Gott.Mensch.Sein - Cover

Leseprobe

Über alles Erfassen hinaus …

Das Leben nicht persönlich nehmen: Was bedeutet das?

 

Wenn nonduale Lehren davon sprechen, die Ereignisse unseres
Lebens nicht persönlich zu nehmen (die „Lieferung nicht
anzunehmen“, wie Nisargadatta es gerne sagte), oder wenn
diese Lehren sagen, dass „die Person“ so etwas wie eine Fata
Morgana ist, bedeutet das nicht, dass die scheinbare Person
vollkommen zu verleugnen ist.

Es bedeutet auch nicht, dass sich „erleuchtete Menschen“ in strukturlose Kleckse eines ununterscheidbaren Nichts ohne Gefühle und Persönlichkeit verwandeln. Es bedeutet nicht, dass du deinen Namen aufgeben musst und überall darauf bestehst, dass du niemand bist, noch bedeutet es, dass das Ziel darin besteht, davon unberührt zu sein, wenn deine Frau stirbt und es nicht „persönlich zu nehmen“.

Es wird nicht auf Ablösung und Gefühllosigkeit hingewiesen,
sondern eher auf vollkommene Vertrautheit, ungefilterte Empfindsamkeit – auf die Abwesenheit von Trennung: Nondualität.

Nichts existiert unabhängig von allem anderen, und alles ist
nichts als unablässiger Wandel. Wenn wir geboren werden, ist
diese nahtlose Direktheit offensichtlich, wobei wir sie in dieser
Phase des Lebens natürlich nicht durch Worte konzep-tualisieren oder formulieren.

Aber wenn wir geboren werden, ist da einfach nur gewahre Präsenz und das ungeteilte Geschehen des Augenblicks – Hunger strömt herein, Essen strömt herein, Schlaf strömt herein, Geräusche und Formen und Farben und Wärme
und Bewegung.

Wir haben, soweit es uns in dieser Phase des Lebens betrifft, keinen Namen, kein Alter, kein Geschlecht, keine Rasse, keine Nationalität, keinen sozialen Stand, keine Absicht, keine Fehler, keine Geschichte.

All diese Dinge lernen wir. Wir lernen, an uns selbst als ein getrenntes, beständiges Individuum zu denken, das in einem Körper-Verstand eingekapselt ist, als jemand, der getrennt von dieser Welt ist, der in diese Welt hineingeboren wurde, als jemand, der „raus auf“ die Welt schaut und der „in“ ihr lebt.

Aber diese Trennung ist konzeptuell. Wenn wir nach diesem „Körper“ oder diesem „Verstand“ oder dieser „Person“ oder „dieser Welt“ schauen, finden wir nichts als einen umfassenden Fluss und endlosen Wandel, in dem alles nicht trennbar von allem anderen ist.

Das ungeteilte, grenzenlose Erfahren eines Babys, in dem das
Leben als ein ganzes, ungeteiltes Geschehen wahrgenommen
wird, ist immer noch hier. Aber im Erwachsenen ist diese
Erfahrung ununterbrochener Ganzheit überlagert und durch all
die Konzepte, die erlernt und dann über die nackte Einfachheit
des gegenwärtigen Erfahrens drübergelegt wurden, bis zu
einem gewissen Grad verdunkelt worden.

Wir haben gelernt, uns auf die Karte zu konzentrieren und nicht auf das Territorium. Wir übersehen, was am vertrautesten ist, am offensichtlichsten, am wenigsten zu leugnen – unser tatsächliches Erfahren des gegenwärtigen Augenblicks,
so wie er ist.

Stattdessen fokussieren wir uns auf die Geschichten, Bezeichnungen, Ideen, Überzeugungen, Erklärungen und abstrakten Kategorien darüber – die konzeptuelle Landkarte.
Ein Beispiel: „Chicago“ ist ein Wort, ein Konzept, eine
Benennung, ein Objekt auf einer Landkarte.

