Über alles Erfassen hinaus

Das eingebildete Problem

 

Ich habe einiges an Schrecklichem in meinem Leben durchgemacht,
von dem manches wirklich passiert ist.

Mark Twain

Frage dich zuerst: „Wer ist es, der Befreiung sucht, der sich selbst für gefangen hält?“ In dieser Frage wirst du die Antwort finden. Du wirst erkennen, dass da nichts ist. Da ist niemand.

 Jean Klein

Für uns könnte sich das größtmögliche Problem ereignen, und ich meine damit die größte vorstellbare neurotische Obsession, und trotzdem wäre das alles nichts als gegenwärtige Erfahrung. Dieses Verstehen befreit vollkommen, sobald es uns vertraut ist.

Der Mensch hat lange nach dem Grund des Seins gesucht, nach der Quelle und Grundlage des Lebens selbst. Atome, subatomare Teilchen, Strings, Bewusstsein, Gewahrsein, Gott, ursprüngliche Energie – viele Möglichkeiten sind im Laufe der Jahrhunderte durch Wissenschaft, Metaphysik und Religionen hervorgebracht worden. Ob die Wissenschaft auf astronomischer Ebene nach „außen“ schaut oder auf subatomarer Ebene nach „innen“, immer verschieben sich dadurch die vorherigen Grenzen. Es ist sogar herausgefunden worden, dass der Akt des Beobachtens das verändert, was beobachtet wird – dass Objektivität nicht existiert.   

Wir fragen uns, ob die Welt „wirklich so ist“, wie wir sie wahrnehmen und entdecken auf unzähligen Wegen, dass die Wahrnehmung unzuverlässig ist, dass sie ausgetrickst werden kann. Trotzdem neigen wir dazu, die offensichtliche Tatsache zu übersehen, dass das Sosein des gegenwärtigen Wahrneh-mens ganz ohne Zweifel stattfindet. Wir können uns fragen, ob die Pistole, die wir in der Hand eines Menschen gesehen haben wollen, wirklich eine Pistole oder ein Handy war, eine optische Täuschung, eine Illusion, aber wir können nicht die schlichte Soheit der pistolengleichen Form anzweifeln, die reine Wahr-nehmung selbst. Und tatsächlich ist jede Schlussfolgerung darüber zweifelhaft, was das Objekt „wirklich“ war (oder ist), und das deshalb, weil es nicht wirklich ein getrenntes und beständiges Objekt „da draußen“ gibt, das von der Nahtlosig-keit der gegenwärtigen Erfahrung getrennt ist. Und es gibt auch kein getrenntes und beständiges Subjekt „hier drin“, das getäuscht werden kann.

Weil wir dazu neigen, unseren konzeptuellen Interpretationen mehr Aufmerksamkeit zu schenken als der nackten Wirklichkeit des Seins, sind wir leicht zu verwirren und schnell bekümmert. Wir können nicht verstehen, wie Menschen auf der entgegengesetzten Seite des politischen Spektrums so vollkommen und unerträglich blind demgegenüber sein können, wie die Welt „wirklich“ ist. Oder wir sind besorgt darüber, dass die von uns wahrgenommene Welt eine von feindlichen Maschinen entworfene Wirklichkeit sein könnte, die dazu dient, uns zu täuschen und zu versklaven, dass sich herausstellen könnte, dass wir Gehirne in Fässern sind.

Oder wir hören, dass es eine minimale Zeitverzögerung in der Wahrnehmung gibt, wodurch wir immer nur die Vergangenheit wahrnehmen, so, als ob wir durch die Rückscheibe des Autos auf die Landschaft schauen würden, die hinter uns verschwindet. Das scheint sehr beunruhigend zu sein: Denn wie können wir ein Auto lenken, wenn wir nicht sehen können, wo wir gerade sind und noch weniger, wohin wir fahren? Oder wir stimmen zu, dass alles ein ungeteiltes Geschehen ist, sind aber besorgt, dass „ich“ es nicht erfahren könnte. Oder wir stimmen damit überein, dass alles nur eine traumgleiche Erscheinung ist und dass das Selbst nur eine Illusion ist, und dann fragen wir, was wir jetzt machen sollen. Das alles scheinen berechtigte Bedenken zu sein, wenn wir an die dualistischen Annahmen und Missverständnisse glauben, die diesem Rätsel zugrunde liegen.

