Wo nichts ist, kann auch nichts fehlen

Sünde und Schuld

 

Das Rad des Lebens

Nach westlichem Verständnis nimmt das Leben einen linearen Verlauf. Im Osten werden Leben und Sein als zirkulär gesehen: Sie kehren immer wieder an den Ausgangs-punkt zurück. Das Leben beginnt mit dem ersten Atemzug und endet mit dem letzten. Samsara ist das Rad des Lebens, und das kann sich zum Beispiel auch auf die Jahreszeiten oder auf die Umläufe der Planeten beziehen. Bemerkenswert und wohl auch bezeichnend ist hier, dass der Osten nie viel Wert auf chrono-logische Geschichtsschreibung gelegt hat, dafür umso mehr auf die Beziehungen zwischen Kräften und Ereignissen, auf die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung, durch die alles Leben bestimmt ist.

Der Kreis hat etwas Geheimnisvolles und besitzt seine eigene Logik und Magie. Kaum eine Bewegung im Universum verläuft linear, fast alles scheint sich in Kreisläufen oder Kreis-bahnen zu bewegen, um endlos immer wieder zum Ausgangs-punkt zurückzukehren und neu zu beginnen, seien es Sterne oder Planeten oder das menschliche Leben. Die Manifestation begann mit dem, was die Wissenschaft als Urknall und die Mystik als »Gewahrwerden des Bewusstseins« kennt – ein Ausbruch von potenzieller Energie in die Aktivität, die sich schließlich erschöpft, bis wieder der ursprüngliche Zustand der Potenzialität erreicht ist. Zum Vergleich eignet sich der Mond mit seinen Phasen: vom Neumond zum Vollmond und wieder zum Neumond.

Vielleicht meinte Laotse genau das, als er sagte: »Wenn das Werk getan ist und man allmählich einen Namen bekommt, tut man gut daran, sich in die Unsichtbarkeit zurückzuziehen.« Alles Leben ist Wandel, aber der menschliche Geist, das ist seine Eigentümlichkeit und Natur, will von allem, was er einmal für gut und angenehm befunden hat, immer mehr und mehr und möchte von Zyklen nichts hören. Doch leider, wenn man die Sicherheit des immer Gleichen sucht, kann das, was einmal so gut war, seine Frische und Lebendigkeit nicht behalten.

Bei ganz kleinen Kindern besteht bis zur Bildung des Ich-Bewusstseins im Alter von etwa drei Jahren, also bis zur Identifikation des ursprünglichen Bewusstseins mit diesem bestimmten Körper, keinerlei Dualismus. Bei dem englischen Lyriker und Geistlichen Thomas Traherne (17. Jahrhundert) lesen wir: »Die ganze Welt war sein, der Himmel, die Sterne, die Sonne und der Mond, und er war gänzlich unschuldig und frei von Zwiespalt ihr alleiniger Betrachter und Liebhaber, bis er verdorben wurde und man ihn die schmutzigen Schliche dieser Welt lehrte.« Die Unschuld der Kinder ist unwissend. Dieselbe Unschuld, jetzt aber wissend, finden wir am Ende des menschlichen Evolutionszyklus, wenn der Ego-Täter wieder abgetreten ist, beim Wissenden. Denken wir an das Christus-wort: »Es sei denn, dass ihr euch umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.«

Grundlagen

Wenn Besucher zu mir kommen, mache ich sie als Erstes darauf aufmerksam, dass alles, was ich sage, »nur Gedanke« ist, nicht »die Wahrheit«. Ich füge hinzu, dass überhaupt alles, was je von Wissenden gesagt worden ist, und alles, was in den heiligen Schriften aller Religionen steht, nur Gedanke ist. Ein Gedanke ist so oder so auslegbar, der eine pflichtet bei, der andere nicht. Wahrheit andererseits ist das, was niemand bestreiten kann.

 Wenn ich meine Besucher frage, ob sie etwas so sicher wissen, dass es unzweifelhaft die Wahrheit ist und nicht einfach Gedanke, dann wissen die meisten nichts zu antworten. Ich antworte dann selbst, es gebe in der Tat nur eine einzige Wahrheit, an der nicht zu rütteln ist. Nehmen wir an, ein Atheist kommt zu mir und erzählt, er habe das Thema sehr eingehend studiert, sogar mit einer Promotion im Fach vergleichende Religionswissenschaft, und sei vollkommen überzeugt, dass es keinen Gott gibt. Ich würde ihm erwidern, seine Überzeugung sei absolut legitim, da »Gott« ohnehin einfach ein Gedanke sei. Ich sage: Gott mag existieren oder nicht, aber würden Sie Ihre eigene Existenz bestreiten?

Da liegt nämlich die einzige unbestreitbare Wahrheit, im unpersönlichen Gewahrsein von Sein oder Existenz. Da gibt es nichts zu deuten. ICH BIN ist wahr. »Ich bin Hans« oder »Ich bin Grete«, das ist nicht die Wahrheit. Die Wahrheit des ICH BIN kann unter dem persönlichen Ego verborgen liegen.

