Gott.Mensch.Sein - Cover

Leseprobe

Nichts als Gegenwart

 

Es gibt im Wesentlichen zwei Annäherungen an die
Wahrheit, die allmähliche und die direkte. Bei der direkten Annäherung ist Voraussetzung, dass Sie die Wahrheit
sind, es gibt nichts zu erreichen. Jeder Schritt, um etwas zu
erreichen, heißt davon wegzugehen.

Der „Pfad“, der streng genommen kein Pfad von irgendwo nach irgendwo ist, ist nur dazu da, einzuladen, um für die Wahrheit, das „Ich bin“, zu öffnen. Wenn Sie einmal einen kurzen Blick auf Ihre wahre Natur erhascht haben, umwirbt sie Sie.

Deshalb gibt es nichts zu tun, nur sein Sie darauf eingestellt, wann immer Sie eingeladen werden. In diesem Eingestelltsein gibt es kein Element des Willens.

Es ist nicht so, dass sich der Verstand auf das „Ich bin“ einstellt, vielmehr absorbiert das „Ich bin“ den Verstand. Bei der allmäh-lichen Annäherung sind Sie an den Verstand gebunden.

Der Verstand bildet sich ein, dass er, wenn er sich wandelt, Zustände verändert oder anhält, von dem absorbiert wird,
was über ihn hinausgeht.

Diese irrtümliche Annahme führt zum tragischsten Zustand, in dem sich ein Wahrheitssuchender vorfinden kann: Er hat sich selbst an sein Netz gefesselt, ein Netz höchst subtiler Dualität.

Wenn ich vollkommen bin und es nichts zu tun gibt, warum
bin ich dann da, warum diese Existenz auf dem Planeten?

Nur um wissentlich in dieser Perfektion zu sein. Sie verwenden Vollkommenheit und Unvollkommenheit als Konzepte,
als voneinander abhängige Gegensätze. Die Wahrheit, die
Ihre allernächste fundamentale Natur ist, geht über
Gegensätze hinaus.

In der Abwesenheit von Unvollkommenheit und Vollkom-menheit leben Sie in Ihrer Gegenwart, in Ihrer Ganzheit.
Sein Sie das.

Mein Herr, die Antwort, die Sie gerade der Dame gegeben
haben, scheint sie zufriedenzustellen, aber ich verstehe sie
nicht. Können Sie sich auf die Ebene meines Verstehens begeben?

Sie haben die Kapazität des Bewusstseins, also sein Sie sich
der Augenblicke bewusst, wenn Sie Unvollkommenheit fühlen, ein Fehlen, Langeweile, Unzufriedenheit. Wenn ich sage
„Sein Sie aufmerksam“ meine ich nicht nur, dass Sie sie lediglich benennen und dann davon weggehen sollen.

Vielmehr meine ich: Geben Sie der Wahrnehmung Ihre volle Aufmerksamkeit. Das kann einige Zeit in Anspruch nehmen, weil Sie es am Anfang nicht gewohnt sein werden, auf sich selbst zu schauen.

Indem Sie die Langeweile oder den Mangel auskundschaften, werden Sie feststellen, dass Sie nicht länger
daran verloren sind, weil Sie mehr von der Untersuchung in
Anspruch genommen sein werden, als vom Objekt.

Sie werden Raum in sich und im Untersuchten finden. Sie hängen nicht länger in der Langeweile, der Wahrnehmung fest und in bestimmten Augenblicken löst sie sich plötzlich auf und Sie finden sich in gegenwärtiger Klarheit vor.

Ich bin ungeduldig in Bezug auf das Wissen, das die wahre
Natur meiner Existenz betrifft. Weil ich immer noch keine
wirkliche Klarheit spüre, werde ich immer von den Objekten
mitgenommen. Statt mehr von der Stille angesprochen zu
werden, bin ich weniger von ihr angesprochen.

Sein Sie wachsam für solche Momente, in denen sich ein
Wunsch erfüllt und eine Handlung vollendet hat. Sein Sie auf
solche Augenblicke eingestellt. Sie werden Ihrem Verlangen
zu sein Frische verleihen.

