Gott.Mensch.Sein - Cover

Leseprobe

Nietzsches Erwachen

Die Dualität vollkommen willkommen heißen

Irgendwann ist alles gesagt. Darum schwieg ich irgendwann.
Alles andere wäre ebenso originell, wie zweimal in denselben Abgrund zu springen. Nein, der eine Sprung, der Sprung über sich selbst hinaus, ins Ungewisse, das ist der Sprung, um den es geht. Dieser Sprung kann nicht wiederholt werden, weil er nur in diesem einen Augenblick möglich ist. Über diesen Augenblick bestimme ich nicht selbst, beileibe nicht!

Und doch habe ich durch all mein Reden nichts anderes
vermocht, als das zu stärken, was ich schwächen wollte, –
eben weil es nichts zu stärken und nichts zu schwächen gibt!
Die von uns erlebte Wirklichkeit lässt sich nur als Dualität
erleben. Anders kann sie sich nicht verwirklichen.

Damit ist die Verwirklichung immer schon etwas anderes als
das, was sie zu verwirklichen sucht. Das war mir zutiefst bewusst – ich wusste es tiefer, als alles was ich weiß,
und trotzdem war ich unfähig, mich von diesem Wissen leiten
und inspirieren zu lassen.

Die Dualität willkommen zu heißen, ohne sie als Ausrede zu benutzen, darin besteht die Verwirklichung, in der nichts von mir übrig bleibt. Diese Einsicht, die ein Einsehen in die Dinge hat, geht über die Dualität hinaus, aber einsichtig bin ich nicht gewesen – und wollte es auch gar nicht sein!

Im Gegenteil:
Ich selbst habe das Spannungsfeld der Dualität wie die Luft
zum Atmen gebraucht. Ich selbst bin in diesem Spannungsfeld meinem Namen treu geblieben. Advaita, Nicht-Zwei – die vorschnelle Rückführung auf das Eine.

Nein! Das Leben ist nicht mit denen, die sich nach dem Tod
sehnen. Es fegt über sie hinweg – und lässt sie in ihrer
Selbstversenkung sitzen! Mir schien es immer vernünftiger,
das Relative absolut zu setzen, statt sich ins Absolute zu flüchten – was nicht gelingen kann, weil sich der Flüchtende
auf seiner Flucht bis in alle Ewigkeit begleiten muss!

Also, warum nicht augenblicklich erfahren, was,
da es nun einmal Erfahrung ist, nicht zu vermeiden ist?
Wozu im Nirgendwo einer reinen Vermutung Asyl suchen?
Mir war die Wahrheit immer egal, weil „die Wahrheit“ keine Fürsprecher braucht,  weil sie sich nicht erreichen lässt.

Ich sage es einmal so:
Das erste Bild, der erste Gedanke, das ist die erste
erscheinende Wirklichkeit. Sie nennt sich Traum.
Und nichts kann wirklicher sein, als es im Traum erscheint.
Das liegt auf der Hand! Das zweite Bild, der zweite Gedanke,
ist die relative Wirklichkeit der Reflexion. Was nicht heißen
soll, dass Reflexion kein Traum ist!

Nur der Wahrhaftige erkennt in Bildern und Gedanken das,
was sie sind: Bilder und Gedanken. Natürlich tragen sie zu unserer Wirklichkeit bei. Natürlich bilden sie eine Wirklichkeit ab, die stets veränderlich ist. Aber niemals können diese Gedanken und Bilder die Wirklichkeit ersetzen!

Nur der angstvolle Narr, der sich vor sich selbst fürchtet, will
da noch zum Gesicht hinterm Gesicht vordringen! Er fürchtet sich vor dem, was er sieht, statt darin die ausdrückliche Wirklichkeit des Augenblicks zu erkennen.
Das Bewegliche ist ein Hinweis auf das, was sich seiner selbst
vollkommen sicher ist.

Was das ist, das lässt sich unmöglich sagen,
und es will auch nicht gesagt sein.
Wahrheit ist immer wieder nur ein Wort –
und das, was kein Wort ist, ist sich selbst unbekannt.
Es bleibt unentdeckt und kann nicht auftauchen.

Und wenn es doch auftaucht, bildet es sich das Bewusstsein
ein. Schließlich ist das Unentdeckte, das sich selbst
entdeckt, was das Bewusstsein ausmacht! Und damit ist es eben nicht mehr deckungsgleich mit sich selbst.
Vielmehr tritt es sich auf der weiten Bühne des Bewusstseins
als das gegenüber, was bewusst gemacht ist, und wird schon dadurch zu etwas anderem.

Ich selbst habe mir nichts anderes als Worte gegönnt.
Ich konnte die Stille nicht fassen, und wenn ich sie fasste, war sie als das Erfasste bereits etwas anderes als Stille!