Aber wer genau ist es, der diese Bedenken hat, der im Zentrum dieses verstörenden Szenarios zu stehen scheint, der sich selbst einbildet, etwas von der gegenwärtigen Erfahrung Getrenntes zu sein, der denkt, dass er den Wagen zu lenken hat, der besorgt ist, dass er überlistet wird? Und wo finden diese Szenarien statt, ob „wirklich“ oder „eingebildet“? Wir können denken oder uns einbilden, dass es eine Welt außerhalb des Bewusstseins gibt, vom Bewusstsein unabhängig, aber dieser Gedanke oder diese Vorstellung ereignet sich einzig und allein im Bewusstsein.

In Wirklichkeit erfahren wir niemals etwas außerhalb des Bewusstseins – und wo ereignet sich das Bewusstsein? Wenn wir das Gehirn aufschneiden, werden wir den Raum nicht finden, in dem wir gerade zu sitzen scheinen, oder die Welt oder die Landschaften unserer Träume und Vorstellungen. Wo genau passiert das alles also? Wenn du darauf nach Antwort suchst, fällst du bereits auf das eingebildete Problem herein, und alles, was du findest, wird wieder nur ein weiteres Objekt sein, das im Bewusstsein erscheint. Es ist bemerkenswert, dass all diese Probleme jede Nacht im Tiefschlaf zusammen mit demjenigen, der sie zu haben scheint, verschwinden.

Jahrhundertelang haben wir geglaubt, dass unser Planet, von dem wir annahmen, dass er flach ist, das Zentrum des Universums bildet. Dann entdeckten wir, dass sich die Erde um die Sonne dreht und dass sie nur einer von vielen Planeten in einem von vielen Sonnensystemen in einer von vielen Galaxien ist und plötzlich schien das ein gottloses Universum zu sein, in dem kein gutmütiges Wesen herrschte und über uns wachte. Wir haben auch viele Jahrhunderte lang geglaubt, dass jeder von uns ein Jemand ist, ein vollziehendes Selbst mit freiem Willen, das seine Gedanken autorisiert und seine Handlungen wählt. Die jüngsten Ergebnisse der Hirnforschung haben zunehmend gezeigt, dass dieses Bild auf ebenso absurde Weise falsch ist, wie sich die Erde flach im Zentrum des Universums vorzustellen. Einmal mehr sind wir in metaphysische Unsicherheit und Verzweiflung geworfen worden. Nicht nur, dass es keinen Gott gibt, der das Schauspiel lenkt, jetzt sieht es auch noch so aus, als gäbe es kein „(m)ich“, das das Schauspiel lenkt. Schreck!

Aber was hat sich durch diese wissenschaftlichen Entdeckungen wirklich verändert? Nur unser konzeptionelles Bild, unsere Vorstellung, unsere Geschichte über unsere Situation, unsere Karte der Wirklichkeit. Die neue Karte lässt neue Geschichten, neue Einbildungen und neue Ängste wachsen – und sie alle erscheinen als sehr wirklich.

Erschrocken darüber, selbst nicht mehr als ein hilfloser Roboter zu sein, der durch Selbst-Gewahrsein verflucht ist und durch ein kaltes, bedeutungsloses, nihilistisches Universum voll Schwarzer Löcher treibt, versuchen wir verzweifelt, unsere Not zu lindern. Verzweifelt auf der Suche nach einer Lösung für unser eingebildetes Problem streicheln wir unsere Handys und Mobilgeräte, beginnen mit Meditation, machen Yoga, eilen von einem Satsang zum nächsten und lesen zahllose Bücher über Nondualität. Und obwohl es kurze Augenblicke des Glücks und der Zufriedenheit gibt, Augenblicke, in denen wir die eingebildeten Probleme vergessen, stellen wir fest, dass alle Lösungen letzten Endes enttäuschend sind. Für viele von uns ist der nagende Zweifel immer da, die hartnäckige Unsicherheit, dieses grundlegende Unwohlsein, egal wie leidenschaftlich wir an unsere zuletzt angenommene Religion glauben, an unseren neuesten Guru, an unsere letzte Garnitur Antworten. Und wir wollen ganz bestimmt nicht wie unsere Vorfahren durch falsche Schlussfolgerungen betrogen, überlistet, beschwichtigt oder zum Narren gehalten werden. Wir sind ständig auf der Hut. Skepsis wird zu unserem Weg, die sich oft mit Leichtgläubigkeit und kurzen Anwandlungen auf hoffnungsvoll neue Lösungen abwechselt. Mit Glück bemerken wir, dass sich das ungute Gefühl in nichts auflöst, wenn wir nicht mehr vor ihm weglaufen. Wenn wir all unsere Überzeugungen und Vorstellungen aufgeben und aufhören, nach Antworten zu suchen, verschwindet das Problem.