Wenn der Verstand erst einmal frei von Sorge, Angst und Unzufriedenheit ist, werden Sie sehen, dass Ihr einziges Verlangen darin besteht zu sein.

Dieses Verlangen ist vollkommen frei von Aufruhr und jedweder Verzettelung. Der leidenschaftliche Sucher hetzt in seiner Suche
nicht mehr herum, weil er deutlich sieht, dass es nichts zu
finden gibt, da niemals etwas verloren wurde. Es hat niemals
aufgehört, hier zu sein.

Wenn wir klar erkennen, dass wir vom „Durchsuchungs-beamten“ in die Irre geführt werden, dann verschwindet die Persönlichkeit, die wir irrtümlich für uns selbst gehalten haben, von selbst. Das Verlangen zu sein kommt direkt von dem, wonach verlangt wird – mit anderen Worten:

Das Selbst sucht nach sich selbst. Diese Einsicht bringt uns zur Aufgabe unseres Bedürfnisses anzusammeln, zu ergreifen, zu erledigen und zu haben und neigt dazu, die Aktivität des Verstandes zu dämpfen.

Ein tiefes Verstehen dessen bringt uns von selbst zurück auf
vertrautes Terrain. Gnade zieht uns zu sich selbst. Das kann
nicht beschrieben werden, es kann nur gelebt werden.
Wie kann ich mich selbst vom kontinuierlichen Fluss erregter
Gedanken befreien?

Beobachten Sie einfach ihr Kommen und Gehen. Weisen Sie
sie nicht zurück und ermutigen Sie sie nicht. Lenken Sie sie in
keinem Fall. Bleiben Sie unpersönlich aufmerksam.

Sie werden schon bald spüren, dass Gedanken, Gefühle und Empfindungen in der ungerichteten Aufmerksamkeit, in Ihrer Offenheit erscheinen. Sie existieren nur, weil Sie sind, daher weist ihr Auftauchen auf den heimatlichen Grund der Gedanken hin, das wahre Ich.

Zunächst werden Sie feststellen, dass Sie sich in Ihre Gedanken einmischen, sie unterdrücken oder von ihnen mitgenommen werden. Sie tun das aufgrund der Unsicherheit, die von einem Ego empfunden wird, das dabei ist zu sterben, von einem abgesonderten Ego.

Aber wenn Sie von den mentalen Gewohnheiten der Aktivität und Passivität frei sind, werden Sie sich selbst in Ihrer natürlich stillen Aufmerksamkeit (vor)finden.

Der natürliche Zustand der Aufmerksamkeit bedeutet also
nicht, dass ich von allen Gedanken vollkommen frei sein
muss?

Er hängt nicht von der Abwesenheit der Gedanken ab. Er ist
das, worin die Gedanken auftauchen und verschwinden. Er ist
„hinter“ Gedanken. Sein Sie also nicht gewalttätig oder brutal
zu sich in der Hoffnung, sich selbst von der Agitation zu befreien, sein Sie aber besonnen.

In einfacher Offenheit, die willkommen heißt, werden Sie die negativen Gefühle, Sehnsüchte und Ängste kennenlernen und annehmen.

Sobald sie mit nicht-gerichteter Aufmerksamkeit willkommen geheißen werden, verbrennen sich diese Gefühle selbst und lassen nichts als Stille zurück. Sein Sie wachsam, für alles bereit,
was erscheint, und Sie werden sich bald als der nicht involvierte Zuschauer Ihrer Gedanken vorfinden.

Sobald das eine gefestigte Tatsache ist, werden Sie nicht an Gedanken gebunden sein, egal ob sie sich zeigen oder nicht.

 

Wenn ich Sie also richtig verstehe, dann gehe ich, wenn ich
vom Arbeitspensum, das morgen zu erledigen ist oder von
familiären Problemen, von Fantasien oder Tagträumen heimgesucht werde, ihnen weder passiv nach, noch vertreibe ich sie – vielmehr verschiebe ich das Gewicht vom Gedanken auf seine Beobachtung. Dann, so sagen Sie, wird er sich in der
Beobachtung auflösen, richtig?
Ja.
Kommen Gedanken trotzdem hoch, wenn ich die nicht-gerichtete Aufmerksamkeit erst einmal empfunden habe? Oder kommen und gehen sie dann schneller, ohne zu einer ausführlichen Geschichte zu werden?

