Stille – Gespräche mit Samarpan

Lebensgefährliches Leben

Samarpan: Ich habe vor kurzem folgende Erfahrung gemacht: Ich habemeinem Bruder eine E-Mail geschickt. Wir hatten uns seit einiger Zeit ziemlich viel geschrieben, er schickt mir echt gute Witze.
Auf einmal kam die E-Mail zurück. Ich verstand das nicht. Nichts hatte sich geändert, ich hatte die gleiche E-Mail-Adresse, und er hatte die gleiche E-Mail-Adresse. Das wunderte mich ziemlich. Dann wollte ich ihn anrufen, um herauszufinden, was los war, und bemerkte, dass ich seine Telefonnummer nicht hatte. Und nicht nur das, ich wusste auch nicht, wie man die Auskunft in Amerika anruft. Diese simplen Dinge haben mich total verblüfft.

Ich habe zum Glück einen Freund, der solche Sachen beherrscht. Er hat mir nicht nur die Telefonnummer von meinem Bruder verschafft, sondern auch dasE-Mail-Problem gelöst. Er hat es mir erklärt, aber ich verstehe es immer noch nicht. Es ist ja auch egal, es funktioniert wieder. Das ist alles, was ich verstehe. Früher kannte ich mich mit solchen Sachen aus. Ich war Handwerker und
habe alles hingekriegt. Aber nachdem ich nach Deutschland gezogen war, konnte ich das alles nicht mehr.

Wenn man auf eine solche Art unfähig
wird, ist das eine Erfahrung, die einen sehr bescheiden macht. Gott ist es egal, was du kannst oder nicht kannst, das Leben sorgt weiter für dich. Ist das nicht schön? Wir müssen nicht fähig sein, wir müssen
nichts beweisen. Das Leben sorgt für uns. Wenn ich nicht weiß, wie etwasgeht, ist  jemand  da, der es weiß. Das Leben unterstützt uns so, wie wir sind. Unsere Programmierung sagt, wir müssten uns beweisen, wir müssten fähig sein, wir müssten uns kümmern, wir müssten etwas erreichen, wir
müssten jemand werden, wir müssten an die Zukunft denken, all dieses Zeug.

Ich habe nie an die Zukunft gedacht, und ich habe es immer falsch gemacht. Wenn ich mal einen guten, sicheren Job hatte, habe ich gekündigt. Ich wollte lieber ein interessantes Leben als ein sichereres, langweiliges. Das Leben soll nicht sicher sein, es sollte aufregend sein, Spaß machen, ein Abenteuer sein. Es kann übrigens nicht sicher sein, das ist gar nicht möglich. Wir können uns höchstens in der Illusion von Sicherheit wiegen. In Amerika lebten sie in der Illusion von Sicherheit – bis zum 11.9., dann brach das World Trade Center zusammen und damit die Illusion. Illusionen brechen einfach zusammen. Aber wir versuchen, sie uns wieder aufzubauen, die Illusion der Sicherheit, und wir untersuchen, warum dies geschehen ist und warum es nicht hätte geschehen sollen, wer was wusste und wer
was hätte tun sollen…, aber es gibt in diesem Leben keine Sicherheit.

Ich bin ein großer Filmfan. In Filmen gibt es mehrere Zutaten. Die Hauptzutat ist, dass Gefahren überwunden werden müssen oder etwas zu gewinnen oder zu verlieren ist, dass da ein Mann hinter einer Frau her ist oder eine Frau hinter einem Mann – all die Zutaten, die wir im Leben interessant finden. Da gibt es nicht allzu viele Zutaten. Es gibt Leben und Tod, Geld gewinnen
und verlieren, Macht erlangen und verlieren und dann natürlich Beziehungen und Sex und alle möglichen Variationen davon. Daraus besteht das Lebensdrama, das ist es, was das Leben interessant macht, das sind die Zutaten für unsere Geschichte, und wir brauchen diese Zutaten, damit die
Geschichte interessant ist.

Interessant ist, dass in unserer zivilisierten Gesellschaft alle Bestrebungen dahin gehen, es uninteressant zu machen. Wir wollen es sicher machen, wir wollen es so langweilig wie möglich machen. Wir wollen, dass unsere Kinder sicher sind, dass sie in die Schule gehen, in der Schule keine Probleme haben, alle die gleichen Dinge lernen, heranwachsen und einen Job bekommen, in dem sie für immer bleiben, und dass sie heiraten und Kinder bekommen und das gleiche langweilige Leben führen. Das ist das Programm, oder? Fragt sich irgendjemand, warum es eine gute Sache sein sollte, durch den Horror der Kindheit zu gehen und durch die Schmerzen der Schule, um dann dreißig, vierzig Jahre lang unter einem Job zu leiden?

