Gott.Mensch.Sein - Cover

Leseprobe

Wo nichts ist, kann auch nichts fehlen

 

Worum geht es bei der spirituellen Suche? Wer sucht was? Einerlei, was gesucht wird, der Suchende ist jedenfalls ein
Ich oder Ego. Was möchte das Ego mit der spirituellen Suche erreichen? Die Antwort scheint nahezuliegen: Freiheit.

Das Wort »Ego« steht für die Identifikation mit einem Körper und einem Namen, die als etwas Gesondertes, als eigen-ständige Wesenheit gesehen werden, und diese Identifikation lässt uns glauben, unser Leben selbst in der Hand zu haben.

Die vom Ego angestrebte Freiheit ist nicht, wie so oft
fälschlich angenommen wird, Freiheit von sich selbst. So etwas
kann es nicht geben. Selbst im vollkommenen Begreifen (nach
der Erleuchtung oder Selbstverwirklichung – oder wie man es
auch nennen mag) muss das Ego sein Leben als eben diese
bestimmte gesonderte Wesenheit immer noch zu Ende leben.

Um welche Freiheit geht es dann tatsächlich? Das ist das Rätsel
aller Rätsel, das große Fragezeichen, vor das sich jeder Sucher
irgendwann gestellt sieht. Trotzdem hat diese Seite der Suche
längst nicht die Beachtung gefunden, die sie verdient.

Es geht weder um die Freiheit vom »anderen« noch um die Freiheit vom »Ich«, denn Beziehungen jedweder Art sind einfach die Grundlage des Lebens, wie wir es kennen. Es kann also nur um Freiheit von den Problemen gehen, die alle Arten von
Beziehungen notwendigerweise mit sich bringen.

Und solche Probleme gibt es ja auch und gerade in besonders engen Beziehungen, mehr noch als im Umgang mit eher fernstehenden Menschen. Je enger die Beziehung, desto quälender wird es, wenn sie nicht richtig »funktioniert«.

Die Kernproblematik der spirituellen Suche hat demnach mit
den Ursachen unbefriedigender Beziehungen zwischen »mir«
und dem »anderen« zu tun. Lässt sich eine Grundursache ausmachen? Wenn man sich Beziehungen anschaut, die nicht gut funktionieren, kann man nur staunen, in wie vielen Fällen die Ursache so oder so ähnlich aussieht:

Wie kommt sie dazu, so etwas zu machen?
Wie kann er mir das verweigern?

Es scheint in sehr vielen Fällen darum zu gehen, dass einer den
anderen kränkt, entweder durch das, was er tut, oder durch
etwas, was er unterlässt. Da geht es immer um dieses Gefühl
persönlicher »Täterschaft«.

Aber Beziehungen können nur wirklich gut laufen, wenn die Beteiligten akzeptieren, was in den Worten des Buddha zum Ausdruck kommt: »Ereignisse tragen sich zu, Taten werden getan, doch es gibt kein Individuum, das Taten verrichtete.«

Und das bringt uns auf die Grundtatsache, dass zwar letztlich
kein Ego existiert, aber praktisch gesehen immer das Ego als
der Suchende auftritt.

Das Ego also muss davon überzeugt werden, dass sein Existenzgefühl nichts weiter als göttliche Hypnose ist und sein sogenannter freier Wille einfach aus genetischen und von seinem Umfeld ausgehenden Programmierungen des Körper-Geist-Organismus besteht, auf die es selbst keinerlei
Einfluss hat.

Erst wenn das Ego durch genaue Betrachtung seiner eigenen
Erfahrung zu dem Schluss gelangt, dass jede einzelne seiner
Handlungen auf Voraussetzungen beruhte, die es nicht in der
Hand hatte, bleibt ihm schließlich nichts anderes mehr übrig,
als sein Gefühl persönlicher Täterschaft aufzugeben und einzusehen, dass niemand – weder es selbst noch der »andere«
– Urheber dessen ist, was jeweils gerade getan wird.

Alles, was in irgendeinem Augenblick unter Beteiligung irgendeines Körper-Geist-Organismus geschieht, wird durch die in jedem Körper-Geist-Organismus wirkende Urenergie gemäß dem Willen Gottes oder dem kosmischen Gesetz herbeigeführt.

Erst wenn das Ego ganz akzeptiert hat, dass es an dem, was
getan wird, nicht als Täter mitwirkt, wird es aufhören, irgendwem – sich selbst oder dem »anderen« – wegen irgendetwas Vorwürfe zu machen. Und erst dann
können Beziehungen zwischen ihm und dem »anderen« reibungslos laufen.

Was nämlich Beziehungen im Alltag am schwersten belastet, sind all die Schuld- und Schamgefühle wegen unseres eigenen Verhaltens und der nachtragende Hass auf andere und deren Verhalten, den wir mit uns herumschleppen.

 

Unser Alltag stellt so viele verschiedenartige Anforderungen,
dass Überanstrengung und Stress unsere ständigen Begleiter
geworden sind. Das Einfache ist aus unserem Leben verschwunden, und wir stehen ratlos vor den vielfältigen Wahlmöglichkeiten und Entscheidungszwängen, mit denen so gut wie alles verbunden ist.