Und dieses individuelle Ego ist der spirituelle Sucher. Aber das Ego existiert eigentlich gar nicht. Wenn jemand zu mir kommt und sein Ego demontiert haben möchte, um dann »selbstverwirklicht« oder »erleuchtet« zu sein, fordere ich ihn auf, mir sein Ego vorzuweisen – verbunden mit dem Versprechen, es vor seinen Augen dem Erdboden gleichzumachen.

Was ist denn das Ego? Was verstehen Sie darunter? Wenn ich so frage, antworten die meisten ungefähr so: »Ego ist die Identifikation mit einem Körper, der als etwas von allen anderen Menschen Getrenntes gesehen wird, und diese Trennung ist die Ursache allen Unglücks.« Doch bloße Identifikation mit einem Namen und einem Körper oder Name-und-Form (Sans-krit nama-rupa) kann noch kein Ego bilden, denn selbst der Wissende, der ja sein Ego überwunden hat, reagiert wie jeder gewöhnliche Sterbliche, wenn sein Name gerufen wird.

Worin besteht dann aber der Unterschied, was macht den Wissenden zum Wissenden? Der Umstand, dass er ohne jeden Zweifel die Richtigkeit dieser Worte des Buddha erkannt hat: »Ereignisse tragen sich zu, Taten werden getan, doch es gibt kein Individuum, das Taten verrichtete.« Er weiß also mit absoluter Sicherheit, dass weder er noch irgendwer tatsächlich Täter seiner Taten ist, dass alles »Tun« ein göttliches Wirken ist, das lediglich durch diesen oder jenen Körper-Geist-Organismus geschieht, aber nicht von jemandem »getan« wird.

Hier erhebt sich die Frage: Wenn niemand tut, was getan wird, wer ist es dann, der in dieser Welt lebt? Wer erfährt Glück und Unglück? Wer sucht »Selbstverwirklichung« oder »Erleuchtung« oder was auch immer? Die kurze Antwort lautet, dass wir nur meinen, wir lebten unser Leben, während das Leben in Wirklichkeit einfach durch Milliarden Körper-Geist-Organismen gelebt wird. Das Ego bildet sich ein, es sei der Macher und erfahre Glück und Unglück. Das Neugeborene sucht instinktiv die Brust der Mutter, und von da an ist das Leben Suche – Suche eines Ego, das sich als Sucher, als Täter seiner Taten und für diese Taten verantwortlich sieht.

 In Wahrheit, wie gesagt, ist ein Mensch nichts weiter als ein Instrument, ein Computer mit jeweils spezieller Programmierung, dessen sich Gott (der Ursprung, die Urenergie, das Bewusstsein oder eben das Eine ohne ein Zweites) bedient, um zu bewirken, was er bewirken möchte. Der Ursprung bedient sich dieser Milliarden Computer genauso, wie Sie Ihren Computer handhaben. Sie beschicken Ihren Computer und seine spezielle Programmausstattung mit einem Input, und er hat dann keine andere Wahl, als den Output zu produzieren, für den er programmiert ist. Wenn Sie meinen, es sei »Ihre Sache«, wie Sie handeln, dann müsste man auch vom Computer sagen, es sei »seine Sache«, was er produziert.

Worin besteht nun Ihre Programmierung? Sie haben Ihre Eltern nicht selbst gewählt und daher auch nicht Ihre Gene und die DNA Ihres Körper-Geist-Organismus. Sie haben sich auch nicht das Umfeld ausgesucht, in das hinein Sie geboren wurden und in dem Ihr Körper-Geist-Organismus vom ersten Tag an seine Prägungen erhalten hat. Zusammen bilden Ihre DNA und die Umwelteinflüsse, denen Sie ausgesetzt waren, die »Programmierung« Ihres Körper-Geist-Computers.

Und wie benutzt der Ursprung (Gott) den menschlichen Computer? Der »Input«, denke ich, ist entweder ein Gedanke des Grundbewusstseins oder Ursprungs oder einfach das, was an Sinneseindrücken aufgenommen wird. Das Gehirn reagiert darauf und produziert als »Output« eine Reaktion des Körper-Geist-Organismus. Neuere Forschungen zeigen, dass die Gehirnreaktion dem scheinbar vom Ich ausgehenden Impuls eine halbe Sekunde vorausgeht. Es liegt demnach auf der Hand, dass nicht das Ich über den Input bestimmt, und natürlich hat es auch keinerlei Einfluss auf die Programmierung, die über die Reaktion des Körper-Geist-Organismus bestimmt. Diese Reaktion ist offensichtlich einfach biologischer oder mechanischer Art. Doch das Ego beharrt darauf, diese Reaktion als seine Aktion zu sehen.