Nur um zu sterben, um wiederzukommen und das alles wieder von vorn anzufangen? (Lacht) Lustiges Spiel, oder? Und dann kratzen wir uns am Kopf und versuchen herauszufinden, warum wir das machen. Irgendwie hat es keinen Sinn. Also warum?

Der Punkt ist, dass wir das wahre Spiel verpassen. Das wahre Spiel ist, das Spiel zu entdecken. Alles andere ist nur ein Spiel im Spiel. Das wahre Spiel ist, in diesem Spiel aufzuwachen, zu entdecken, dass du nicht die Figur in dem Spiel bist, nicht dieser Mann, diese Frau, die oder der auf den
Namen hört, der in deinem Pass steht, sondern dass du nichts als Gott bist, der dieses Spiel spielt. Und dass du nicht verlieren kannst, und dass du nicht wirklich sterben kannst. Nur die Figur im Spiel stirbt, nur der Körper im Spiel stirbt. Du stirbst nicht. Du warst immer.

Wir haben das wahre Spiel aus dem Blick verloren; wir haben vergessen, dass wir hier nur spielen, dass wir einfach zum Spaß hierher gekommen sind. Wir haben angefangen, es ernst zu nehmen, und dann leiden wir, weil  es nicht so läuft, wie wir denken, dass es laufen sollte, und weil wir nicht das bekommen, was wir unserer Meinung nach haben sollten. Und wenn wir es bekommen, ist es sowieso nicht wirklich befriedigend. All das sind Hinweise, sie weisen alle auf das wahre Spiel hin. Leid ist ein Hinweis, Langeweile ist ein Hinweis, Angst ist ein Hinweis, das sind Hinweise, die
alle auf die gleiche Wahrheit deuten. Alles, was du tun musst, ist innehalten. Halte einfach im Moment inne, und du wirst hierher geführt werden, einfach von selbst.

Es wird einfach offensichtlich. Deine wahre Identität wird hier enthüllt, und du musst dafür nichts tun, einfach nur innehalten. Das ist alles, was wir hier tun, einfach innehalten. Wir denken nie ans Innehalten, nein, wir tun die ganze Zeit alles Mögliche außer inne zu halten. Jemand hat Papaji mal gefragt: „Wie können wir erwachen?“ Er sagte: „Hört einfach auf zu reden!“ Es ist einfach: Halte den Mund, das ist alles, was nötig ist.

Wir tun alles, um nicht zu erwachen und dann fragen wir: „Wie können wir erwachen?“ Wir tun alles, um die Illusion aufrechtzuerhalten, die Geschichte am Leben zu halten. Das bedeutet viel Anstrengung,
aber Erwachen ist einfach. Die Illusion aufrechtzuerhalten bedeutet viel Anstrengung…

Samarpan-Stille Gespraeche-Buchcover im Noumenon Verlag

Bedingungsloses Annehmen von allem, was ist – geht das überhaupt? Für den Satsang-Lehrer Samarpan, der beständig und regelmäßig an vielen Abenden im Jahr zu Gesprächen einlädt, ist dies der Königsweg. Wer auf der Suche nach Wahrheit ist und wer sich für den Weg des Advaita interessiert, für den ist dieses Buch eine wertvolle Hilfe.

Im Laufe der Zeit hat Samarpan an Tiefe und Klarheit hinzu gewonnen. Doch meint er auch heute: “Ich bin stets am Anfang”. Anders als im ersten Buch finden sich hier Gespräche zu ganz konkreten Themen und Problemen, die wir alle haben. Mit Humor, Klarheit und großem Verständnis führt Samarpan den Fragenden stets zum Wesentlichen zurück. Wer Samarpan kennt, für den ist die Frage: “Spüre: Was ist jetzt?” sehr vertraut.

Dieses Hinspüren bewirkt, dass die Gedanken stille werden. Mit viele Liebe zum Detail wurden hier Wissen und Gesprächsauszüge zusammengetragen. Die Dialogform lässt nachvollziehen, wie Samarpan den Fragenden beim Denken – oder, vielmehr beim Nichtdenken – hilft.

Jedes Gefühl wirklich fühlen, authentisch und ehrlich das spüren was ist – wie das geht und warum das so wichtig für den inneren Weg ist, wird im Buch gut erklärt. Schon beim Lesen entsteht ein Frieden und das Bedürfnis, selbst mehr im Hier und Jetzt anzukommen. Neben vielen Probleme und Sorgen, fragen Sie sich doch mal: Was ist hier und jetzt? Was fehlt hier und jetzt, in diesem Moment?…

Thomas Schmelzer

Adresse

Noumenon Verlag
Lornsenstraße 14
22767 Hamburg 

Abonnieren