Aber auf welches tatsächliche Gebiet bezieht sich das Wort? Wir können nicht leugnen, dass es etwas gibt, dass wir „Chicago“ nennen, aber wenn wir anfangen, genauer danach zu schauen, was dieses „Etwas“ eigentlich ist, dann bemerken wir, dass wir nicht genau auf den Punkt bringen können, was „Chicago“ ist, da alles im Fluss ist.

In Wirklichkeit existieren seine Grenzen nicht, in Wirklichkeit sind sie veränderlich und vollkommen durchlässig. Das Schild „Willkommen in Chicago“ ruft eine rechtliche Grenze aus, aber auf dem Boden selbst (oder in der Luft) findest du keinerlei Trennung zwischen Chicago und der nächstliegenden Stadt.
Die Erde selbst ist ein fortlaufender, ungeteilter Prozess,
so wie die Luft.

Der See, der Chicago an einer Seite begrenzt, schwappt mit den Gezeiten und Wellen rein und raus und macht es so unmöglich, einen tatsächlichen Punkt festzulegen, an dem Chicago endet und Lake Michigan beginnt. Nur auf der Karte sieht Chicago wie ein festes, klar umrissenes Objekt aus. Aber in Wirklichkeit ist es nichts als ein unaufhörlicher Wandel.

Wir können Chicago nicht leugnen, aber wir können seiner auch nicht wirklich habhaft werden. Wir können nicht leugnen, dass Chicago eine einzigartige und bestimmte Persönlichkeit hat, einen Geschmack, der sich vollkommen von San Francisco, London, Mumbai oder jeder anderen Stadt unterscheidet.

Aber wieder, wir können nicht genau festmachen, was diese Persönlichkeit ist, da auch sie sich ständig verändert und unterschiedliche Gesichter von sich selbst zeigt.

 

Verschiedene Menschen sehen sie verschieden.
Wenn du in Chicago bist oder genauer, wenn sich Chicago
Hier/Jetzt zeigt, dann hat dieses Ereignis „Chicago“ eine nicht
zu leugnende Wirklichkeit – Gerüche, Geräusche, Gewebe,
Farben, Formen, Bewegungen – aber das alles ist eine flüchtige
Erscheinung, die nicht festgehalten werden kann.

Sie hat keine innewohnende, solide, beständige und objektive Wirklichkeit. Selbst die Gebäude, die so massiv zu sein scheinen, verfallen langsam. Und wie steht’s mit dem Wetter? Wir nehmen das Wetter in Chicago nicht persönlich – wir beschuldigen die Stadt nicht für einen wolkigen Tag.

Wir haben nicht das Gefühl, dass sich die Stadt durch einen Akt des freien Willens absichtlich zugezogen hat, dass sie es auf uns abgesehen hat oder dass sie sich nicht genug bemüht hat, sonnig zu sein.

Vielmehr erkennen wir, dass ein wolkiger Tag Ergebnis unzähliger Ursachen und Bedingungen ist, die keinen Besitzer, keinen Autor und keinen Darsteller kennen. Ebenso können wir nicht leugnen, dass es jemanden mit einer einzigartigen Persönlichkeit gibt, die wir „Joan“ nennen.

Aber wir können nicht genau sagen, was diese „Joan“ ist oder wo genau sie anfängt und wo sie endet oder wie ihre Persönlichkeit genau ist, da sich das alles verändert und bewegt und von allem anderen im Universum nicht getrennt werden kann, was allem Anschein nach „nicht Joan“ ist.

Wenn wir wirklich die Nahtlosigkeit und das „Zwischensein“ von allem erkennen und wie das alles ein ständig veränderliches Erscheinen ist, dann verwirklichen wir, dass es am Steuer im Innern von Joan ebenso wenig eine unabhängige Führung gibt, die ihr wolkiges Wetter wählt, wie es ein solches Wesen im Innern der Stadt Chicago gibt.