Dennoch, bei allem Gestaltungs-willen ahnen wir manchmal in der Tiefe, dass die Dinge unseres Alltags ihren ganz eigenen Verlauf nehmen, den unser Verstand nicht immer nach-vollziehen kann. In solchen Augenblicken des Aufdämmerns
der Wahrheit kann uns der Gedanke kommen:

»Wieso nehme ich das alles so schwer? Weshalb schwimme
ich nicht einfach mit dem Strom des Lebens, anstatt gegen ihn
anzukämpfen?« Es gilt eindeutig für uns alle, dass wir zwar jederzeit eine Entscheidung oder Wahl treffen können, aber wie es dann weitergeht – oder eben nicht weitergeht –, entzieht sich unserer Kontrolle, was auch immer wir unternehmen mögen.

Bei näherer Betrachtung kann man eigentlich nur zu dem Schluss kommen, dass unser freier Wille allerhöchstens darin besteht, eine Entscheidung zu treffen und diese Entscheidung dann nach bestem Wissen in Aktion umzusetzen. Ob wir damit
Erfolg haben oder nicht, liegt nicht in unserer Hand.

Damit ist klar, was unser Leben so strapaziös und stressig macht: die Erwartung, dass unsere Anstrengungen zum Erfolg führen. – Warum also nicht einfach unser Bestes geben und es dabei bewenden lassen? Erwartungen bestimmter Resultate ziehen nur Frustration nach sich.

Und dann die Zweifel. Wie oft kommt es vor, dass man nach
bestem Wissen und Gewissen eine Entscheidung trifft und
dann doch denkt: Ob das wohl richtig war? Hier ist es ganz
entscheidend, zu sehen, dass es eine »richtige Entscheidung«
gar nicht geben kann.

Der angeblich freie Wille reicht nur bis zur Entscheidung
selbst und der Einleitung unserer Aktionen. Danach kommen andere Kräfte und Umstände ins Spiel, die man unmöglich steuern kann.

Und was dann im Weiteren tatsächlich geschieht, wirkt sich ja nicht nur auf den sogenannten Handelnden selbst, sondern darüber hinaus auf andere aus, die gar nicht direkt
beteiligt waren.

Das bringt einiges an Aufregung und Verunsicherung mit sich und erzeugt ständiges latentes Unbehagen in unserem Leben.
Die Lösung kann nur darin bestehen, dass man sich um Bewusstheit im Augenblick bemüht und klar sieht, wie wenig
man über seinen Stellenwert im Gewebe alles Existierenden
selbst mitzubestimmen hat.

Diese Einsicht besagt im Grunde das, was für jeden einzelnen Augenblick gilt: »Alle Lebewesen der Erde öffnen die Augen weit und blicken Mir ins Auge.«

Es handelt sich um die schlichte Erkenntnis, dass alles – gemäß dem kosmischen Gesetz, das dem menschlichen Verstand für immer unerreichbar bleibt – jederzeit genauso ist, wie es
sein soll.

Dieser radikale, auf Erfahrung gegründete Realismus ist zwar
eher im Osten, namentlich in Indien, verbreitet, wird aber von
großen Mystikern und Künstlern überall auf der Welt geteilt.
Der Gipfel der Bewusstheit ist natürlich im Osten kein anderer
als im Westen.

So wusste schon der irische Mystiker Johannes Scotus Eriugena im neunten Jahrhundert: »Jede sichtbare und unsichtbare Kreatur ist eine Erscheinung Gottes.« Und Meister Eckhart sagte im dreizehnten Jahrhundert: »Das Auge, mit dem ich Gott sehe, ist das Auge, mit dem Gott mich sieht.

« Meister Eckhart meint hier das, was im Osten »Buddha-Auge« genannt wird und worüber die Upanischaden sagen: »Wahrlich, du selbst bist das Auge, das unendliche Auge.«

Es ist also nicht das Auge des Ich, sondern das Auge des »in der menschlichen Seele geborenen Gottes«, das Auge des
wahren Selbst.

Es ist nicht das Auge, mit dem ein Mensch einen anderen sieht; nicht das Auge, das in der relativen Welt der Phänomene in Beziehungen zwischen Subjekt und Objekt eine Rolle spielt…

Ramesh Balsekar

Reaktionen

Nur wenige Meister der Gegenwart haben uns so eindringlich und mit so klaren, einfachen Worten ihre Botschaft vermittelt. Dabei ist Ramesh Balsekar gleichzeitig kompromisslos und unendlich weit in seiner Sicht der Wirklichkeit.
Immer betont er, dass natürlich auch seine Darstellung nur ein Konzept dieser Wirklichkeit sein kann und als echter Mystiker lädt er ein, die persönlichen Erfahrungen des täglichen Lebens selber genau zu untersuchen, sein vorgeschlagenes Konzept auszuprobieren, eigene Erkenntnis zu gewinnen.
Im vorliegenden Buch fasst Ramesh die Essenz all seiner Antworten auf diese jahrelangen Fragen der Suchenden zusammen, um in leicht verständlicher Weise seine Lehre darzustellen.

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