Das scheinbare Problem existiert nur, wenn es die irrige Vorstellung gibt, dass wir getrennt von unserer Erfahrung sind. Alle unsere Zweifel und Leiden beziehen sich und kreisen um die illusorische Wahrnehmung eines getrennten Selbst.

Das getrennte Selbst sucht nach einer Bedeutung und versucht, die Wahrheit über das Universum herauszufinden, als ob Wahrheit etwas außerhalb der gegenwärtigen Erfahrung wäre, das herausgefunden werden könnte, als ob Bedeutung etwas „da draußen“ wäre, das gefunden werden kann. 

Aber wenn wir uns in das hinein entspannen, was Hier/Jetzt ganz von allein anstrengungslos passiert, dann entdecken wir Frieden, Freiheit, Liebe, Freude – all die Dinge, nach denen wir „da draußen“ suchen. 

Natürlich ist es gefährlich, das zu sagen, weil der Leser dazu verleitet werden könnte, die gegenwärtige Erfahrung zu untersuchen, um darin nach Frieden, Freiheit, Liebe und Freude zu suchen – um dann zu beurteilen, ob diese Qualitäten da sind oder nicht. Aber genau dieses Zurücktreten, um die Erfahrung zu untersuchen, um nach etwas zu schauen, erzeugt augenblicklich eine Trennung, ein unangenehmes Gefühl, ein Fehlen, und dann tauchen Gedanken auf, die die Wirklichkeit dieses Mangels bestätigen und ihn persönlich nehmen, indem sie beteuern: „Ich habe nicht die Qualitäten, die sie beschreibt. Ich kriege es nicht. Ich bin ein Verlierer. Ich werde es wahrscheinlich niemals erfassen.“

Aber das „Ich“, das angeblich ein Versager ist, ist nur ein mentaler Eindruck, der einer Fata Morgana gleicht. Es lässt das Denken ebenso aus dem Nichts auftauchen wie den schein-baren Mangel. Das ganze Problem ist genauso eingebildet wie derjenige, der angeblich das Problem hat. Es tut nicht gut, das zu glauben – denn dann haben wir einfach nur eine neue Religion, die bald zweifelhaft wird. Beide zu durchschauen, das Problem und denjenigen, der es zu haben scheint, löst das eingebildete Problem, wann immer es sich zeigt.  

Und schau, wie schnell der Verstand sogar daraus eine neue Aufgabe macht, um das „Ich“ zu retten, eine Selbst-Verbesser-ung. Meine neue Aufgabe besteht darin, das eingebildete Problem zu durchschauen, damit „ich“ an einem verheißungsvolleren Ort ankommen kann und ein erleuchteteres „Ich“ werde. Und meine neue Geschichte besteht darin, wie gut oder armselig ich mich dabei anstelle. Das ist wieder derselbe alte Dreh.

Es gibt eine natürliche Sehnsucht danach aufzuwachen, nicht einfach nur für unser Selbstbild, und die hat mit dem natürlichen Ablauf des Lebens zu tun: Wunden zu heilen, Lösungen zu finden, zu klären, was verworren ist. Es ist Liebe in Aktion. Aber diese natürliche Hingabe unterscheidet sich von einer Obsession zur Selbstverbesserung, die von dem Missverständnis ausgeht, das sie zu beheben versucht. Wir können den Unterschied zwischen der Offenheit der Liebe und der Festigkeit des Erfassens spüren.

Aber erinnere dich daran, dass die Festigkeit, die irrigen Annahmen und die Wunden auch alle Teile des Lebens sind. Nichts wird ausgespart. Einheit schließt absolut alles ein…

Ueber alles Erfassen hinaus - Buchcover Joan Tollifson im Noumenon Verlag

Neben Jeff Foster, Scott Kiloby, Gangaji, Mooji, Eckhart Tolle und HO Gerhard Strauss, derzeit meine klarste Empfehlung, wenn jemand kompromisslose Hinweise auf DAS, was wir alle sind, finden will!

Christian Ruckerbauer

Adresse

Noumenon Verlag
Lornsenstraße 14
22767 Hamburg 

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