Wir geben Joan nicht die Schuld dafür, dass sie so ist, wie
sie ist. Ebenso, wie wir nicht versuchen würden, aus Chicago
Los Angeles zu machen, verschwenden wir nicht unsere Zeit
darauf, aus Joan eine andere machen zu wollen. Wir erkennen,
dass die einzigartigen Wettermuster, die wir „Joan“ nennen,
das Ergebnis unzähliger Ursachen und Bedingungen sind.

Diesem Sinn nach spreche ich davon, dass wir unser Wetter
nicht persönlich nehmen und dass die getrennte Person nichts
als eine Fata Morgana ist. Aber ich leugne nicht, dass etwas
hier ist, was wir Joan nennen oder dass sie eine ausgeprägte
Persönlichkeit hat.

Ich würde auch nicht leugnen, dass dieser Organismus mit dem Namen Joan ganz offensichtlich seine Hand öffnen und schließen kann, wann immer sie es will. Aber wenn wir genauer nach der Quelle des Impulses und der Fähigkeit, die Handlung auszuführen, schauen, finden wir keine Exekutivgewalt
am Steuer.

Das gesamte Universum zeigt sich als das Öffnen und Schließen der Hand und als dieses sich entfaltende Ereignis mit dem Namen Joan.

Wenn du also hörst, dass die Person eine Art Fata Morgana ist
oder dass der Körper eine konzeptuelle Idee ist oder dass du
dein Leben nicht persönlich nehmen musst, dann weist diese
Art von Aussagen auf das Fließende, die Ganzheit, die Leerheit
hin, die Jetzt/Hier ist.

Es bedeutet nicht, dass du nicht traurig bist, wenn dein(e) Liebste(r) stirbt oder dass du dem psychologischen oder sozialen Sinne nach keine sogenannten „Grenzen“
mehr hast. Es bedeutet nicht, dass du alle deine persönlichen
Charakterzüge oder alle deine Schrullen verlierst.

Es bedeutet nicht, dass du dich nicht mehr entschuldigst, wenn du jemanden verletzt oder einen Fehler machst oder dass du nicht immer noch Meinungen und Vorlieben hast oder dass du dir nie mehr Ziele setzt oder dich nie mehr um etwas bemühst oder dich um etwas kümmerst.

Es bedeutet nicht, dass du deine Hand nicht öffnen und schließen kannst oder dass du deine Aufmerksamkeit nicht willentlich fokussieren oder verschieben kannst oder dass du den funktionalen Sinn der Identität mit einem bestimmten Körper-Verstand verlierst oder dass du den Unterschied zwischen dir und deinem Computer nicht herausstellen kannst.

Es bedeutet nur, dass du nichts davon persönlich nimmst.
Tatsächlich könnte es sein, dass du das Leben sehr viel tiefer
spürst, wenn du es nicht persönlich nimmst. Es geht hier nicht
darum, „unpersönlich“ zu sein im Sinne von distanziert,
unverbunden oder unbeteiligt.

Es geht nicht darum, sich vom Leben zurückzuziehen oder deine Menschlichkeit zu leugnen. Ganz im Gegenteil, es ist vollkommene Vertrautheit – keine Trennung. Du erkennst, dass all das (dein Schmerz, deine Neurosen, deine Meinungen, deine Handlungen) ein nahtloses Ereignis sind, nicht zu trennen vom Wind, den Bäumen, den Meeren, den Gezeiten, den Planeten, den Sternen, den Galaxien, den Schwarzen Löchern und dem Gewahrsein, das das alles beinhaltet.

Joan Tollifson

Reaktionen

Neben Jeff Foster, Scott Kiloby, Gangaji, Mooji, Eckhart Tolle und HO Gerhard Strauss, derzeit meine klarste Empfehlung, wenn jemand kompromisslose Hinweise auf DAS, was wir alle sind, finden will!

Christian Ruckerbauer