionierung – die auf dem Denken beruht – Kontinuität zu verleihen, ist seiner Natur nach pathologisch. Sie behandeln das Psychologische und das Pathologische, als ob es zwei verschiedene Dinge wären. Eigentlich gibt es aber nur das Pathologische. Ihr Samskara, die Konditionierung, die Ihnen das Gefühl gibt, von sich selbst und der Welt getrennt zu sein, ist pathologisch…

 

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Heide Arnold

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Noumenon Verlag
Lornsenstraße 14
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