Gott.Mensch.Sein - Cover

Leseprobe

Mythos Mind

 Die Dschungelgesellschaft haben wir erschaffen

 

Kürzlich habe ich Ihr Buch gelesen, U.G., und ich muss gestehen, dass ich am Ende das Gefühl hatte, dass all Ihre Argumente schlussendlich nicht zu Hoffnung führen, sondern zur Unvermeidbarkeit menschlichen Leidens und zu Verzweiflung.
Habe ich Recht?

Grundsätzlich sehe ich keine Zukunft für den Menschen. Es ist nicht so, dass ich ein Untergangsprophet bin, es ist vielmehr so, dass alles, was aus der Spaltung im Menschen entsteht, ihn und seine Gattung schließlich vernichten wird. Daher träume oder hoffe ich nicht auf eine friedvolle Welt.

Ist das aufgrund der Unvermeidbarkeit von Gewalt so?

Weil die Unvermeidbarkeit des Krieges in Ihnen ist. Die militärischen Kriege da draußen sind die Erweiterung dessen, was die ganze Zeit in Ihnen vor sich geht. Warum wird in Ihnen Krieg geführt? Weil Sie nach Frieden suchen. Das Mittel, das Sie einsetzen, um mit sich selbst im Frieden zu sein, ist Krieg.

Im Menschen ist schon Frieden. Sie brauchen nicht danach zu suchen. Der lebendige Organismus funktioniert auf außergewöhnlich friedvolle Weise. Die Suche des Menschen nach Wahrheit ist aus derselben Suche geboren, wie die
nach Frieden.

Am Ende wird er den Frieden, der schon in seinem Körper ist, stören und ihm Gewalt antun. Was wir schließlich haben, ist der Krieg im Menschen und der Krieg im Außen. Es handelt sich um eine Erweiterung derselben Sache.

Unsere Suche nach Frieden in der Welt, die auf Krieg basiert, wird nur zu Krieg führen, zur Vernichtung des Menschen.

Viele Philosophien, einschließlich des Marxismus, sagen, dass Krieg und Kampf unvermeidbar sind.

Das ist wahr, sie sind unvermeidbar. Die Marxisten und andere stellen eine These auf, aus der durch Kampf eine Antithese wird, und so weiter. Das sind philosophische Erfindungen, die dazu entwickelt wurden, um dem Leben einen Zusammenhang und eine Richtung zu geben.

Ich dagegen behaupte, dass das Leben willkürlich entstanden ist; es kann durch einen Zufall entstanden sein. Die Bemühungen des Menschen, dem Leben eine Richtung zu geben, können nur enttäuscht werden, da das Leben keine Richtung hat.

Aber das soll nicht heißen, dass die Raketen schon unterwegs sind und der Weltuntergang um die Ecke lauert. Der Überlebenstrieb des Menschen ist sehr tief verwurzelt. Was ich sage ist, dass das süßliche Gerede von Frieden, Mitgefühl und Liebe den Menschen in keiner Weise berührt hat. Es ist Unsinn.

Was die Menschen zusammenhält, ist Terror. Der Schrecken der gegenseitigen Vernichtung hat eine starke und uralte Wirkung auf den Menschen. Das ist natürlich keine Garantie.
Ich weiß es nicht.

Das Problem wird jetzt noch durch die Tatsache verschärft, dass unsere Technologien die Vernichtung aller Lebensformen garantieren, nicht nur die des Menschen, falls ein Krieg auf höheren Ebenen ausbricht.

An dem Tag, an dem der Mensch zum ersten Mal das Ich-Bewusstsein in sich verspürte, das ihn dazu brachte, sich jeder anderen Spezies auf dem Planeten überlegen zu fühlen, machte er sich auf den Weg der vollständigen und totalen Selbstzerstörung entgegen.

Wenn der Mensch vernichtet ist, ist wahrscheinlich nichts verloren. Unglücklicherweise werden die Instrumente der Zerstörung, die er über die Jahre horten konnte, immer schlimmer und immer gefährlicher. Wenn er geht, wird er alles andere mitnehmen.

 

Woher rührt der grundlegende Drang, die Herrschaft über sich und die Welt zu erlangen?