Sie werden nicht mehr formuliert.

Sodass eine Zeit kommt, in der Gedanken überhaupt nicht
mehr formuliert werden und es nur noch den Impuls gibt
zu
denken?

Selbst diese Schwingung löst sich auf. Dafür gibt es dann
keinen Brennstoff mehr. Das Subjekt erhält das Objekt
aufrecht. Wenn es kein Subjekt mehr gibt, hat das Objekt keinen Halt.

Wenn Sie in Bezug auf das Kommen und Gehen von
Gefühlen und Gedanken aktiv oder passiv sind, sehen und
agieren Sie vom Ego-Zentrum aus, aber wenn Sie die illusionäre Natur dieses Zentrums erkennen, sind Sie automatisch
raus aus diesem Prozess. Es ist der plötzliche Tod aller gelenkten Energie.

Während der Beobachtung des Denkens oder von subtilen
Impulsen gibt es immer noch eine Subjekt-Objekt-Beziehung.
Es bezieht sich immer noch auf ein Zentrum. Wenn Sie im
Gewahrsein sind, gibt es kein Zentrum mehr. Gewahrsein ist
sich seiner Umgebung und seines Gewahrseins gewahr.

Die Umgebung erscheint im Gewahrsein. Deshalb gibt es letzten
Endes keine Notwendigkeit, ins Meditationslaboratorium zu
gehen, weil es kein Objekt, keinen Gedanken oder Pulsieren
mehr gibt.

Dann scheint es so zu sein, dass es vom Zustand des erregten
Verstandes bis hin zum Verschwinden des Pulsierens zu denken und zu projizieren eine Übergangsphase gibt. Ist das so?

Gleich von Anfang an betonen wir den ultimativen Nicht- Zustand, das Gewahrsein selbst. Da gibt es keine Entwicklung, von einem Zustand oder einer Ebene auf eine andere. Gedanken und Pulsieren tauchen in diesem Gewahrsein auf.
Man kann in der Meditation keinen Fortschritt machen.

Es gibt keine Evolution des Bewusstseins. Erfahrungen und Experimentieren tauchen im natürlichen Nicht-Zustand auf. Im
Vorwärtskommen gibt es kein Vorwärtskommen. Entwicklung und Übergang erscheinen gleichermaßen in dem Kontinuum, das niemals vorwärts kommt noch rückläufig ist.

Wenn es kein Fortschreiten gibt, was ist dann Erinnerung?

Erinnerung ist eine Art zu denken. Wenn es einen Gedanken
gibt, erscheint der Gedanke im Jetzt. Wir nennen es vor 2000
Jahren oder gestern, aber die Benennung ist auch ein gegenwärtiger Gedanke. Es gibt nur jeweils eine Funktion zu einer gegebenen Zeit, deshalb sind Sie im Augenblick des Funktionierens eins mit der Funktion.

Wenn ich eins mit der Funktion bin und nichts außerhalb
davon ist, wie kann sie dann später in der Zeit erinnert werden?

Die Tatsache, dass sie erinnert wird, setzt voraus, dass sie in
Ihrer globalen Bewusstheit erscheint. Das ist es, was wir mei-
nen, wenn wir sagen, dass das Bewusstsein und sein Objekt
eins sind.

Es wird manchmal auch Bezeugen genannt. In dieser globalen Bewusstheit tauchen die Dinge aus der sogenannten Vergangenheit oder Zukunft auf, aber sie alle gehören zur
universellen Gegenwart.

Deshalb gibt es in Wirklichkeit kein Gedächtnis. Es ist eine Funktion im Gewahrsein, im Bezeugen.

Wann bezeugen wir unsere Handlungen?

Sie bezeugen Ihre Handlungen immer, also versuchen Sie
nicht zu bezeugen. Bezeugen ist keine Funktion und kann
nicht dargestellt werden. Es ist ungemein wichtig, dass Sie
realisieren, dass Sie der Zeuge sind. Sie können nicht versuchen, Zeuge zu sein.

