Gott.Mensch.Sein - Cover

Leseprobe

Zen und Tao im Licht von Advaita

 

Gemäß Advaita gehen Bindung und Unzufriedenheit vom Empfinden aus, ein persönlich Handelnder mit eigenem Willen zu sein. Der gesamte Ablauf des Alltags ist von der Vorstellung geprägt, dass hinter jeder menschlichen Handlung ein Wille steckt. Deshalb soll der Mensch für diese Handlungen „verantwortlich“ sein.

Tatsache ist allerdings, dass Menschen auf einen äußeren Stimulus hin nicht „agieren“ sondern „reagieren“. Die meisten Menschen werden fast die ganze Zeit ihres Lebens durch Reflexe bestimmt, die im Wesentlichen auf Instinkte, Gewohnheiten und auch auf Propaganda zurückzuführen sind.

Der Bereich absichtlicher und bedachter Handlungen ist im tatsächlichen Leben extrem begrenzt. Und doch ist fast jede Person überzeugt, dass sie der Handelnde ist. Deshalb sagt Ashtavakra, dass die Idee eines individuellen Willens dem tödlichen Biss einer Schlange gleicht – dem Ego.

Die einzige Praxis, die den Menschen vom Gift der persönlichen Täterschaft befreien kann, liegt im Verzicht auf die Identifikation mit einem bestimmten Objekt, das für ein getrenntes, selbst handelndes Wesen gehalten wird.

 

Die Menschen können glauben, dass sie ihr Leben leben, aber tatsächlich werden ihre Leben als Teil des Ablaufs der gesamten Manifestation gelebt. Alle Ereignisse zusammen stellen den Ablauf der Manifestation dar, die der unaufhaltsamen Kausal-kette entspricht. Es ist einfach irrsinnig zu glauben, dass das Funktionieren der Totalität Raum für einen individuellen Willen lassen könnte, außer natürlich als Teil eben dieses Ablaufs.

Das einzige Antidot gegen den Schlangenbiss der Täterschaft liegt im „Vertrauen“, dass der Mensch nicht als individuelle Körper-Mind Entität – und damit als reines Objekt – existiert, sondern als das Eine Subjekt, das Noumenon*.

Eben dieses Vertrauen bringt das plötzliche und unwillkürliche Verstehen mit sich, dass „Ich“ das Eine Subjekt bin, und dass die gesamte Manifestation mein objektiver Ausdruck ist. „Ich Bin“ das Universale Bewusstsein, in dem die Totalität der phänomenalen Manifestation von selbst erschienen ist.
Dieser Ablauf ist, was wir als unser tägliches Leben bezeichnen.

*Das Wort „Noumenon“ wurde oft vom großen Philosophen Immanuel Kant verwendet, um auf den Unterschied zwischen der unteilbaren Welt der Wirklichkeit (Noumenon) und der offensichtlichen Welt, die aus wahrnehmbaren „Phänomenen“ besteht, hinzuweisen.

Ramesh Balsekar

Reaktionen

Für Advaita Kenner, ist das eine weitere Kaufempfehlung. Wie immer sehr eloquent und aufschlußreich. Und wer Balsekar nicht kennt, kann es auch unbesehen kaufen. Allein wegen seiner Auslegung des Tao te king. Kann ich nur empfehlen.

Fred