Sein Ursprung lag in der religiösen Vorstellung, dass der Mensch der Mittelpunkt des Universums ist. Die Juden und Christen glauben zum Beispiel, dass alles zum Vorteil des Menschen erschaffen ist. Das ist der Grund, warum der Mensch nicht länger Teil der Natur ist. Er hat alles vergiftet, zerstört und getötet, und das alles deshalb, weil er der Mittelpunkt des Universums, der gesamten Schöpfung, sein will.

Aber der Mensch muss sicherlich irgendwo hingehören, selbst wenn er nicht im Zentrum der Schöpfung steht. Der Sündenfall stellt den Beginn und nicht das Ende des Menschen dar.

Die Doktrin vom Sündenfall ist für die Christen sehr nützlich, das ist alles; ansonsten bedeutet sie gar nichts. Die gesamte christliche Tradition beutet die Vorstellung von der Ursünde voll und ganz aus, was zu Massakern, Blutvergießen und solchen unglaublichen Gewalttaten geführt hat.

Nun, östliche Philosophien sprechen von einem „stillen Mittelpunkt“, der durch Meditation gefunden werden kann.

Ich stelle die ganze Existenz, die Vorstellung von einem Selbst, einem Verstand oder einer Psyche in Frage. Wenn Sie das Konzept vom Selbst akzeptieren (und es ist ein Konzept), sind Sie frei, nach Selbst-erkenntnis zu streben und sie zu erlangen. Aber wir hinterfragen niemals die Vorstellung vom Selbst, oder?

Was ist dieses Selbst, von dem Sie sprechen?

Sie interessieren sich für das Selbst, nicht ich. Was auch immer es ist, es ist das Wichtigste für den Menschen, solange er am Leben ist.

Ich existiere, deshalb bin ich. Ist es das? Descartes?

Sie haben niemals das Grundsätzliche in Frage gestellt, das hier vorausgesetzt wird. Es heißt: „Ich denke, also bin ich.“ Wenn Sie nicht denken, kommt Ihnen niemals in den Sinn, dass Sie lebendig oder tot sind. Da wir die ganze Zeit denken, erzeugt das Auftauchen des Denkens Angst, und aus der Angst entspringen alle Erfahrungen.

Beide, die „innere“ und die „äußere“ Welt, gehen von einem Punkt des Denkens aus. Alles, was Sie erfahren, ist aus dem Denken geboren. Deshalb ist alles, was Sie erfahren oder erfahren können, Illusion.

Die Selbst-vertiefung ins Denken führt zur Selbst-bezogenheit des Menschen, das ist alles. Alle Beziehungen, die darauf basieren, werden unweigerlich Leid über den Menschen bringen. Es sind unechte Beziehungen.

Soweit es Sie betrifft, gibt es so etwas wie eine Beziehung nicht. Und dennoch fordert die Gesellschaft nicht einfach nur Beziehungen, sondern dauerhafte Beziehungen.

Halten Sie sich für einen Existentialisten?

Nein, glauben Sie nicht, dass Sie mir ein Etikett verpassen können. Die Existentialisten sprechen von Verzweiflung und Absurdität. Aber sie haben sich niemals mit der Absurdität und der Verzweiflung auseinander gesetzt. Für sie ist Verzweiflung nur eine Abstraktion.

Aber was ist mit der Existenzangst? Schiffbruch? Übelkeit? Was hat denn Raskolnikov gefühlt, wenn nicht Verzweiflung?

Das sind abstrakte Konzepte, auf die sie enorme philosophische Strukturen aufgebaut haben. Das ist alles, was es dazu zu sagen gibt. Wenn ich von einer selbst-bezogenen Aktivität spreche, beziehe ich mich auf einen autonomen, automatischen, sich selbst erhaltenden Mechanismus, der sich völlig von dem unterscheidet, worüber diese Philosophen theoretisieren.

U.G. Krishnamurti

Reaktionen

Vorab herzlichen Dank an Daniel Herbst diese Bücher zu veröffentlichen.
Ich dachte nach Karl Renz geht’s nicht mehr radikaler, aber es geht. UG’s Sprache ist schneidend, klar und verständlich, auch wenn wir unterdessen wissen, dass es nichts zu verstehen gibt. Schade dass ich ihn zu Lebzeiten, nur ein paar Km von meinem Wohnort entfernt, verpasst habe. Nur denen zu empfehlen, welche mit dem ganzen Erleuchtungsgedusel endgültig Schluss machen. Wunderbar, erfrischend, bodenlos, schwindelerregend …

Manfred Rentsch