Es genügt, dass Sie sich vollkommen gewahr werden, dass Sie der Zeuge sind, weil das die alten Muster beseitigt und Ihre Gewohnheit, sich selbst für den Denkenden und Handelnden
zu halten.

Wenn Sie handeln, sind Sie eins mit der Handlung. Erst im
Nachhinein eignet sich das Ego die Handlung an, bei der es
abwesend war und sagt: „Ich habe das getan.“ Im Augenblick
des Handelns ist da nur Handeln, ohne einen Handelnden.
Sobald das sich einmischende Subjekt als nichtexistierend
erkannt ist, verschwindet es. Was bleibt, ist reines Bewusstsein.

Ohne das Egosubjekt kann es keine Subjekt-Objekt Beziehung geben, und damit kann das, was ein Objekt zu sein
schien, richtig gesagt nicht länger eins sein. Es ist nichts anderes als ein Ausdruck dieser Wirklichkeit, dieser Stille.

Sollten wir uns nicht ein bisschen bemühen, uns selbst zu
verbessern?

Was wollen Sie verbessern? Sie sind vollkommen. Decken
Sie die Person auf die glaubt, dass etwas fehlt; was dann
bleibt, ist Perfektion. Was falsch ist, verschwindet von allein,
sobald es als falsch erkannt worden ist.

Sie identifizieren sich mit Ihrem Körper und Verstand, deshalb wollen Sie sich verbessern. Sie werden von diesen Instrumenten genau so lange dominiert werden, wie Sie an sie glauben.

In dem Augenblick, in dem Sie nicht länger glauben, dass Sie
der Körper und Verstand sind, wird die Energie, die für diesen
Irrtum verbraucht wurde, befreit. Lassen Sie dem Verstand
und dem Körper die Freiheit, zu sein, was sie sind, und Sie
werden nicht länger ihr Sklave sein. Sie sind nur Bruchstücke
des Ganzen, das Sie sind.

Nehmen Sie Ihre Unzulänglichkeiten einfach zur Kenntnis und das Gewahrsein wird sich darum kümmern. Wenn Sie erst verstanden haben, dass Sie nicht der Körper und Verstand sind, dann können Sie annehmen, was ist. Ihre fundamentale Autonomie zu verstehen, führt Sie zur Haltung vollkommener Akzeptanz.

Jedes einzelne Ding wird im Licht dieser Einladung gesehen,
alles taucht darin auf und löst sich darin auf. Das führt dazu,
dass die Dinge ihre volle Bedeutung erlangen und sich Harmonie selbst wiederherstellt. Diese Begrüßung ist ein aufmerksames Gewahrsein, unbewohnt von Vergangenheit.

Sie erlaubt allem, was sich zeigt, sich selbst in der Begrüßung zu
entfalten und weist auf das Willkommensein hin, ohne durch
das Ego begrenzt oder durch die Erinnerung deformiert zu
sein. In diesem Einssein entdecken wir unsere Natur:
Ultimative Freude, und Vollkommenheit.

Jean Klein

Reaktionen

Es mag schon sein, dass das Lesen von Nonduality-Büchern den spirituellen Sucher nicht wirklich weiterbringt, im schlimmsten Fall sogar vom Gesuchten wegführt, da die Gefahr gross ist, dass das Mitgeteilte zu neuen Konzepten ermuntert, die zwangsläufig wieder der dualen Welt angehören. Aber schön sind sie halt doch, die Reden der Meister, sie zeugen von einer Klarheit der Anschauung, die tief beeindruckt, wie eine schöne Naturlandschaft. Man kann einzelne Sätze herauspicken und darüber eine Woche meditieren. Etwa: »Befreiung hat nichts mit der Person zu tun, da Befreiung Freiheit von der Person ist.« Oder: »Wir können das Selbst nicht denken, weil wir es sind.« Oder: »Willen geht nie über Willen hinaus.« (also lohnt keine Suche). Das sind doch inspirierende Gedanken, so recht geeignet, unsere vermeintliche Realität in Frage zu stellen und ein Fingerzeig auf eine Freiheit jenseits davon. Was will man mehr von einem Buch?

Jürg Löffler