So mied ich die Stille aus Respekt vor mir selbst. Ich wollte nur mich selbst. Mich, als dieses Leben. Als ewige Wiederkehr, die sich in diesem Augenblick als das Tatsächliche offenbart.

Ich wollte am Abgrund leben, die Dualität mit Mitteln der Dualität besiegen, mir nicht den Schein des Friedfertigen geben, mich vor den nicht zu überwindenden Widersprüchen nicht in eine falsche Heiligkeit wegducken.

Ich wollte immer erst in den Abgrund schauen, ihn dann aber auf keinen Fall überwinden. Denn damit wäre alles an mir obsolet gewesen. Es wäre um mich als Kämpfenden geschehen gewesen. Ich aber wollte den Kampf aushalten,
den Kampf des Lebens in mir nachvollziehen.

Mich selbst zu opfern, um den Widerspruch nicht am eigenen Leib zu erfahren, genau das kam mir nicht in den Sinn! Ich sträubte mich mit allem, was ich war, vor dem Untergang – ein ganz natürlicher Lebensreflex!

Natürlich ist es wahr, dass ich mich immer wieder selbst betrogen habe, betrügen musste – um weiterhin wahrhaftig bleiben zu können. Denn nichts ist schwerwiegender, nichts wiegt schwerer, als sich selbst in seinen Motiven immer
wieder als gefälscht und damit als Fälschung des eigenen Hierseins zu erkennen.

Die Gnadenlosigkeit der Wüstensonne macht es erforderlich,
hin und wieder in einer gedanklichen Oase Zuflucht zu suchen,die schon andere aufgesucht haben. Einfach, um sich dem schönen Glauben hinzugeben und einmal richtig auszuruhen. Das ist eine Schwäche, die ich mir dann doch nicht versagen wollte.

Ich war allein auf meinem Weg. Ich allein wusste, wie schwer er zu erschließen ist. Ich weiß, was es heißt, allein auf dem Weg und damit dem Sternenlicht, der klirrenden Kälte und der eigenen Schwäche ausgeliefert zu sein – statt einen bequemen Glauben anzunehmen, der einen besser schlafen lässt. Aber hin und wieder habe ich es mir gegönnt, mich beim kleinen Glück am Wegesrand von mir auszuruhen.

Ich stand in Opposition zu fast allem – nur nicht zu mir selbst. Stattdessen habe ich mich einfach derart komplex gedacht,
dass ich in jedem Augenblick an jedem beliebigen Punkt als Meinung im Universum auftauchen konnte. Und da, wo ich war, gab es auch immer das, was ich nicht war.

Wichtig war nur, dass sich der Gedanke in diesem Augenblick
wie mein Gedanke anfühlte, dass er mir das Gefühl verlieh, mich zu mir selbst zu inspirieren. Für einen Gedanken konnte ich mich wie ein Löwe ins Getümmel stürzen, um ihn mit der Grazie eines wahren Königs zu verteidigen.

Diese Aufgabe machte mich lebendig. Sie gab mir die Kraft,
den Kampf um mich selbst als wahres Individuum zu führen.
Der Kampf um das Recht, um das Rechtmäßige interessierte mich dagegen überhaupt nicht.

Recht ist etwas für Schwächlinge, sich auf das Recht zu berufen sowieso. Wenn schon, dann möchte ich mir das Recht erkämpfen. „Die Philosophie ist eine Rache an der Wirklichkeit“, so habe ich es einmal genannt.

Während die Wirklichkeit wirklich ist, gleicht der Philosoph einem Zanksüchtigen, der weiß, dass seine Philosophie vor der Wirklichkeit nicht bestehen kann, und schlimmer noch: Er weiß insgeheim, dass er immer nur mit sich selbst kämpft.
Und so ist der Mensch beides:

Ein ewiges Ringen mit sich selbst, um sich selbst und ein zu kurz angebundenes Tier auf der Weide, das den Kopf niemals hebt, weil es ihm genügt, wenn es fressen und wiederkäuen darf. Eines habe ich mein Leben lang gering geschätzt – den Augenblick – als Wort, als Metapher und als Tatsache.

Für mich war der Augenblick nie Tatsache, weil es mir immer nur um den Zusammenhang ging. Anders hätte ich mich und meine Götterwelten nicht
inszenieren können.

Daniel Herbst

Reaktionen

… Nein, das Dasein zu leugnen ist nicht nach meinem Geschmack. Mich an das Dasein zu verschwenden, mich zu verschwenden, weil es mich gibt, danach seht mir der Sinn. Und ich sage: Das ist der Sinn! Es ist deutlich und offensichtlich, das ich mir in jedem wirklich gelebten Augenblick allein deshalb entgehe, weil ich
mich darin nicht festhalten und nicht zu mir kommen und so auch nicht zu mir werden kann. Einfach, ich werde nicht fest! Deshalb gilt mir das Spiel als höchste Kunst… DANKE Daniel… großes Kino dein Buch!

Harald