Beachten wir auch, dass die biologische oder mechanische Reaktion des Körper-Geist-Organismus beim Wissenden nicht anders ausfällt als beim gewöhnlichen Menschen. Bei gleichem Input und ähnlicher Programmierung darf man ähnlichen Output erwarten – Ärger, Belustigung, Angst, Mitleid oder was es auch sei. Hartnäckig hält sich aber der Glaube, mit Selbstverwirklichung oder Erleuchtung sei eine derart tiefe Verwandlung verbunden, dass der Wissende fortan vollkommen sei, nichts mehr von Ärger, Frustration oder Angst. Aber, wird man jetzt einwenden, es muss doch einen Unterschied zwischen einem Erleuchteten und einem Unerleuchteten geben. Worin besteht er, wenn die programmierten Reaktionen ungefähr gleich ausfallen? Er besteht in dem, was nach der ersten Reaktion geschieht.

Sagen wir, irgendeine Situation löse – beim Wissenden wie beim gewöhnlichen Menschen – Verärgerung aus. Beim gewöhnlichen Menschen reißt jetzt das Ego das Ruder an sich und sagt: »Ich bin wütend. Ich soll mich aber nicht ärgern, mein Arzt hat gesagt, davon bekomme ich hohen Blutdruck und dann womöglich einen Herzinfarkt oder Gehirnschlag.« Der Körper-Geist-Computer reagiert einfach im Augenblick, aber das Ego zieht die Reaktion in die Länge und Breite. Wenn dem Wissenden Ärgerliches widerfährt, wird er vielleicht lauthals schimpfen, aber damit ist seine Reaktion dann auch beendet und bereits im nächsten Augenblick ist er wieder aufgeschlossen für alles, was sich dann bieten mag.

Dazu fällt mir etwas ein, was ich vor langer Zeit während eines Besuchs bei meinem Guru, Nisargadatta Maharaj, erlebt habe. Jemand stellte eine Frage, die Maharaj offensichtlich aufbrachte. Er schrie den Fragesteller an: »Du kommst jetzt schon sechs Jahre und stellst immer noch solche dämlichen Fragen!?« Der so Angeraunzte kannte Maharaj gut und konterte ebenso schlagfertig wie witzig. Alle lachten, Maharaj am lautesten. Eben noch verärgert, jetzt schon wieder zum Lachen aufgelegt. Das hätte als Ego-Reaktion ganz anders ausgesehen. Das Ego würde sagen: »Ich bin ärgerlich, und dieser Mann da hat mich verärgert – kommt gar nicht infrage, dass ich über seinen Witz lache!« Beim gewöhnlichen Menschen hätte die Ego-Einmischung mit anderen Worten in die Breite geführt und keine Aufgeschlossenheit für den nächsten Augenblick zugelassen. Deshalb ist der gewöhnliche Mensch manchmal glücklich, meistens aber unglücklich.


 

Ramesh Balsekar Autor im Noumenon Verlag für hochwertige spirituelle Bücher

 

Ramesh bietet hier eine nachvollziehbare sehr lebenspraktische “Lösung” zu unserem Dasein.
Es ist eine Abrechnung und Klarstellung des sogenannten freien Willens, dieser leidbringende Makel unseres Denkens. In wunderbar humorvoller und menschlicher Fürsorge erklärt Ramesh das Unheil, das die Idee des freien Willens verursacht.

Denn, der freie Wille evoziert die Möglichkeit es”falsch oder richtig zu machen” nicht nur in Bezug auf mein sogenanntes Handeln sondern auch auf das der “sogenannte Anderen, diese Haltung ist der Nährboden für Schuld Grössenwahn und Vorwurf und jedes kleinste Teil Vorwurf richtet sich gleicherweise auch nach innen und verletzt und löst Leid aus.

Hier wird mit der spaddeligen Idee der persönlichen Täterschaft gründlich aufgeräumt. Hervor tritt ein Mensch in vollendeter Akzeptanz das alles Vorherbestimmt und richtig ist, Schluss mit Fragen wie Urvertrauen (Superabstraktion!) an dessen Stelle befreite Akzeptanz steht. Wo Buddha laut mittlerer Sammlungen den Menschen scheinbar noch tiefer ins Leid bringt weil er von totaler Täterschaft und Verantwortung (du bist deines Karmas Schmied und so) spricht, lässt Ramesh den ganzen Krampf oder spirituelle Mangelverwaltung mit Humor in eine Lösung bringen die das reinste Bhakti darstellt das ich je vorgefunden habe.

Dieses Buch geht weit über spirituelle Schwärmerei hinaus, man merkt ununterbrochen das Ramesh sich wirklich unglaublich in die Entstehung von Leid reingearbeitet hat und was kommt dabei raus, ja Tatsächlich, eine nachvollziehbare lebenspraktische wunderbar “EINFACHE” Lösung. Ein tolles
Buch ohne intellektuelle Überflüssigkeiten(sowas kennen ich auch von Ramesh aus den 90gern).
Auch Einstein Leibniz und Stephen Hawkins bestätigen das alles bereits geschen ist bevor unsere Impulse zulangen um mitzumischen. Dieses Buch hat meine Haltung total verändert, wie dankbar ich bin, kann ich wirklich nicht sagen, doch vielleicht so: “Dankbar sind nicht die Glücklichen, sondern Glücklich sind die Dankbaren.”

dailyveda

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Noumenon Verlag
Lornsenstraße 14
22767 Hamburg 

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